Ein Hoch auf die Langeweile

modelaessig

Warum weniger manchmal mehr ist.
Eine Kolumne von Martina Kunze

Ich langweile mich nicht. Ich rase, was das Zeug hält. Auf nach Stress-City. Ab ins Theater. Die nächste sonnige Entspannungsrunde steht auf meinem Selbstliebeprogramm. Der Blick auf die Uhr sagt mir, ich komme zu spät. Der moderne Mensch hat keine Zeit mehr. Ups. Versehentlich Radfahrer umgeschubst. Naja, was fährt der da auch. Schon okay! Man hat es ja wirklich nur mit Verrückten zu tun. Ähm. Sprache dient übrigens vor allem dazu, unser Verhalten zu rechtfertigen. Oberstes Ziel der Evolution war nicht, Wahrheiten zu vermitteln. Also damals, als sie vor 50.000 bis 80.000 Jahren das Zeichensystem Sprache entwickelten. Und mein Arbeitsgedächtnis, das ich für das Planen und Entscheiden zwingend benötige, hat lediglich eine Kapazität von 50 Wahlmöglichkeiten pro Sekunde. Zudem registrieren unsere Augen lediglich 10 Millionen Bits pro Sekunde. Das Gehirn kann Information nicht beliebig schnell verarbeiten. Darum ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Manche Vorgänge bleiben im Kopf unvollendet. Manchmal blocken wir sogar ab. In jedem Fall verzichten wir auf einen großen Teil der eigentlich verfügbaren Information. Bilden Sie sich ja nicht ein, dass Sie alles erkennen im Leben.

Allen Widrigkeiten zum Trotz verzögere ich darum Zeit an der Tankstelle. Ich bewege mich mit aufreizender Langsamkeit. Doch dieser Versuch findet wenig Anklang. Wie schnell sich die Gesichtszüge von Menschen verändern können. Hupen an einer Tankstelle finde ich ja so was von daneben. Es hallt und ist darum doppelt laut. Meine Ohren tun weh. Was der Augenblick mir gerade sagt, wird später überprüft, geordnet, frisch gewagt.

gandolf

Ich muss mich beeilen. Bloß nicht denken. Einfach rein. Von der Arbeit ins Theater. Garantiert keinen Parkplatz finden. Den ersten Akt um eine halbe Stunde verpassen. Im 2. Akt einschlafen. All reden von Multitasking. Früher ging man nach der Arbeit nach Hause, hat eine Kleinigkeit gegessen, geduscht und sich fein gekleidet für den Abend. Ich schwör`s, der nächste Stau ist meiner. Da bekomme ich dann die Zeit, nach der ich mich so sehr sehne.

Anderen zuhören? Sich Zeit für andere nehmen? Schneller geht`s, wenn man sich das alles spart. Und wozu denn Sachen durchdenken. Diese Welt fordert Schnellschüsse. Flankiert von Websites, Facebook, App`s, E-Mails und SMS.  Mein Twitter-Account quillt über. Immer mehr Ablenkung. Immer mehr Entscheidungen sind zu treffen, weil die Angebote an Zahl stetig zunehmen. Immer mehr nehmen sich immer weniger Zeit, um ihrem Leben einen persönlichen Stempel aufzudrücken. Wir haben immer mehr Freizeit, aber keine Zeit mehr. Damit uns Sklaven der Selbstoptimierungspropaganda nur keine Zeit unnütz verstreicht. Bloß nicht das Gefühl der Leere spüren. Zeit ist Geld.  Wegen dieses aufgedruckten Versprechens muss immer mehr Nutzen in Zeit untergebracht werden. Keine Zeit zu haben, ist quasi ein Status-Symbol. Alles ist ultra! Alles ist cool! Fortgerissen im Zeitstrudel. Wir folgen einem Zeittakt, der uns nicht entspricht. In  meiner Brust pulst alles.  Oh, du heile Welt. Ich dachte, wir leben in der besten aller Zeiten. Denkste!

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