Bruchteile des Ganzen

stille hoeren

„Mensch, du hast dich aber verändert, Paula. Du warst doch immer so groß und jetzt kommst du mir so klein vor. Du warst doch immer so braun, jetzt bist du so blaß. Was ist mit dir los, Paula?“
„Ich habe….“, stottert Paula. (Machen Sie sich keine Illusionen über ihre  Freunde, sie sind sehr schlau)
“ Ja, aber wieso tust du es auf diese Weise. Es gibt doch dies und das, Paula? “
Und Paula sagt: „Ich heiße doch gar nicht Paula. Ich heiße Martina.“
„Ach, deinen Namen hast du auch geändert? Du , ich habe einen Job gefunden, der mir ein ausgezeichnetes Vorwärtskommen bietet. Werde keine Zeit mehr haben. Seufz!“

(Geradezu listig und spitzfindig. Sie spielen Theater und wissen es nicht einmal. Sie glauben, dass sie voller Liebe und Hingabe sind. Doch wen lieben Sie denn?

„Was für eine Art von Vorwärtskommen ist das?“, fragt Martina.
„Oh, ein toller Job. Ich verdiene richtig gutes Geld. Ein finanzielles Vorwärtskommen.“

Wir leben mit verrückten Vorstellungen von Beziehungen, Glück, Freundschaft und Freude, Liebe, von allem möglichen.

Wie will man einen solchen Menschen  zum Zuhören bekommen? Warum soll ich mich mit einem solchen Menschen vergleichen? Mich gar von der Moral jenes treiben lassen? Einem, der wie hypnotisiert nur sieht, was nicht da ist, und das, was da ist, nicht sieht. Einem, der einzig sagt, wie es sein soll. Solche Menschen wollen, das andere ihnen begegnen, wie es ihr Egoismus, ihr Geschmack, ihrem Vergnügen, ihrem Stolz und Nutzen entspricht.
Das ist wie mit einem Baum, dessen Triebe wir nur allzu gern beschneiden. Damit  unsere Vorstellung von einem Baum erfüllt ist.Um Triebe schneiden zu können, müssen Triebe erst einmal wachsen.

Ich bin am Auspacken. Eine gute Zeit, sich diese Fragen zu stellen.
Fläschen abfüllen, Zucker und Mehl in Tüten, Knabberzeug. Haustierfutter, geschmackvolle Kleidung, Alufolie, Kunststoffflaschen, Frischhaltebeutel, Wasser, Saft, Bier in Dosen und Flaschen, die Blechbüchse Kekse, Bonbons in Schächtelchen, Kaffee in Kunststoffkapseln.  Und noch ein Karton Patronen. Besonders beliebt ist mir das Auspacken von dreifach verpackten, doppelt verschweißten Ersatzpatronen für den heimischen Drucker. Bloß nicht verletzt werden von dem scharfen und spitzen Spezialwerkzeugen.
Papier und Kartonagen, Sperrmüll, Hausmüll, Leichtverpackung, Metallrecycling. Die Deckel der gelben, grünen, blauen und grauen Tonnen donnern im Takt.

Das Müllmenü eines Tages.
Mensch Müll ist doch das letzte, denke ich und schleppe mich mit meinem Kapsel-Kaffee-Tässchen zum Fenster mit Ausblick.
„Mmh, Kaffeearoma. Herrlich!“
Lust an sich zu verteufeln, hieße sich in Zukunft das Kacken abzugewöhnen, schrieb mir jüngst ein Autor.

Wir haben unsere Standpunkte, oder? Von diesen Standpunkten aus hören wir anderen zu.

Ein normaler Haushalt, der vor etwa 150 Jahren mit etwa 150 Dingen auskam, „braucht“ heute  mehr als 20.000 Gegenstände. Damals waren es der Zahnstocher und der Haarfestiger, die Säge im Keller, der Fluchtkoffer auf der Treppenstufe und vielleicht noch die Heftzwecke für alle Fälle. Schauen Sie sich um in Ihrem Wohnbereich. In einem einzigen kleinen Karton lagert heute in vielen Haushalten ein ganzes Museum von Smart Phones in allen Variationen.

kaffeesprung

Das Schwierigste auf der Welt ist das Hören und Sehen.

Wir wollen nicht sehen. Oder meinen Sie, ein Reicher will Arme sehen? Die Falschheit seiner Überzeugungen erkennen? Oder meinen Sie ein Kapitalist will das Gute am kommunistischen System sehen? Oder ein Kommunist das Gute und Vernünftige am kapitalistischen System sehen? Oder meinen Sie, es ist schmerzfrei, wenn der Schrecken der romantischen Liebe fällt und man erkennt, dass man sich lediglich ein Bild von jemandem gemacht hat? Will ich gerade, dass mir  jemand sagt: „Hey, der Kaffeekapselboom!!! Denke an die Müllberge?“  Wenn das Denken einsetzt, zersplittert die Wirklichkeit in Millionen starre Stücke, die „Dinge“ heißen.

Wir argumentieren, nicht um Wahrheiten zu finden, sondern  um unsere Ansichten zu verteidigen:
Wir hören zu, nicht um zu entdecken, sondern um auf etwas zu stoßen, was unser eigenes Denken bestätigt.
Wir ziehen zuerst unsere Folgerungen und bauen dann unsere Prämissen um sie herum auf – nur um an unseren Theorien festzuhalten.
Schubladen und Etiketten sind sehr wichtig für uns. „Ich bin.. Du bist..“ Doch bin ich wirklich?

Wahrheit ist immer schon wahr vor unserem Erkennen.
Wir sind es, die sich selbst täuschen.
Wir wollen nicht sehen. Wenn man sieht, verliert man leicht die Kontrolle über sein Leben, das man so mühsam aufrechterhält.
Die Wahrscheinlichkeit,  wach zu werden, steht in direktem Zusammenhang damit, wieviel Wahrheit wir ertragen können, ohne vor ihr wegzulaufen.
Die Wirklichkeit ist das Ganze, erklären uns die Mystiker,  während Worte und Begriffe nur Bruchteile von ihr sind. Wir packen die Welt in kleine Wortpäckchen, verbinden sie mit Assoziationen, fügen etwas hinzu oder ziehen etwas ab.
Geschautes in Worte fassen? Wir werden mit dem Kopf schütteln – nein, so nicht. Bedeutungen, dessen, was ich gesehen habe,erklären – aufs neue wird der Kopf geschüttelt. Was wir wahrnehmen, passt in keine Formel, in kein Korsett, schon gar nicht in das Korsett eines anderen.

stille1

Was zu sehen ist, müssen wir selbst entdecken.
Jedenfalls, wenn wir fliegen und nicht nur mit den Flügeln* schlagen wollen. (*sicher im Nest unserer Glaubensüberzeugungen sitzen)

Wir werden ganz allein aufbrechen und entdecken müssen.

Advertisements

7 Kommentare zu “Bruchteile des Ganzen

  1. Wie froh bin ich, dass ich, bevor ich gerade noch mal in meinen Mailkasten geschaut habe und den Hinweis auf deinen Text bekommen habe.
    Ich habe öfter an dich gedacht in letzter Zeit. Hab dich ein wenig vermisst und unsere Kommunikation. Aber wie das manchmal ist, manchmal ist es gerade nicht die Zeit.
    Und dann kommen wieder Worte von dir, die mich mitten ins Herz treffen. Die Dinge so genau auf den Punkt bringen.
    Hach, es geht mir wieder gut.
    War heute bei dem Sturm mit Mr. Murphy im Flugzeug unterwegs und wir wurden ordentlich durchgeschüttelt, so dass mir nach ner Stunde auf festem Boden immer noch schwindelig und leicht übel war.
    Aber jetzt hab ich einmal tiiiiiief durchgeatmet und werde jetzt, die Stille genießend, schlafen gehen.
    Und morgen werde ich meine Welt weiter entdecken.
    Fühl dich geherzt

    • martinakunze sagt:

      Liebe Marieke, ich schreibe dir ganz bald.SChaue auch wieder bei dir vorbei….Murphy Kisses….deine Berlin-Abenteuer…..Natürlich denke ich auch an dich.
      Immer mal wieder. Kann gar nicht anders sein. 🙂
      Ich vermisse auch…Oh, wie schön, dass du noch schauen mochtest.
      Freue mich so sehr, von dir zu hören. Juchhee…
      Ja, ist so eine Zeit – gerade…
      Du im Flieger. Heute?!!!
      Gut, dass du wieder unten bist, wieder heil unten angekommen bist!!!!!
      Oh je, ja es stürmt so sehr….du bist mittendrin gewesen…
      Ja, tiiiiiiiiiiiiiiiieef durchatmen…Stille genießen….Ich sende dir die liebste Umarmung.
      Herzeliges….Gute Nacht, mit einem strahlenden Lächeln auf meinem Gesicht.
      We keep in touch.
      Jetzt sieh dir das an…ich habe meine Antwort an dich als zusätzlichen Kommentar unter deinen gesetzt….so was von aus der Übung….sorry…hier nun…direkt an dich…Freude, Freude…

  2. sugar4all sagt:

    Liebe Martina! Diese/Deine Beiträge habe ich vermisst und es ist deshalb umso schöner, in Ruhe in deine Zeilen einzutauchen….wunderbar!
    Einen ganz lieben Gruß – Karin

    • martinakunze sagt:

      Liebe Karin,
      einen so lieben Dank für deine Zeilen!!!! Freue mich riesig. Bin heute erst wieder Online, darum auch heute erst meine Antwort. Sorry. Danke. Danke. Danke. Es ist gerade etwa stiller….aber bald, bald, geht`s weiter…Ich wünsche dir Frohe Ostern – freie Tage, so, wie du sie dir wünschst. Einen ganz lieben Gruß zurück – Martina, sehr lächelnd.

  3. Anonymous sagt:

    Sehr geehrte Frau Kunze,
    integriert in den Verwaltungsbau der Adolf Würth GmbH & Co. KG in Künzelsau-Gaisbach entstand 1991 u.a. das Museum für Schrauben und Gewinde; momentan befinden wir uns in der Phase eines „Faceliftings“.

    Bei der Suche nach geeignetem Bildmaterial sind wir auf die Abbildung „martinakunzemexicoprojekt.wordpress.com gestoßen. Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang anfragen, ob Sie sich bereit erklären würden, uns druckfähige Bilddaten (300dpi) zu zu senden, verbunden mit der Abdruckgenehmigung Ihres Fotos.

    Da der Eintritt in unsere Museen kostenlos ist, steht die Ausstellung vor einem nicht-kommerziellen Hintergrund.

    Sehr gerne höre ich, wie Sie darüber denken und freue mich über Ihre Antwort.

    Um sich eigene Eindrücke zu verschaffen, möchten Sie vielleicht einmal unser Haus in Künzelsau-Gaisbach besuchen. Gerne können Sie mich da kontaktieren.

    Für weitere Fragen stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung.

    Besten Dank für Ihre Bemühungen im Voraus!

    Mit freundlichen Grüßen
    Adolf Würth GmbH & Co. KG

    Suzanne Zeidan-Neuberger

    • martinakunze sagt:

      Sehr geehrte Frau Zeidan- Neuberger,
      ich freue mich über Ihr Interesse und noch mehr, dass Sie auf mich „gestoßen“ sind. Herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Es würde mir helfen, wenn Sie mich wissen lassen könnten, an welche Art von Bilddaten Sie dabei dachten?
      Mit den freundlichsten Grüßen
      Martina Kunze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s