Ein weiterer Tag in Güte

verdreht

 

Und darum ist das Leben ja auch so ein Klacks.
Von wegen.

Es gibt eine Sehnsucht danach, mit sich selbst klarzukommen.
Wenn da nicht der Lärm des Alltags und das Kunstlicht wären. Sie lenken ab.
Also sage ich mir: Stillsitzen.
Aber Stillsein ist Luxus.

Wir streiten über Religion & Co.. Indianer streiten niemals über Religion. Sie wissen schon längst, ihr Großer Geist ist derselbe Gott. Flankiert von Websites, Facebook und Twitter. Mittlerweilen gibt es eine App, die das eigene Smartphone blockiert. Naja, und dann braucht`s ja recht lange in Deutschland, um einen Angelschein zu erhalten. Am besten kann man wahrscheinlich Forellen in Spanien fischen. Nicht gesund? Sie denken, vermutlich nicht gesund diese Forelle? Wieso? Sie ist wunderbar. Nach dieser Methode haben wir den ganzen Schwarzwald abgefischt.
Gab`s heute eigentlich eine Flutwelle , einen Bergrutsch oder eine krachende Lawine?
Nein? Überhaupt nicht?
Alles ganz schön wacky, wacky, wenn Sie mich fragen.

Wir haben uns vom wilden Urmensch zum intelligenten Menschen der Moderne entwickelt. Wir haben Berufe geschaffen, in den wir 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeiten.  Naja, wir haben ja die Wäschereien und das Essen to go und den Coffee to go. Das spart Zeit. Unser Lebensraum reduziert sich immer mehr auf den Stehplatz.
Und da stehe ich nun, stemmend an meine Grenzen, umstellt von Aufgaben.

Muss ich das Leben verstehen? Nein.
Ich werde mich wohl noch wundern, was für ein Schluckvermögen Menschen besitzen.

Das Wirkliche besteht aus Kenntnis, aus Erfahrung, Bett, Morgendämmerungen, Nächten, Tagen, der See, Männern, Frauen, Hunden, Lieblingsautos, Tälern, Erscheinen und Verschwinden von Zügen auf gerade und krummen Strecken.

Eine Anleitung zur Weltflucht muss her. Also weg vom Zeitgeschehen, hin zur Natur und Tradition.
Ein langsames Fernsehen muss her. Ich will hinter der Zeit herhinken. Ein Achtsamkeitstraining absolvieren. Wildkräuter. Mmmh, wir können doch nicht alle auf das Land ziehen? Auf Schafswollmatten in Hüttensocken sitzen und ausatmen? Wenn der Alltag zu wild wird, eine Tasse Tee.

Liebende Güte.
Sie wundern sich wohl jetzt, warum ich nicht das Wort Achtsamkeit oder Zuneigung wähle, sondern die liebende Güte? Naja, der Dalai Lama hat das mal gesagt:  „Meine Religion ist die Güte.“ Die liebende Güte bekräftigt alles Gute, mit dem wir alle geboren wurden. Egal, ob Sie kurz, mittellang, groß oder klein sind. Ob wir stehen oder gehen, sitzen oder liegen. Unsere Güte soll das ganze Universum durchdringen. Sie verlangt die gleiche, nicht wertende,  nicht besitzergreifende, nicht urteilende Orientierung, eine Orientierung durch die Ruhe, Klarheit des Geistes und des Herzens.

Angesichts der tiefgreifenden Irrungen und Wirrungen in unserem Leben mag das Praktizieren in „Liebender Güte“ etwa so schwierig sein, wie auf den eigenen Atem zu achten. Aber es ist ein Weg Herz und Geist zu öffnen.

Wie wäre es mit der einfachen Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt. Bei den Christen klingt das so: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ Das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen. Bei den Buddhisten ist dies ein aktives Prinzip.

Meditation, sagen sie, entzieht dem Mythos Getrenntheit den Boden. Eigentlich haben wir nämlich ein fröhliches Herz, sagen sie auch.  Stellen Sie sich vor, Sie könnten ihr  Herz systematisch aus der  isolierenden Enge zu wahrer, tiefer Verbundenheit führen. Liebe, und aus ihr entwachsen Ihr Mitgefühl, Ihre Mitfreude und Ihr Gleichmut.

Klingt kraftvoll.
Ist es auch!
Wir können das Gute pflegen.
Statt verbissen an unserem Ehrgeiz festzuhalten.
Statt verbissen allem anzuhaften, lieber schauen, was für uns möglich ist.
Statt Getriebensein vom Habenwollen, statt sich im Innern aus Angst und Frust aufzustauen, statt verbissen enttäuscht zu sein und zu toben, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, statt schuldhaft, beschämend, demütigend zu leiden, statt das Leid anderer Menschen auszuschließen, statt das Unkontrollierbare zu kontrollieren, statt illusionsreich nach dem Glück zu jagen, statt uns hektisch aus unserem Leben zu treiben, einfach mit allem nur verbunden sein. Die Verbindung zum Ganzen aufnehmen, lieben können. Akzeptieren, was uns in unserem Leben begegnet und loslassen, was gehen will. Gedanken nicht unterdrücken, sondern durch sie hindurch gehen. Freundlich zu dem sein, was da ist. Wunde Punkte in ein Gefühl der Akzeptanz und Wärme einhüllen. Ein freundliches Wohlwollen an andere fühlende Wesen verschenken, und zwar, ohne sie ändern zu wollen, ohne sie anders zu sehen, als sie sind. Zuwendung, freundlich und respektvoll sein. Die Dinge und Menschen nicht nur sehen, sondern sie freundlich ansehen.

All dieses kann man erleben, nicht in einem Kloster, sondern in unserem Alltagsleben.
Wenn wir ein Licht in einem Zimmer anmachen, fragen wir auch nicht, wie lange es dort dunkel war.
Genauso können wir mit dem Guten Verbindung aufnehmen.
Lieben. Großzügig sein, nicht verletzen, rechte Rede, rechtes Handeln, rechte Taten – so wie Zarathustra es einst formulierte. In schwierigen Zeiten – dranbleiben. Den Schmerz anderer leichter machen. Berühren und berührt werden. Unnötiges loslassen. Hören, was zwischen, in, hinter den Worten in uns ist. Es gibt da viele verschiedene Weisen zuzuhören, aber immer geht es um Langsamkeit.

Wenn wir unsere Wirklichkeit verändern wollen, müssen wir unsere Energie verändern.

Möge dieses Jahr 2015 für uns alle ein Jahr der Freundlichkeit und liebenden Güte werden.

 

 

 

 

 

Anmerkung: Die Brahmaviharas, die vier zu kultivierenden Geisteshaltungen buddhistischer Ethik, sind: Metta – Freundlichkeit, Karuna – Mitgefühl, Mudita – Mitfreude, und Upecca – Gleichmut. (zitiert nach John Peacock, Metta-Meditation, http://www.saekularerbuddhismus.org/?page_id=231)

 

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24 Kommentare zu “Ein weiterer Tag in Güte

  1. Arabella sagt:

    Zuallererst: schön von dir zu lesen.

    Erst gestern viel mir auf, wie wenig Zeit für alles ist.
    An manchen Tagen häufen sich die Aufhaben zu einem drohenden Berg. Kommt noch Müdigkeit dazu kann es sein, dass sie sich versteckt – die liebende Güte.
    Dann ist es gut bei dir zu sein, sich zu sammeln und das Licht im Dunklen wieder anzuschalten.
    Guten Morgen Martina, danke für deine Worte.

    • magguieme sagt:

      Diesen drohenden Berg kenne ich auch, Arabella. Dann breite ich die Arme aus, drehe mich ein paar Mal, damit alles ein wenig Abstand nehmen muss und dann frage ich: Also, was kommt als erstes dran?
      Ich weiß der Berg ist da, aber ich bitte darum, in Häppchen daran arbeiten zu dürfen.

      Wie machst du das?

    • martinakunze sagt:

      Liebe, liebe Arabella,
      noch bin ich nicht wirklich in diesem neuen Schnick-Schnack-Design bei WordPress angekommen, und auch sonst so nicht. Dieser Beitrag ist mein Erstversuch. liebvoll lächelnd bis schmunzelnd. Um so mehr freue ich mich über deine allerliebsten Anmerkungen. Das Licht im Dunkeln wieder anschalten, genau, sich sammeln – ich freue mich so sehr, von dir zu hören. Schaue ganz bald wieder bei dir vorbei. Suche den Lichtschalter. Dicke Umarmung. Sonne in Bonn. Doch auch kühl. Martina winkt dir zu.

  2. Arabella sagt:

    …es ist noch früh…
    …fiel mir auf…, pardon

  3. magguieme sagt:

    Martina, du schreibst mir aus dem Herzen (was sonst). Vielen lieben Dank dafür. Fürs Worte finden, fürs Teilen, fürs Güte leben.
    Wir fragen nicht, wie lange es dunkel im Raum war. Dieser Satz kam ganz tief an.
    Danke.

    • martinakunze sagt:

      Liebe Marga, du zauberst ein weiches Lächeln auf mein Gesicht. Danke, danke.
      Bin noch berührt von jenen Geschehnissen, jenen, deinen, meinen ..you know…
      Ja, darum geht es: Um das Licht anmachen, egal, wie lange der Raum dunkel war… Es geht so sehr nicht um das, was uns im Innern häufig stauen lässt. Vermutlich erkennen wir es erst , wenn wir bemerken, wie sehr uns so manche Dinge unseres Lebens umgürten…gerade Wege gibt es nicht, jedenfalls nicht für unsere Seele. Herzelige Umarmung.

  4. sugar4all sagt:

    Liebe Martina! Ein wunder…wunder…wunderbarer Beitrag! Danke dafür und schön dich wieder zu lesen! ❤

    • martinakunze sagt:

      Liebe Sugar,
      ich danke dir allerherzlichst für deine lieben, lieben, lieben Worte. Freude!! Ja, es geht wieder los – langsam, und dann auch das Lesen, also bis ganz bald bei dir. 🙂

  5. Lavinia sagt:

    I can’t believe you’re not playing with meth–at was so helpful.

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