Macht Musik!

klavier

Die Ohren sind Straße und
Kanal, durch die die Stimme
zum Herzen komme.
Chrétien de Troyes
(etwa 1140–1190)
Dort hat die Evolution unsere dichteste Wahrnehmungsfülle – und damit auch Lustfülle – angesiedelt.

Warum sind wir eigentlich für Klänge so empfänglich?

Es gibt nur wenige Dinge, die so unmittelbar präsent sein können wie Musik. Eine lange Autofahrt wird mit Musik erträglich. Der Abend wir mit Jazz-Musik im Hintergrund gemütlich.
Oktaven, Quinten und Quarten verzaubern uns.

Schon immer gehörte Musik zu den ältesten Heilmitteln für körperliche und seelische Schmerzen. Was die Wissenschaft nach und nach sichtbar machte, ist im Grunde altes Wissen.  Musik  galt als die Sprache der Seele.

Seit einiger Zeit nutzen nun auch Ärzte, Therapeuten und Pädagogen die Macht der Klänge. Musik kann Schmerzen lindern oder Erinnerungen wachrufen.

„Musik ist ein Teil des Weltalls“ 
Ferruci Busoni (1866- 1924)

Musik entsteht durch das Aufeinandertreffen von Klang und Stille.
Sie entsteht durch Gegensätze.
Und sie entsteht, wenn Töne entstehen. Diese entstehen, wenn Membrane ins Schwingen geraten.
Nüchtern betrachtet ist Musik  lediglich ein Phänomen von Schwingungen. Wir schaffen aus bestimmten Mustern ein besonderes Schallphänomen.

Musik ist mehr als die Summe ihrer Teile. Musik spricht besondere Dimensionen unseres Bewusstseins und Empfindens an.
Musik ist Kommunikation, die keine Worte braucht und doch über unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Wo die Sprache versagt, um Trauer, Wut, Sehnsucht, Glück, Verliebtheit, Schmerz, Geborgenheit, Melancholie zu beschreiben, findet die Musik den passenden Ausdruck durch Töne, Rhythmen, Klänge und Melodien.

Es gibt keine menschliche Kultur ohne Musik.

Die Tochter des Königs Sargon von Akkad und Priesterin des Mondgottes Ur wollte vor 4200 Jahren in der sumerisch-akkadischen Zeit kranken Menschen mit ihren 42 Tempelhymnen der Encheduanna helfen. Pythagoras, Aristoteles und weitere große Denker jener Zeit wie auch Ärzte im frühen Mittelalter beschäftigten sich eingehend mit der Musik als Therapeutikum. Im Corpus Hippocratium, einer Sammlung von Schriften des Hippokrates, gilt Musik als Heilmittel gegen Epilepsie und Schlaflosigkeit.

König Saul wird durch das Harfespiel Davids von seinen Depressionen geheilt, so wird es in der Bibel berichtet. Vor allem in der arabisch-islamischen Welt spielt die Musik vom 9. Jahrhundert an eine große Rolle. Sie wird in Hospitälern und Irrenhäusern zur Schmerzlinderung und seelischen Beruhigung der Kranken eingesetzt.
Musiktherapeuten sitzen heute am Krankenbett und synchronisieren ihren Gesang mit dem Atemrhythmus des Patienten.

Mit Werken von Mozart wurden vor einigen Jahren 36 Epilepsie-Patienten therapiert. Das Ergebnis: Bei 29 von ihnen waren die Anfälle daraufhin seltener und weniger heftig.

Zu großen Teilen war die welt- und menschenverändernde Musik des Abendlandes instrumental, von Beethoven bis Mahler, von Jazz bis House. Sie sorgt für Veränderungen im Gemüt – und im EKG.

 

Klassische Musik hat einen starken Einfluss auf unser Gehirn

Musik wirkt auf allen Ebenen des Gehirns. Bei Mozart leuchtet unser Gehirn.

Differenzierte Musik erleichtert komplexe Denkvorgänge, wie sie bei geistiger Schwerarbeit in der Mathematik oder im Schach gefordert sind. Dagegen könnte monotone Musik das Umgekehrte bewirken.

violoncelloJede Musik aktiviert den Teil unseres Gehirns, in dem Töne verarbeitet werden – wenn  Versuchspersonen in Studien  jedoch Mozart hören, leuchtet die gesamte Großhirnrinde auf.
Ein großer Verfechter der Heilkraft von Mozart-Musik ist der französische Arzt Alfred Tomatis. Er gilt als der Einstein unter den Hör-Forschern.

Einer seiner vielen Klienten war Gérard Depardieu – damals noch ein junger, unbekannter Schauspieler, der unter Sprechproblemen litt. „Vor Tomatis konnte ich keinen Satz fehlerfrei zu Ende bringen“, gestand Depardieu rückblickend. Tomatis stellte eine schwere Hörstörung im rechten Ohr des Schauspielers fest, und ließ ihn während der nächsten Monate täglich zwei Stunden Mozart hören. Depardieu taufte den Mediziner daraufhin „Doktor Mozart“

Durch unser Ultrakurzzeit-Gehirn braust der Klang. Dort wird das Musikstück aus einzelnen Bruchstücken zusammengesetzt. Aus Sätzen werden ganze Symphonien. Das Lied birgt Wiederholung und damit spielt das Gehirn.
Die linke Schläfenregion ist auf die schnelle Analyse von Rhythmen spezialisiert, während die rechte Hirnhälfte eher Klangfarben und Tonhöhen verarbeitet.

Emotionen sind für die Gedächtnisbildung von enormer Bedeutung

Vom Kurzzeitgedächtnis geht`s weiter in unsere Musikbibliothek Langzeitgedächtnis.  Sie kennen sicher den „Play it again Sam-Effekt“. Dieses Casablanca-Gefühl, wenn ein bestimmter Song Sie an eine glückliche oder weniger glückliche Zeit erinnert. Musik vergißt man nie. Melodien haben wir sofort im Ohr. Eine Musik wird in solchen Momenten zum Seil, an dem man hochklettert.

Das Gedächtnis sortiert das Chaos, welches als Hörerfahrung auf uns zukommt. Das Gehirn belohnt mit positiven Emotionen. Bei unbekannter Musik erzeugen wir Schemata in unserem Gehirn. Auf diese Weise ist Wiedererkennen und Einordnen möglich.
Kinder, die mit klassischer Musik aufgewachsen sind, haben ihre Vorlieben:
Zehnjährige mögen eher Mozart und Barockmusik. Pubertierende entdecken ein Faibel für Schumann und Brahms und 17-jährige lieben Debussy und Ravel.

Barockmusik ist langsamer als unser Herzschlag. Sie entspannt, weil sich unser Herz dem Tempo der Musik anpasst.Langsame Sätze der Komponisten Bach, Händel, Vivaldi oder Corelli kommen auf 60 Viertel pro Minute. Wir entspannen, weil sich unser Herz dem Tempo der Musik angleicht.

Obertonreiche Streichmusik mit 64 Viertelnoten pro Minute eignet sich am besten zum Lernen. Untersuchungen zeigten: Schüler erfassten  komplizierte Inhalte bei dieser Methode in einem Bruchteil der sonst benötigten Zeit. Der Lehrstoff  eines Semesters ließ sich  in ein paar Stunden vermitteln.

 

„Mozart wirkt mit einer Wucht, die andere nicht haben“,

schreibt Tomatis in seinem Buch Pourqoui Mozart? (Warum Mozart?)

Wissenschaftler fanden heraus, dass Musik die Gehirnhälften synchronisiert. Arbeiten beide Gehirnhälften zusammen, entsteht ein stressloses, spielerisches Lernen.

Die Zauberflöte 1. Aufzug, Finale

35 Jahre alt wurde Wolfgang Amadeus Mozart. In dieser kurzen Lebensspanne schuf der Salzburger 600 Werke. Er heiratete Constanze Weber und war glücklich mit ihr. Josef Haydn wurde sein Freund. Beerdigt wurde Mozart  als eines der größten Musik-Genies in einem Armengrab.

In der Zauberflöte vereinen sich die Überlieferungen von viertausend Jahren Geistesgeschichte der Menschheit, die Mythen Asiens, die Sagen und Märchen Europas, das Wahre des Heidentums und das Unvergängliche des christlichen Glaubens, die Sehnsüchte und Hoffnungen der Umbruchzeit des 18. Jahrhunderts zu einem höchst merkwürdigen, jedoch einheitlichen neuen Ganzen. Hellenistische Mysterien und deren Riten wie auch das ägyptische Mysterium des Osiris und der Isis geben der Zauberflöte den Handlungsrahmen.
Tamino und Pamino, die Königin der Nacht und Sarastro und Papageno und Papagena. Der Kampf von Licht und Dunkel.

Mozarts Musik weist am häufigsten einen Laut-Leise-Zyklus von dreißig Sekunden auf und entspricht damit einem Grundmuster unserer Gehirnwellen.  Die Musik des Wunderknaben aus Salzburg stimuliert mit vergleichsweise hohen Frequenzen. Zum einen wird dadurch der Mittelohrmuskel verstärkt stimuliert, zum anderen erzeugen hochfrequente Töne von 3000 bis über 8000 Hertz die größte Resonanz in der Hirnrinde – die Folge ist eine Verbesserung der Denkfähigkeit, der räumlichen Wahrnehmung und des Gedächtnisses.

Musik bedient uralte Mechanismen der Psyche

Musik verändert, beseligt, tröstet.  Wenigstens einer, der mich in meinem Kummer versteht. Musik beschwingt und regt ebenso auf.  In intensiven Momenten werden wir geradezu mit Wohlfühlstoff Dopamin überschüttet. Erst kürzlich meinte eine Freundin zu mir: Musik ist mein „akustischer Käsekuchen“.  Musik formt Gruppen. Mit Liedern besiegeln wir Menschen seit Urzeiten Freundschaft. Wir erzeugen Freude, spenden Trost, geben Wissen und religiöse Rituale weiter und besingen die Liebe. Ob Beethovens Neunte oder seine Pastorale, Buckelwal-Gesänge oder Folklore aus Nordafrika und Peru, die Autobahn von Kraftwerk oder The Great Gig in the Sky Pink Floyd, Musik prägt das Profil von uns Menschen. Sie ist vehement am Umbau des Gehirns beteiligt. Gesungene Reime fallen uns leichter ein. Musik ist Erinnerungs- und Balzmittel. Und:

Töne halten die Welt im Innern zusammen,
so lautet die These des Hirnforschers und Rockmusikers Daniel J. Levitin.

Daniel J. Levitin. Professor in Kognitionspsychologie und Neurowissenschaften. Quelle: Arsenio

 

Die Welt in 6 Songs

In seinem durchaus faszinierenden Buch  Die Welt in 6 Songs   beschreibt Levitin, warum Musik uns zum Menschen macht.

Kann man das Wesen der Menschen in sechs Songs erklären?

Levitin sagt: Nicht nur die Sprache  ist es, die uns von anderen Menschen unterscheidet, sondern in viel größerem Maße die Musikalität.

Daniel J. Levitins Ritt durch die Evolution der Musik ist der Versuch aufzuzeigen, wie Töne die Welt im Innersten zusammenhalten. Levitin liefert viele erstaunliche Fakten, einen guten Überblick über den Forschungsstand und spannende Denkanstöße. Er reichert sie aber auch um Persönliches an: Da wird dann geklärt, warum Weiße ihre Gefühle beim Singen nicht herauslassen können. Oder es meldet sich Sting zu Wort.  Für Unterhaltungswert ist gesorgt.

Der Kern des Buches: Der Musikalischere überlebte. Wir stammen alle von Wesen ab, denen musikalische Techniken der Arterhaltung wertvolle Dienste leisteten. Musik nicht als Zerstreuung, sondern ein wesentliches Element unserer Identität als Spezies.
„Musik ist ein höchst effizientes System zur Vermittlung von Erinnerung und Information.“ (Levitin)

Jeder, der Musik liebt, sollte es lesen“, hat Bobby McFerrin über dieses Buch gesagt – und man kann sich diesem Appell nur anschließen.

songs

 

 

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11 Kommentare zu “Macht Musik!

  1. arabella50 sagt:

    Dankeschön, du Liebe für deine Ausführung.
    Mein Badewannensingen ist meine Therapie für Alltagsprobleme.
    Was meinst du, hat Mozart um das Wunder seiner Musik gewusst?
    Liebe Grüße zu dir in den November der uns nicht erschrecken kann, nicht wahr.<3

    • martinakunze sagt:

      Du singst in der Badewanne?
      Wundervoll!!!
      Dieses Bild….

      Nun, ich könnte es mir denken, denn er war Mitglied in der Freimaurer-Loge. Und bei denen geht es um Zahlen und Schwingung und Geometrie…. In Wien war doch das Zentrum….es wimmelte nur so von Freimaurern und Illuminatis…
      Die Zauberflöte ist voll davon…..Insofern -also belegen kann ich es nicht – aber es gibt Hinweise…dass er darum gewusst haben wird. Klar, es gab immer schon welche, die darum wussten, das Wissen ist uns nur vorenthalten worden….darum wussten alle Mönche dieser Welt….wurde auch verboten….durften sie nicht mehr singen….Nein, der November kann uns nicht schrecken, bin gleich am Rhein…aber es ist eine ganz schöne Ecke kälter…brrrr…und auch schön…brrrrr…dir Allerliebstes für das Wochenende..
      🙂

      • arabella50 sagt:

        Du hast eine schöne Sicht auf die Dinge, von der ich lerne.
        Das Wochenende naht, hurra, Morgen kommt die Schaukelinhaberin. 😀
        Herzeliges

      • arabella50 sagt:

        Du hast eine schöne Sicht auf die Dinge, von der ich lerne.
        Das Wochenende kommt, hurra, morgen kommt die Schaukelinhaberin.
        Herzeliges

      • martinakunze sagt:

        Und du bist jemand, in dessen Licht man öffnen und erblühen kann.
        Ich danke dir von Herzen, liebe Arabella. Stille Freude.

        Hurra, die Schaukelinhaberin flitzt wieder ganz fix mit Schutzengel-Schwingen durch den Zaubergarten.
        Deine viel geliebte… . – ein Foto im Laubhaufen…wenn es sie gibt??? Oder die kleinen Händchen…die sind so …zuckersüß….Vielleicht….das wäre …was…..:)

        Geniesse…geniesse deine Zaubermaus…:)
        trralallalaaaa…lala..la la…
        „Ich gehe mit meine Laterne und meine Laterne mit mir…..Do-rt ob-en leu-chten die Ster-n-e und unten leuchten wir…..

      • arabella50 sagt:

        Danke, ich freue mich über das was Du sagst.
        Du hilfst mir sehr dabei, so zu sein, wie du mich siehst.
        Das Laub liegt in diesem Jahr im Garten noch gar nicht zum Kehren. Es ist ja Obstbaumlaub(Apfelbäume) und dir Blätter hängen noch.:-)
        Liebe Grüße von mir an dich in einen guten Tag.

  2. SalvaVenia sagt:

    Toller Artikel. Glückwunsch dafür. Das ist die andere Seite dessen was ich in meinem Post: The dualistic prowess of music. – Or: Beware of hypocrisy, my beloved soul! http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/04/29/the-dualistic-prowess-of-music-or-beware-of-hypocrisy-my-beloved-soul/ beschrieben habe. Danke!

    • martinakunze sagt:

      Hochgeschätzer Herr Salva,

      ich will mich außerordentlich freuen.
      Was ich hiermit tue: Freeeeeeeeeeeeeeeuuude!!!!
      Herzlichen Dank….lieblächelnd.
      Sie sorgen für Neugierde in meinem Leben. Diese Ihre „andere Seite“ werde ich gern lesen….
      Was es so alles gibt….
      Herzlichst
      m.

      • SalvaVenia sagt:

        Es tut mir ein bißchen weh, noch nicht auf alle Ihre Kommentare eingegangen zu sein können. Das steht aber alles noch auf meiner To-Do-Liste und ich hoffe, daß ich die in der kommenden Woche abarbeiten kann. 🙂

        Herzliche Grüße,
        Der Salva

  3. gunst01 sagt:

    Ein Glückwunsch für den tollen Artikel mit den erfrischenden Grafiken. Da sollte doch mal ein Buch daraus werden! Mit besten Grüßen

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