Wenn sich Leben regt

 perspektive 4

 

Ich bin nicht verrückt. Ich habe nur eine andere Perspektive eingenommen – also mich ein wenig ver-rückt.

Jedes Verhalten ist in irgendeinem Zusammenhang wertvoll und nützlich. Und da ich zwei geniale Trainer in mir habe, kann mir gar nichts weiter als das Leben geschehen. Sie halten mich fit und wach. Ich nenne sie „Angst“ und „Freude“.

Mein Freund Angst sagt mir immerzu: Um mich oben zu halten – genauer gesagt: um mein Bild meiner selbst oben zu halten – soll ich in mir das Bedürfnis wecken, andere  nach unten zu drücken. Es ist schon fast unheimlich:  Wie eine verschlossene Rosenknospe, die sich nicht mehr öffnen kann, sitze ich dann als Kugel, die sich daran gewöhnt hat, verschlossen zu sein. Unerreichbar sein, ruft mein Freund Angst.  Und dann drücke ich nach unten  und stolpere  so in dieser Kugel umher,  manchmal treffe ich dabei auf einen gemütlichen Bullerofen und lasse mich an ihm nieder. Ich tauche meine Lippen in einen aromatischen Minztee mit Zimtstange, der öffnet alle Poren und saugt die Vorlieben und Abneigungen, das Anhaften, die Gewohnheit, die  Ängstlichkeit vor Verletzung, Zurückweisung die Traurigkeit, den Tropfen der Melancholie oder der Rastlosigkeit und was noch so alles blüht  unter der Lawine von Ausreden und Erklärungen auf. Irgendwann  finde ich mich einen ganzen Berg weit entfernt von meinen anderen Gefühlen. Dort stecke ich dann.  Erst  jüngst blickte ich währenddessen – irgendwo entlang des Weges – auf Ameisen und ihre winzigen Antennen und dachte: „Die lassen doch mit ihren winzigen Antennen unsere komplexen Verständigungsschwierigkeiten glatt hinter sich.  Bestimmte Arten des Verstehens erfordern bestimmte Arten des Verstandenwerdens. So sieht`s aus!

Und dann rückt mein genialer Trainer Freude auf den Plan.

Die Freude sagt: „Papperlapapp, Martina, willst du hier verdunsten wie ein Wassertropfen in der flachen Hand? Was sinnierst denn da schon wieder zamm.  Atme tief ein, ohne Luft wächst nichts. Mach dir die Welt untertan. Spring und hüpfe. Lache, tanze im Kreis und singe wie die Meerjungfrau. Weg mit deiner Traurigkeit. Fliege zum Mond und wieder zurück. Da wartet schon eine Extrawurst auf dich. Die Freude will mir ihren Garten Eden schmackhaft machen. Und ich denke: „O man o man, seit Tausenden von Jahren ist der Mond der Gefährte der Liebenden. Daneben beginnt schon Traumland.“ Es pochert an meiner Stirn. „Soll ich mich jetzt als ein wiedergeborenes Kind einer Zirkusfamilie sehen? Alles ist bunt. Davonlaufen. Verwirrt- verwirrter!  Bonjour Tristesse!

Eine Rose symbolisiert für mich den Großwunsch meines Herzens

rose nur ein großerwunsch im herzen

 

Zum Glück gibt es noch einen genialen Trainer in mir: die Liebe

Und die sagt mir: „Alles fühlen, Martina.“

Wenn du wegläufst, läufst du vor einer ungeheuren Möglichkeit davon. Gehe langsam zurück, öffne in deinem eigenen Haus die Tür. Lass neuen Wind herein. Betrete dein eigenes Unbewusstes. Warte ab. Die Liebe sagt: Ich werde tun. Und sie sagt: Ich werde nichts tun. Erst wenn sich etwas beruhigt hat, kann etwas geschehen.

Wir bemühen uns nicht traurig zu sein, ruhig zu sein und nicht ängstlich, klar zu sein und nicht verwirrt, verständnisvoll und nicht verärgert. Trotz aller Anstrengungen, unsere Reaktionen auf das Leben zu formen und sie nacheinander abzuspielen, trotz unserer Angst vor bestimmten Gefühlen, ist es doch vor allem das Durchfühlen von alldem.

Wir müssen manchmal aufschrecken. Wir brauchen das stille Sitzen. Die Trauer kommt, die Trauer geht. Wir verletzen einander und manchmal geht der Schmerz so tief, dass wir uns nicht mehr trauen. Wunden leckend ziehen wir weiter. An manchen Tagen haben wir einfach Angst und an anderen lebt das Glück und die Freude in uns auf. Manchmal müssen wir die Schmerzen der Ent-Täuschung durchmachen. Manchmal muss einer den Täuscher  für uns spielen, damit wir den Täuscher in uns erkennen. Manchmal müssen wir zurückgeworfen werden.

Wahrheit ist nie verschleiert.
Wenn wir sie nicht sehen, dann liegt es daran, dass wir die Augen geschlossen halten.

Ich glaube, das Wichtige ist, dass wir in uns kein Gefängnis machen, sondern jedes Gefühl ganz und gar in  liebevoller Haltung in uns annehmen.  Jenseits aller Sprache ist die Berührung die alles verbindende Geste, die Energie, die alles Leben in uns mit allem Leben außerhalb von uns verbindet. Durch unsere Gefühle – und nicht um sie herum -finden wir einen Ort, den man im Zen die „Einfache Gegenwärtigkeit“ nennt. Sie ist die „Nahrung des Verstehens“.  Nicht die Weigerung des Fühlens, sondern das Annehmen aller Gefühle, die gefühlt werden wollen und sollen, ist der Weg der Erkenntnis. Das heißt nicht, dass man sich in die Sonne stellt und schmort. Oder sich auf ein Nagelbrett legt. Es geht darum, den Dingen in die Augen zu sehen – so wie sie sind.

Wir können in einer Scheuklappenwelt aus Träumen leben. Es ändert nichts daran. „Draußen“ wartet die Wahrheit.
Sich selbst gegenüber wahr sein.

Übergib dich der Ausatmung und lass dich mit dem Einatmen füllen.

Handeln in Liebe folgt dem Herzensimpuls.

 

PS.: Und vergessen Sie bitte nicht:

Was wir für das Leben halten, ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Das Leben selbst ist ganz anders.
Das Leben  ist eine Reise des Geistes durch Materie. Einzig das Gefühlte zählt. Das Gefühlte ist das Gelebte.
Ein Traum kann so ermüden wie Arbeit. Wenn ich einem rasenmähenden Menschen beim Mähen beobachte,  mähe ich den Rasen quasi mit. Wir können Abenteuer reglos durchleben. Alles ist letztendlich eine Wahrnehmung von uns.
.

 

fühlend

 

„Wenn alles mit Gleichmut betrachtet wird, kehren wir zu unserer
Selbst-Natur zurück.“ (Zen-Weisheit)

Panta rhei.
Alles fließt.

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20 Kommentare zu “Wenn sich Leben regt

  1. SalvaVenia sagt:

    Das haben Sie schön erläutert. Und die Bilder finde ich auch gut ausgewählt.

    Womit ich, Sie ahnen es bereits 🙂 , nicht übereingehe, ist die Annahme, nur das Gefühlte zähle. Derlei indes ist viel zu kurz gedacht. Denn durch etwas Gefühltes verändert sich die Welt um einen herum leider eben nicht. Ein Beispiel dafür können Sie in meinem Post nachlesen: Nirwana oder kein Nirwana, das ist hier die Frage. – Oder: Eskapismus im zeitgenössischen Buddhismus http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/03/28/nirwana-oder-kein-nirwana-das-ist-hier-die-frage-oder-eskapismus-im-zeitgenossischen-buddhismus/.

    Ihnen noch einen wunderbaren und erfolgreichen Tag wünscht
    Der Salva

    • martinakunze sagt:

      Das Tun muss hinzukommen.
      Das Tun…..ich sitze nicht auf einer Lotusblüte und schwebe dahin. *lieblächelnd bis lachend.

      Danke.Danke….für das Ihre ZuTun.

      so viel in Kürze, später mehr…. dann Ihren Beitrag gelesend…..Andersdenkende sind in meinem Leben hochgeschätzt. Bis dahin und in herzerquickender Neugierde und mit Wünschen eines ebenso wunderbaren Tages, Die Martina

      • SalvaVenia sagt:

        In aller entsprechenden Vorfreude der Ihrige. 🙂

      • martinakunze sagt:

        Sehr geschätzter Herr Salva,
        bereits im Mythos Jesu steht geschrieben, dass er nichts zu Papier gebracht hat. Aus gutem Grund. Solange ich ein Gedicht nur träume und nicht zu Papier bringe, ist es vollkommen.Auf Papier werfen Worte löchrige Schatten. Ich werde Ihnen vermutlich ein wenig gedankliche „Übersetzungsarbeit“ zumuten, im Vertrauen darauf, dass Sie ein Meister darin sind.
        Jedenfalls hatte ich an Ihrem Beitrag Freude.
        Mein Beitrag handelt von der Welt der Gefühle, die: allesamt gelebt werden sollen, wenn es nach mir ginge. Mir ging es darum, auf den Wimpernschlag des Lebens hinzuweisen. Klimper.Klimper. Öffnen – Schließen. Öffnen-Schließen – so ist das mit unseren Gefühlswelten. Über Weltflucht schrieb ich nicht.
        Auch geht es nicht darum, sich nur noch auf dem Nagelbett zu lümmeln. Wohl aber darum, sich in das Gefühl der Liebe zu wagen. Denn ich bin davon überzeugt, Liebe ist ein für sich und damit für die Welt gewinnbringender Aufenthaltsort. Denn – und jetzt kommt das Entscheidende: Der Blick der Liebe durchdringt das aufgeblasene Ego. Der Brennstoff ist die Hingabe, die sehnsuchtsvolle…..
        Ich verwies auf den Gleichmut, weil sich hinter ihm eine annehmende Haltung verbirgt. Alle Gefühle dürfen gelebt werden. Das war mein Ausgangspunkt.Ich muss die Wut nicht bekämpfen, es gibt sie in uns….annehmen, dann verwandelt sich jene Energie in eine konstruktive.

        Sie verweisen in Ihrem Beitrag auf den Islam:
        Warum soll ich „bezwingen“, wenn es mit einer liebevollen Haltung geht und zwar um einiges besser?
        Nein, eine Expertin in Sachen Buddhismus bin ich nicht.
        „Verneinung vom Leben“, „Sich vom Spielfeld Leben verabschieden “ im Buddhismus? Ich dachte, es geht um die Durchdringung der Anhaftung. Anhaftung schafft Leid in unserer Welt. Sehr viel Leid.
        Ich dachte es geht, um eine Liebe bei der der Zweck nicht im Vordergrund steht.
        (Liebe um Frieden. Liebe für die Hungernden – auch dort steht Zweck im Vordergrund). Ich kann auch meine Garten top pflegen, um meinen Nachbarn zu demütigen. Der Gärtner ist nicht immer der Liebende 🙂
        Liebe ist immer direkt, nicht indirekt.
        Menschen haben dafür eine feine Antenne…..

        Ich durfte jüngst ein Gespräch mit einer Sufistin führen. Sie meinte: :
        Mit Gott, Mit den Menschen, aber nicht mit ihren schlechten Eigenschaften.

        Es geht um Durchdringung der materiellen Welt mit all ihren Anhaftungen und nicht die Entsagung der Welt. Es geht um das Band der Liebe.

        Erlauben Sie mir bitte noch eine Anmerkung zu jenem Bettler in Ihrem Beitrag:
        Dieser Mann war glücklich, obwohl sich im Äußeren nichts geändert hat, schreiben Sie.
        Hochgeschätzter Herr Salva, für diesen Mann hat sich das Äußere geändert. Für SIE hat es sich sein Äußeres nicht geändert, weil Sie mit Ihrer Brille darauf schauen. Innen wie außen. Die Welt wird vom Menschen (subjektiv) betrachtet.
        Er ist in dem, was da ist.
        Sie sind in dem, was (für Sie) da ist.
        Er entspricht Ihrer Moral nicht.
        Ein Einser Schüler erlebt den Klassenraum als Himmel. Ein Sechser Schüler den gleichen als Hölle. Es ist der gleiche Raum und auch die gleiche Bindung an ihn. Doch die Qualität entscheidet hier, ob die Bindung als Himmel oder Hölle empfunden wird.

        Es ist mir ein Vergnügen, mich mit Ihnen auszutauschen..

        In diesem Sinne
        Martina

    • martinakunze sagt:

      Verehrter Meinige,
      ich beziehe mich auf ihre Zeile 3.

      „Denn durch etwas Gefühltes verändert sich die Welt um einen herum leider eben nicht.“
      und antwortet noch einmal in aller Kürze:

      Dies TUE ich, ohne mich in Ihrem „Nirwana oder kein Nirvana“
      aufgehalten zu haben.

      Und ich rufe es Ihnen lieblächelnd zu:
      DOCH TUT ES. DAS GEFÜHLTE.

      Liebe vermag alles. Romantik beiseite.
      FÜHLEN und leben Sie LIEBE, nicht die besitzergreifende Liebe, die Ego-Liebe..die Anhaftende..
      Die „vergeistigte“ Liebe, die einfach nur tut und nichts dafür will. .
      …und Sie werden sehen, wie sehr sich das Ihrige Umfeld wandelt,
      Ich rufe es Ihnen nochmals zu:

      DOCH.

      Die Martina

      • SalvaVenia sagt:

        Was ist Liebe, und vor allem, was ist vergeistigte Liebe? Vielleicht bedarf das einer Klärung, um mögliche Mißverständnise zu vermeiden?

        Wenn etwas die Umwelt verändert, dann ist das Ihr Verhalten oder Nicht-Verhalten, indes sicherlich nicht etwas, was Sie in sich selbst verspürt haben. Letzteres benötigt immer eine entsprechende Tat.

        Einen herztlichen Nachtgruß sendet
        Der Salva

      • martinakunze sagt:

        Selbstverständlich, muss dem Gefühl eine Tat folgen.
        „Was nützt mir all das Wissen, wenn ich die Liebe nicht habe…“
        Gemeint ist nicht: Selbstverliebtheit, Narzissmus.
        Es gibt eine Form von Liebe, die will nicht besitzen.
        Die will nicht etwas bekommen, weil sie gegeben hat. Sie gibt, ohne Vorbehalt: JEDEM.

        Diese Liebe von der ich spreche, hat man nicht,
        die IST man.
        Daraus entwächst ein bestimmtes Verhalten – es kann gar nicht anders sein.
        Manche schimpfen auf diese LIEBE, weil sie nicht damit umgehen können – verbrennen sich……

        Ich hoffe, geklärt zu haben.
        mit einem lieben Gruß
        martina

  2. Vera Wagner sagt:

    Phantastisch, liebe Martina. Ich geniesse immer noch viele deiner Texte, denoch dieser ist wundervoll lehrreich. Ich danke Dir.

  3. Vera Wagner sagt:

    Wird das ein poetry slam des Salva und der Martina? Genussvoll sind eure Worte zu lesen. Eine Heidenfreude!

    • martinakunze sagt:

      hahahaha, oh liebe Vera, wie ich dich vermisse….
      Hätte Fragen und Fragen…
      Immer wieder schön, von dir zu hören.

      Nein, ich denke nicht, dass es ein Poetry-Slam zwischen uns wird – oder?
      Aber es schwingt und es fühlt sich sehr vergnüglich an.
      *lach.
      Ich danke dir….
      Bitte spätestens kurz vor Weihnachten, bitte, kurz vor Weihnachten….wieder…bitte…
      martina mit einem Lächeln.

  4. arabella50 sagt:

    Ha, der Herr Salva ist bei dir.
    Freude, Freude bis über beide Ohren.:-D
    Ich versuche auf dem laufenden zu bleiben,
    Danke für deinen Artikel.
    Herzeliged

  5. shalimee sagt:

    Wunderbar beschrieben … Ganz einzigartig! Vielen Dank für diese Art, die Dinge zu sehen bzw. die Welt besser zu verstehen 🙂

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