Eine zweite Email aus dem Gaza

gaza

 

Und wenn Sie es wären, die diesen Brief zu schreiben hätten…?

 

Ich bin eine noch lebende palästinensische Frau. Ich schreibe ihnen diesen Brief und mir ist nicht klar, ob ich ihn zu Ende schreiben kann, da viele israelische Flugzeuge seit gestern Nacht meinen Kopf verwirrten und den Himmel über Gaza füllen.

Mich überwältigt der Schmerz, da eben diese Flugzeuge die Häuser meiner schlafenden Nachbarn, im Jenena-Viertel in Rafah um 24 Uhr mit Raketen beschossen haben. Sie töteten die schwangere 31-jährige Mariam Marzuk Abu seed, ihren 5-jährigen Sohn Abdallah, der den Kinderhort besuchte und weitere fünf Familienangehörige.

Der heutige Tod der 28-jährigen, schwangeren Wafa Abdel Rasik Taher hat mich ebenso betroffen gemacht.

Die israelischen Flugzeuge, die Israel von Amerika erhält, töteten hunderte unserer Kinder in Gaza in ihren Häusern oder während sie am Strand Fußball spielten.

Ich bin nicht mehr in der Lage, die Frage meiner beiden Kinder, Samer und Saber, deren Alter die zehn Jahre nicht überschreitet zu beantworten. Sie fragen mich: „Mama, warum töten die israelischen Flugzeuge die Mütter und ihre Kinder? Mama, warum zerstört Israel die Häuser der Nachbarn und die der anderen?“.

Mein Herz blutet wegen der Kinder und der Frauen in Gaza und ich kann weder die Fragen meiner Kinder beantworten noch sie beschützen.

Wissen Sie, was es bedeutet, ohne Schutz zu leben und unfähig zu sein, meine Kinder zu beschützen?

Ich bringe sie von einer Ecke des Hauses zur nächsten und verstopfe ihre Ohren mit Watte, damit sie die Explosionen der bewohnten Häuser nicht hören. Ich bemühe mich nicht zu schreien, wenn die Häuser durch den Bombenhagel der Kanonen, der Kriegsschiffe und der Flugzeuge zerstört werden. Wie soll ich verstehen, dass Israel uns in unseren Häusern angreift?

Allein in meinem Bezirk wurden 15 Häuser zerstört und mehr als 30 Kinder und Frauen getötet. Wir haben kein Auge mehr zugemacht und mich ergreift die Angst um meinen behinderten alten Vater, der mich ständig fragt: „Was käme, wenn sie mein Haus zerstören würden? Werde ich in Stücke zerrissen und damit konfrontiert, dass ich getötet werde?“ Sie hatten uns 1948 aus unserem Dorf in Palästina vertrieben und wir flüchteten zu den Flüchtlingslagern in Gaza. Warum verfolgen sie uns auch hier?

Ich schreibe ihnen, während die Explosionen die Gegend erschüttern. Mindestens alle 10 Minuten fällt eine Rakete. Ich besuchte Frauen, die ihre Häuser im Grenzgebiet räumen mussten. Sie marschieren mehr als drei Kilometer während des unaufhörlichen Bombardements. Es handelt sich um Zivilisten mit ihren Kindern. Sie ließen ihre Habseligkeiten und alles, was sie besitzen in ihren Häusern und flüchteten vor dieser Hölle des Krieges, die uns unsere Leben, unsere Träume und unsere Erinnerungen raubt.

Die Flüchtlinge leben im Freien oder in den Sammelstellen.

Mein Haus gehört mir noch nicht. Ich bezahle es seit sechs Jahren ab, bin aber noch nicht fertig damit. Wissen sie, wie viele Häuser und Viertel in Gaza zerstört sind und wie viele Familien unter den Trümmern begraben wurden?

Ein Haus ist keine Nummer. Mein Haus ist meine Seele, mein Leben und es umfasst alle meine Erinnerungen, Träume und meine Identität. Das Haus ist für die Menschen mit nichts zu vergleichen. Israel hat seit Beginn der Aggressionen mehr als 653 Häuser völlig zerstört und etwa 4000 Häuser unbewohnbar gemacht.

Ich beginne an meinem Glauben an die Menschenrechte, die Rechte der Kinder und an die internationalen Konventionen zu zweifeln.

Seit 23 Jahren beschäftige ich mich mit den Frauenproblemen und den Menschenrechten. Ich setze mich für die Umsetzung der Resolution 1325, welche die Frauen in bewaffneten Situationen beschützt, ein. Wir suchten mehr Sicherheit und Frieden und finden nun einen Krieg, der darauf abzielt, unsere Familien kollektiv zu vernichten.

Manchmal verliere ich den Glauben an diesen Konventionen und empfinde sie als Worthülsen.

Ihr unterstützt alle Israel und seine schlagfertige, gut ausgerüstete Armee und wir sind ein besetztes Volk.

Seit drei Jahren konnte ich Gaza nicht verlassen, um meine Promotion abzuschließen, da wir keine Ausreisegenehmigung erhalten. Israel hat seit acht Jahren eine Blockade verhängt, die uns bewegungsunfähig macht. Ihr kennt unsere harten Lebensbedingungen nicht.

Ich möchte nicht eine weitere Zahl werden und das meine Familie einfach und in aller Verschwiegenheit getötet wird…

Wir sind Menschen mit Träumen und wir lieben das Leben und wir wollen, dass unsere Kinder in Frieden und Sicherheit leben.

Mein Sohn Saber träumte davon einmal Pilot zu werden, aber heute sagt er, dass er dies nicht mehr möchte, da die israelischen Piloten Frauen und Kinder töten. Deshalb will er jetzt Arzt oder Krankenpfleger werden, um Kinder zu retten.

Es gibt zehntausende Frauen und junge Mädchen, die auf der Straße leben. Sie finden nicht einmal eine Decke für die Nacht.

Viele junge Mädchen sind traumatisiert, weil sie ihre Familien verloren haben.. Und es gibt Jugendliche die ihren Glauben verloren haben, sie glauben, dass sie es nicht wert sind, am Leben zu bleiben. Israel hat ihre Träume begraben und ihr Leben für Null und nichtig erklärt.

 

Die Kühlschränke der Krankenhäuser können die Leichen nicht mehr aufnehmen und man legt sie nun auf die Böden der Nebenräume. All diese Menschen hatten Geschichten, Familien und Freunde, die sie lieben. Der Tod kommt schneller als wir glauben und daher beeilen sich die Leute ihre Toten zu begraben, bevor der nächste Angriff kommt. Es gibt nicht mehr die üblichen Kondolierungsempfänge, weil die Menschen Angst haben ihre Häuser zu verlassen. Auch während des zweiten Tages des Fiter-Festes, besuchen wir uns nicht gegenseitig. Stattdessen besuchen die Mütter die Gräber ihrer Kinder. Ich kann es nicht mehr aushalten, zu sehen, wie mein Volk getötet wird, während die Welt schweigt.

Ich wende mich an eine mir vertraute Mutter in Gaza: Ich weiß genau, dass du eine gute Mutter bist und dass du Sicherheit und Frieden für deine beiden Töchter wünschst und dass du mit ihnen eine schönere und bessere Zukunft gestalten möchtest. Welche Mutter möchte das für ihre Kinder nicht?

Ich träume in diesem Brief von einer nicht besetzten Heimat, einer Heimat ohne Krieg und Aggression. Wann können wir endlich die Träume unserer Kinder mit Liebe und Ruhe verwirklichen?

Während dieser Aggression begraben wir unsere Kinder bevor sie anfangen zu träumen.

 

Stets hatte ich über die Liebe, den Wohlstand und unsere Bedürfnisse als Aktivistinnen im Rahmen unserer Kämpfe für Frauenrechte geschrieben, damit wir unsere Kräfte mobilisieren. Ich liebte Yoga und begann es zu lernen und auszuüben. Ich brachte den Frauen bei, besser zu atmen, damit sie entspannen. Heute habe ich nicht mehr die Kraft, mir diesen Luxus zu leisten, weil mir die Sicherheit fehlt.

Seit 24 Tagen schreibe ich nun über den Tod, des Töten, die entstellten Leichen, die Angst und die Höllennächte, die mein Volk durchlebt. Nach so vielen Zerstörungen kann ich keine Hoffnung mehr schöpfen. Sie haben Gaza verunstaltet und leblos gemacht, als ob wir keine Menschen mit Träumen und Geschichten wären.

Wir sind ein Volk unter Besatzung und wir haben das Recht in unserem Land in Freiheit zu leben.

Israel hat nicht das Recht ein ganzes Volk zu vernichten. Die Welt mit ihren internationalen Institutionen, in die wir unser Vertrauen gesetzt haben, schaut zu, wie wir getötet werden. Dies trifft auch auf jene internationale Organisation zu, die sich für die Frauenrechte einsetzt. Ich weiß nicht, ob wir damit gemeint sind. Gilt ihr Schutz auch für uns, oder sind wir Menschen für die diese Konventionen und Rechte nicht existieren?

 

Eure Einmischung zugunsten der Frauen und Kinder in Gaza zu einer Zeit, in der unser Leben in jeder Minute bedroht ist erforderlich! Wir sind Menschen und wir Frauen haben, gerade während solcher Angriffe, das Recht geschützt zu werden. Wir sind der Meinung, dass Israel verurteilt werden muss, weil es unser Land besetzt und wir das Leben lieben. Wir haben das Recht unsere Vertreter zu wählen, genauso wie alle anderen Völker auch!

Wir wollen nicht ein Volk sein, das getötet wird und von der Weltöffentlichkeit lediglich als Nachricht und Bild dargestellt wird.

Wir wollen, dass ihr das Töten stoppt!

Wir wollen, dass ihr euch für die Rechte der Frauen und Kinder einsetzt, weil ihr Leben mit Freude und Lachen gefüllt sein sollte. Die Welt muss Respekt vor dem vergossenen Blut des palästinensischen Volkes haben. Die Welt muss Maßnahmen ergreifen, gegen den Terror Israels, der darauf abzielt, die Existenz des palästinensischen Volkes zu vernichten.

Israel muss zur Rechenschaft für all ihre bisherigen und auch für die anhaltenden Morde, gezogen werden.

 

Eine geflüchtete palästinensische Frau in Gaza Hidayat Schamuun

 

 

Mein Kommentar:

SHAME ON YOU, ISRAEL! SHAME ON YOU!

SHAME ON US, DIE WIR ALLE ZUSEHEN.


Wir bekommen den Hintern nicht einmal hoch, um hier in Deutschland auf die Straße zu gehen, um gegen  eine verlogene Politik und gegen diese Art von Menschenrechtsverletzungen zu demonstrieren.  Wir bekommen ihn nicht einmal hoch , um diesen Menschen auf unsere Art zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Wir tun, was wir tun können auf dieser Seite der Welt.
Wir beruhigen uns  selbst und reden uns ein, das alles hat mit uns nichts zu tun? Darin irren wir gewaltig.
In vielerlei Hinsicht haben gerade wir Deutsche mit diesem Konflikt zu tun.

Und wenn wir etwas aus unserer Geschichte gelernt hätten, stünden wir jetzt auf den Straßen dieses Landes und würden kundtun, dass Israel sich verlaufen hat.

Wir urteilen schnell über die Hamas. Einigkeit herrscht vor. Aber wir wissen nichts, aber auch gar nichts davon, wie sich das Leben dieser Menschen  in Palästina in den vielen vergangenen Jahren zeigte.

Israel braucht Schutz?
Ich glaube, wir brauchen,  und  gerade allen voran die Palästinenser  brauchen  jemanden, der uns vor solchen  Politikern schützt, wie man sie in der israelischen Regierung  und ebenso in deren Militär findet. Und nicht nur dort. Es ist auch ein amerikanisch finanzierter Krieg. Deren Gewissen wird nach „Zielerreichung“ mit eine Dollar-Summe an Wiederaufbauhilfe für die Palästinenser  und einer zarten Meldung in der Presse „Nun ist gut, liebes Israel“ beruhigt.  Es ist, was es ist – ein perfides  Herrschaftssystem.

Das geht uns alle an.

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu “Eine zweite Email aus dem Gaza

  1. arabella50 sagt:

    Stimmt.
    Wie war das mit den Rufern in der Wüste?

    • martinakunze sagt:

      Arabella….ja.. Ich schrieb: weiterrufen…rufen.rufen…
      Du schriebst: an beide Seiten stellen, oder zusammen…

      Es ist unerträglich..
      Wir sind in den satten Ländern zu blökenden Schafen mutiert…mehr sind wir nicht mehr…wir rennen blind dem Futternapf hinterher…Ach, schauen wir mal, welches vierte neue Auto wir uns für das kommende Jahr bestellen? Wohin geht die dritte Reise in diesem Jahr? Das Handy ist mir plötzlich 3 Gramm zu schwer, ich benötige ein neues….Und dann klage ich darüber, dass ich keine Zeit mehr habe, denn um all dieses muss ich mich ja kümmern, …während andere nicht wissen, woher sie auch nur einen Schluck Wasser für den Tag bekommen.

      Ich werde den Brief noch einmal ins Englische übersetzt veröffentlichen, bitte nicht wundern oder grummeln…muss sein, sollen möglichst viele lesen dürfen. 🙂

      Danke und liebe Grüße
      Martina.

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