Lebensräume

leben lieben
Vorgestern landete ich völlig ungeplant im  Zentrum der Stadt vor eine Gruppe von Friedensaktivisten, die sehr viel über Trennendes und Krieg und Probleme der Welt philosophierten und anprangerten. Einige engagierte Menschen, die laut aussprachen, was andere möglicherweise im Stillen denken. „Sie da, die hier gerade an uns mit ihren Plastik-Tragetaschen voll von 1-Euro-Artikelnvorbeiziehen, wissen es doch auch schon längst, dass dafür in einem anderen Land jemand unter menschenunwürdigen Verhältnissen zu leben und zu arbeiten hat. Sie und ich wissen es doch längst , dass der Zinseszins nur begrenzten Wachstum  für Wenige bereithält, für den viele Andere hart arbeiten müssen. Der endlose Wachstum ist eine Illusion. Wir wissen es doch ebenso alle, dass Israel in den vergangenen 66 Jahren Landraub betrieben hat. Wer es wagt, die Wahrheit zu benennen, wird nur leider sofort in die antisemitische Ecke gesteckt.  Aber was ist daran antisemitisch, wenn man seinem Freund sagt,  er sei längst nicht mehr das Opfer , sondern Täter? Eine „gute Freundschaft“ sollte doch klare Worte aushalten. Was ist daran antisemitisch, wenn man darauf hinweist: Hier kämpft „David gegen Goliath“.  Wie immer sind es nicht die eigentlichen Kriegstreiber, die sich der Gefahr des Getötetwerdens aussetzen – wieder sind es Zivilisten, allen voran Kinder, die traumatisiert, verletzt und getötet werden.“

Fünfzig israelische Soldaten sollen den Dienst an der Waffe verweigert haben. Sie wurden sofort eingesperrt.
„Respekt, ihr mutigen Männer!Respekt!“, schreibe ich hier und heute.

Ich habe Freunde im Gaza-Streifen und ich habe Freunde in Tel Aviv. Ich traf auf sie, auch hier in Bonn – gemeinsam, nicht ganz spannungsfrei, vorsichtig, aber miteinander wohlwollend kommunizierend. Salah erzählte von seiner Kindheit, von den vielen Demütigungen, wenn Soldaten ihnen, den arabischen Kindern auf die Nase schlugen, und sie als Kinder in Folge dessen mit Steinen nach ihnen warfen und dann wegliefen, um sich zu verstecken. Er erzählte von einem Schlüssel seines Großvaters, der ihm diesen in seine  Hand legte und meinte: „Das ist der Schlüssel unseres Hauses, das uns weggenommen wurde. Eines Tages wirst du wieder in unser Haus ziehen können. Bewahre ihn.“  Dieser Schlüssel seines Großvaters ist ihm heilig geworden. Vierzig Jahre sind mittlerweile vergangen. Salah ist Vater von zwei Mädchen. Alles, was er möchte, ist, seinen Kindern eine Zukunft bieten. Alles, was die Menschen im Gaza wollen, ist Menschenwürde, Freiheit, und allem voran, ihren Kindern eine Zukunft bieten können.

Reisefreiheit gibt es für diese Menschen nicht. Bildung – nun, was lehrt man diesen Kindern, die in Furcht und Angst groß werden, die sehen, wie ihre Eltern täglich gedemütigt werden und sich  existentiell sorgen. Ganz Generationen von Palästinenser im Gaza haben nichts anderes erleben dürfen, außer Demütigung.  Es gibt  keine Zukunftsperspektive für die Menschen in diesem kleinen Streifen am Mittelmeer. Die ist ihnen seit Jahrzehnten verwehrt.  Was glauben wir denn, was für Erwachsene aus diesen Kindern werden, die nichts anderes erleben, als Demütigung und Diskriminierung und ein Wegsehen der Internationalen Gemeinschaft?

Jener Freund hatte das Glück unter Arafat studieren zu können. Er hatte auch das Glück für eine geraume Zeit für die UN arbeiten zu können. Heute sitzt er vor ein paar wenigen Olivenbäumen, die er hegt und pflegt, die aber sein Einkommen nicht sichern. Vor einigen Jahren versuchte er sich als Taxifahrer – dafür nahm er eigens einen Kredit auf.  Der Schritt war zum Scheitern verurteilt in einer Welt, seiner, die von den Israelis bestimmt wird. Die Perspektivlosigkeit sei das Schlimmste für ihn, schrieb er mir vor einigen Monaten. Immmerhin bewege sich bei mir etwas – er sei zum Stillstand verdammt. Ein gebildeter Mann, der nicht mehr weiß, wie er seine Kinder ernähren soll und wie er seinen Kindern erklären soll, wie deren Zukunft aussehen wird.

Wir sehen weg. Wir tun so, als hätten wir mit all dem nichts zu tun. Wir irren. Wir sind es, die diese Verhältnisse in Israel-Palästina geschaffen haben, und in Folge der Jahre nach 1947  zugelassen haben, dass Israel sich mehr und mehr Land aneignete.

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Grün:  Landbesitz der Palästinenser von 1947 bis heute.

 

Die Entscheidung der Staatengründung Israel durch die Internationale Gemeinschaft nach dem Genozid an den Juden und dem Größenwahn einer deutschen Nation unter Führung Hitlers ist ein einziger Konstruktionsfehler gewesen, weil er außer Acht ließ, dass in Palästina-Israel  immer schon Palästinenser in ihrem (!)Land  lebten. Noch bevor der Stamm Israel seine Eroberungszüge in vorchristlicher Zeit startete, lebten bereits nichtjüdische Stämme in Palästina. Der Gaza-Streifen ist gerade mal 45 Kilometer lang, wenige Meter breit. Zusammengefercht leben dort etwa 1 Million Menschen. Ihr Leben seit Jahrzehnten:  Ein Leben voller Demütigung und Diskriminierung. Hinzurechnen dürfen wir jene  Palästinenser, die seit Jahrzehnten in Flüchtling-Camps zu leben haben. Vergessen von der Weltgemeinschaft!  Gaza ist ein Ghetto. Es gibt dort keine Aussicht auf Jobs für Familien. Wasser muss von den Israelis in ihrem eigenen Land teuer erkauft werden. Stundenlanges Warten an den Grenzstationen – nicht immer ist sicher, dass man Gaza tatsächlich am selben Tag verlassen darf. Häufig wird man zurückgeschickt,  unter Angabe von  fadenscheinigen Gründen –  reine Schikane. Palästinenser konnten sich für Jahrzehnte im Gaza nicht besuchen, obwohl gerade mal 5 Minuten voneinander entfernt lebend, dank der Grenzen, die Israelis für sie aufbauten.
Ganz normale Wünsche haben seine Kinder, erzählte mir Salah. Wünsche, die alle Kinder dieser Welt haben,  könne er seinen Kindern nicht erfüllen.

Wer  Kinder hat weiß: Kinder haben offene Herzen und offene Ohren für alles – auch für das Bedrohliche. Sie geben ihrer Angst ein Gesicht. Aus Schatten werden wilde Tiere. Die schrecklichsten Ungeheuer sind vor allem die Unsichtbaren. Namenlose Geister leben gerne unter dem Bett von Kindern. Kinder erzählen ihren Eltern von Gespenstern und Geistern.
Für die Kinder im Gaza sind es sichtbare Ungeheuer, keine Geister, die im Traum auftauchen. Für sie ist die Bedrohung real.

Ein absolutes Versagen der  Politik auf allen Ebenen, der Arabischen Liga und der Gremien der Internationalen Gemeinschaft wie auch aller unserer deutschen Regierungen der vergangenen Jahre. Nur wenige Kilometer von Gaza  entfernt, feierte bis vor wenigen Tagen  die „Young Generation“ von Tel Aviv ihre Strandparties! Sonne, Freiheit, Luxus pur. Jede  einzelne Wohnung der israelischen Bevölkerung besitzt einen Raum, der angeblich „bombensicher“ sein soll.
Oh nein, ich behaupte hier nicht, dass es keine Gruppierungen in Israel gäbe, die nicht gegen die Politik ihrer Regierung wären – auch dort gibt es Friedensaktivisten. Israel ist in sich so zersplittert und uneinig, wie Menschen wohl kaum in einem anderen Land. Man weiß um die Taktiken von Regierungen, wenn es Innenpolitisch kränkelt, wird nur allzu gern abgelenkt, der Fokus ins Außen verlagert. Dort zeigt man eine scheinbare „Stärke“. Liebes Israel, es ist keine Stärke, bereits Geschwächte und unterdrückte Menschen mit einer Übermacht an Waffentechnik einfach abzuknallen und sich über Jahrzehnte eines Kompromisses zu verschließen, der den Palästinenser ihr „Gesicht“ und ein Teil ihres Landes wieder zurückgibt.

Keine Frage: Es ist schrecklich, dass es Selbstmord-Attentäter gab und gibt.
Jedes Leid ist ein Leid zuviel. Zweifelsohne! Es ist tragisch, wenn Furcht und Angst das Leben bestimmen. Das gilt auf beiden Seiten.

Nichtsdestotrotz sollte man nicht Ursache und Wirkung miteinander verwechseln. Es sind die Palästinenser, denen Menschenrechte in ihrem eigenen Land seit Jahrzehnten vorenthalten werden. Wer wundert sich, dass Palästinenser sich nicht mehr anders zu wehren wissen? Das sind keine geborenen „Krieger“. Das sind Menschen,  die aus der Verzweiflung  heraus, sich nicht mehr anders zu wehren wissen.
Wer hörte ihnen denn zu?  Was wussten denn die Medien zu berichten? „Terroristen“ seien sie. Man macht aus Menschen keine Friedensengel, indem man sie einsperrt und ihnen jegliches Bürgerrecht nimmt und bis zum heutigen Tag verwehrt.
Wer stoppt denn die Baupolitik der Israelis? Warum traut sich die  „Weltpolizei“ seit Jahrzehnten nicht, Israel Restriktionen aufzuerlegen? Zugesehen wurde in den letzten Jahrzehnten, wie  Häuser und Mauern einfach weiter gebaut wurden, um noch ein Stück mehr Land zum israelischen Land zu erklären. Die Palästinenser gehören und gehörten einst zu einem der friedliebendsten Völker dieser Welt. Davon zeugt die Geschichte.  Was muss wohl geschehen sein, bis sich eine Gruppe dieses palästinensischen Volkes  mit Mini-Raketen oder Selbstmord-Attentätern gegen Goliath zu wehren beginnt?

Zwei Sätze sind mir in der Begegnung mit Salah  tief im Gedächntis geblieben, wir spazierend in der Nacht in einem kleinen deutschen Ort, Salah gerade aus dem Gaza angekommen, geladen mit einer Mischung aus Energie von Anspannung, Wut, Verzweiflung, Schmerz, aber vor allem Angst um seine Kinder. Jeden Tag sorgte er sich um sie. Jeden Tag sorgte er sich darum, ob wieder eine Rakete im Gaza landet, die möglicherweise sein Haus treffen könne. Er reiste deswegen auch früher als geplant wieder zurück in den Gaza.
„Das Schlimmste, Martina, das Schlimmste ist, die Welt hat uns vergessen. Niemand berichtet über uns.  Wenn berichtet wird, dann immer pro Israel. Das überaus Schlimmste,  ich kann  meinen Kindern keine Zukunft bieten und sichern.“ Er weinte. Ein gestandener Mann und Vater von zwei Kindern weinte.

Das Leben der palästinensischen Zivilbevölkerung ist ein einziger Kampf um Überleben und täglicher Demütigung.  Die meisten der Palästinenser sind auch nicht einverstanden mit der Klientelpolitik ihrer politischen Gruppen, aber was sollen  jene Menschen gegen diese Gruppen ausrichten? Menschen, die sowieso schon um ihr tägliches Überleben zu kämpfen haben, die Jahre in Angst und Schrecken zu leben hatten, Angst davor, dass man nicht erschossen wird, dass man nicht verdurstet oder hungert. Sie sind bereits größtenteils geschwächt und traumatisiert.

 

 

Wir Mitglieder der Wohlstandgesellschaft haben ein kostbares und seltenes Geschenk bekommen: Wir dürfen unser Leben genießen. Wir können leicht darüber reden, was Recht und Unrecht ist. Wir laufen nicht Gefahr, eingesperrt zu werden oder zusammengeschlagen. Unser Haus wird vermutlich nicht so bald von einer Rakete getroffen werden.  Unser größte Angst ist wohl eher die Angst vor der Angst. Obwohl wir vermutlich in der sichersten aller denkbaren Welten leben.
Wir können uns am Dasein freuen. Wir könnten unser Leben feiern. Wir leben in einer Welt fast unbegrenzter Möglichkeiten.

Sich still hinsetzen zu können….das ist ein Privileg.
Nichts machen zu müssen…das ist ein Geschenk. Einfach nur sein.
Sein zu dürfen…das ist Luxus pur.

Freude am Da-Sein. Kein Kampf um Überleben.
Wir können entspannen, statt weiter zu kämpfen.
Wir können Mist in Dünger verwandeln.

Tun wir es?

 

 

God bless you, Salah. (Palästina)
God bless you, Gili and Lael.(Israel)

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2 Kommentare zu “Lebensräume

  1. marieke2012 sagt:

    Liebe Martina!
    Vielen Dank für deine Worte, die so wahr sind und das benennen worum es eigentlich geht. Die Menschen! Den Respekt, den wir einander schenken sollten. Ich finde es furchtbar, was den Juden im 3. Reich widerfahren ist und ich unterschreibe den Satz „Nie wieder Judenhass“ zu 100%, aber ich finde „Nie wieder IRGENDEIN Völkerhass“ wäre viel wichtiger. Um wirklichen Frieden zu erlangen müssen die Juden auch aus ihrer Opferecke aus der heraus sie auch Rache und Schuld kreieren, die unweigerlich ein Gewaltpotential birgt.
    Wir sollten aufhören einander zu werten, uns in die Augen schauen und sehen, wir sind aus dem gleichen Fleisch und Blut, atmen die gleiche Luft, leben unter dem gleichen Himmel, nur haben wir in unseren Welten verschiedene Worte.

    Möge die Welt Frieden finden

    • martinakunze sagt:

      Ose Shalom.
      Namaste.
      Danke, liebe Marieke.
      Aus tiefstem Herzen: Danke.
      Deinen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.

      Mir fallen dazu nur noch die Worte eines Yaqui-Indianers aus Mexico ein:
      „Es gibt eine Welt des Glücks, weil niemand da ist, um nach dem Unterschied zu fragen. Dies ist aber nicht die Welt der Menschen. Manche Menschen haben die Eitelkeit zu glauben, sie lebten in zwei Welten, aber das ist nur ihre Eitelkeit. Es gibt nur eine einzige Welt für uns.

      Ja, möge die Welt Frieden finden, und Glück für alle Menschen.

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