Mach es einfach!

 

 

Landfill Harmonic:   Die Welt schickt uns ihren Müll. Wir senden ihnen Musik zurück.
Teaser – 3:28 Minuten. Mit englischem Untertitel.

Ausgegrenzte Kinder, eine Dirigent, der etwas bewegen möchte. Ein Mann, der selbst in Armut lebt  und den Kindern Instrumente aus Restmüll baut. Der sich auf kein Treppchen stellt, der einfach ist – in seiner Größe.  Ein Cello, ein Saxophon, eine Violine  für Kinder, denen die Musik alles bedeutet. Kinder, die Schmetterlinge im Bauch fühlen, wenn sie ihr Instrument spielen. Ihr Weg zum Musikunterricht führt über die Müllberge Paraguays.

 

Wer  einen elf Minuten Einblick zu diesem tollen südamerikanischen Projekt haben möchte. Hier ist die ausführlichere Version.

 

 

 

Gestern traf ich auf  einen Mann in der reichen Stadt Bonn. Er saß auf dem Asphalt mitten in der Innenstadt. Zusammegekauert, die Luft war zum Zerschneiden schwül.  Sein Becher für Geldspenden blieb leer. Er sah vermutlich noch nicht ausgehungert genug aus. Für Stunden saß er dort und Hunderte von Menschen in neuen Schuhen, in der aktuellsten Mode passierten ihn. Ihre Hände umklammerten die Tragegriffe von Tüten und Tragetaschen voll mit gerade gekaufter Ware. Manche Blicke, die diesen Mann trafen, schienen sehr urteilend. Als müssten sie sich davor schützen. Als stellten sie sich auf ein Treppchen, als herrschten sie statt zu dienen.

Wir suchen uns stattdessen ein Auto als Liebesobjekt. Mit dem können wir machen, was wir wollen. Dann suchen wir uns ein Haus, dann etwas anderes.  Dann suchen wir uns einen Prestige-Job. Und damit fühlen wir uns überlegen. Wir leben in einer Gesellschaft der scheinbar Überlegenen und Unterlegenen.

Mir begegnete gestern auch eine alte Dame, die beim Einsteigen in den Zug auf den Einstiegsstufen stürzte.  Es ist schwer für alte Menschen, die Stufen von Zügen zu begehen. Der Bahnbeamte nahm sehr wohl aus weiter Ferne wahr, dass etwas nicht in Ordnung war, aber es störte den Zeitplan des Zuges, der sowieso schon 15 Minuten Verspätung hatte. Er pfiff mit seiner Pfeife  „Ready to leave“ und die Türen knallten zu. Die Dame steckte dazwischen. Mit viel Kraft drückte eine andere Dame die Tür wieder auf.  Der Rest der Reisenden auf dem Bahnsteig kümmerte sich nicht darum.  Da schienen die Handy in der eigenen Hand wichtiger. Ihr Ehemann stand mit zwei Krücken völlig irritiert vor dem Zug. Die alte Dame wusste nicht mehr wie ihr geschah. Wir halfen ihr wieder auf die Beine. Kein Bahnbeamter, der sich die Mühe machte,  auf die Situation zuzugehen, nachzusehen, was gerade in „seinem Zug“ nicht in Ordnung schien. Ungeduldig wartete er in weiter Ferne darauf, dass sein Zug endlich weiterfahren konnte.

Wenig später fällt eine Dame auf der Rolltreppe in Ohnmacht und stürzt heftig.  Die unmittelbar neben ihr Stehenden hatten keine Zeit, um zu warten und der Dame zur Seite zu stehen. Das Rettungsteam lässt sich sehr viel Zeit- sehr viel Zeit. Sehr gemächlich kommen sie , Mann-Frau, nach einem zweiten Anruf in der Notrufzentrale  zu Fuß um die Ecke, offensichtlich in ein Privatgespräch vertieft. So meine ich zu ihnen: Lassen Sie sich ruhig Zeit. Vielleicht möchten Sie vorher noch einen Kaffee trinken, bevor sie der Dame helfen mögen? Sie war eiskalt, ihre Knochen verbogen. Sie stand sichtlich unter Schock.  Ich lernte: Ein Zuviel an  Alltagsroutine und Hochmut in so einem „Business“ kann mitunter auch zu einer bösen Falle werden- leider  vor allem für die Betroffenen, die  dieser Hilfe zwingend bedürfen.

Mir schien nach all dem Gestrigen, irgend etwas läuft hier in die Irre.
Wir sollten einmal unser Ich gegen den Strich bürsten, darüber hinauswachsen.  Gleichgültigkeit ist wohl  das tödlichste Gift im Miteinander von Menschen. Wann sind wir eigentlich gefragt? Wann sind wir in der Lage, in dieser Welt zu handeln? Wann sind wir der, der wir sein sollen?  Womit bringen wir Liebe und Hingabe zum Ausdruck? Was schieben wir eigentlich noch alles vor im Leben, um nicht zu handeln, um uns nicht ganz hinzugeben?  Wer ist es denn, auf den diese Welt seine Hoffnung setzt? Wer ist es, der mit seinen Händen und seinem Herzen in der Welt etwas bewegen kann?

Was steht uns dafür eigentlich im Weg?  Wann begreifen wir, dass wir gemeint sind und nicht unser Nachbar, den man gerne vorschiebt?

Was heißt das eigentlich, Liebe jeden Tag zu leben? Menschen nicht zu enttäuschen….

 

Mach es einfach. Hilf jemandem!
Er ist immer da, der Mensch, dem man helfen kann.
Wozu sonst sollte Gott seinen Sitz in unserem Herzen haben?
Wozu sonst sollen wir der sein, der wir tief im Innern sind?
Wozu sonst, sind wir in der Lage in dieser Welt zu handeln?

Mach es einfach.

 

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6 Kommentare zu “Mach es einfach!

  1. magguieme sagt:

    Dass überhaupt gesagt werden muss, dass man keine Menschen wegwerfen soll… (Film) und auch nicht liegenlassen…!
    Ich denke gerade über eine Art des Helfens nach, wo man zu einem Menschen Stopp sagt. Stopp zu seinem Lamentieren, dem Hineinsteigern in gewisse Emotionen.
    Diesen Film (und dabei sind es nur kurze Sequenzen) anzusehen, ist für mich ein Wechselbad. Was geschaffen wird, wie diese Menschen mit und für Musik leben, das freut mich sehr. Hoffnung.
    Die Bilder, die Grundlage dazu ist immer wieder und jedes Mal erschreckend. Dieser Müll kommt auch von mir…

    • martinakunze sagt:

      Dass überhaupt gesagten werden muss, dass man keinen Menschen wegwerfen soll….Ja, bitter…sehr bitter…es schmeckt bei uns bitter, weil wir wissen, dass etwas in unserem System nicht stimmt und wir mit dafür sorgen, dass solche Statements gibt.

      Die Realität ist, dass wir jeden Tag Menschen „kreuzigen“ – mit unserer Gleichgültigkeit, mit unserem Wegsehen, mit unserem Konsumieren, mit unserem Wirtschaften. mit jedem Gedanken der Überlegenheit, mit …. mit unserer Selbstbezogenheit, mit unserem nicht in der Liebe leben, Ich finde, es ist ein Film, der an unseren Schulen gezeigt werden sollte.Ein Film, der uns alle angeht.

      Ich stand am Samstag an einem Stand, die Mitarbeiterin unterhielt sich mit einem jungen Mädchen, die ihr erzählte, dass sie ihr erstes Handy im Alter von drei Jahren besaß..
      Man bekommt es sonst gar nicht so mit. Aber das scheint die Realität hier bei uns zu sein.

      ..ja…dieser Müll kommt auch von uns….
      Wir müssen umdenken…
      Wir…

  2. magguieme sagt:

    Hey, wenn ich mich von diesem Video weitertragen lassen, komme ich zu wirklich besonderen Sachen! Danke! Ich genieße. Danke.

    • martinakunze sagt:

      Ich danke dir.
      Es ist einfach ein wunderbares Projekt. Diese Menschen berühren mich mit ihren Statements, in ihrem Sein. Authentisch. Jeder entdeckt sich dort mit seinen Stärken, wächst über sich hinaus. Musik, die Seelen rettet. Diese Leidenschaft,….was ihnen ihre Musik bedeutet.
      Anders geplant, bekommt es eine so fantastische Richtung mit einer Message an die Welt. Ja – an uns gerichtet, sie ist vor allem an uns gerichtet.

      Diese Kreativität, der Mann, der von Müll lebt, erfährt sein ganz persönliches Glück. Sein Job bekommt eine Aufwertung für ihn. So was von im Sein – „Ich kenne Mozart nicht.“ Er baut mal eben die tollsten Instrumente, und mit was für einem Klang, das Saxophon, Cello…und schenkt Jugendlichen das größte Glück in einem harten Leben. Wow, ich sah mir das Video mehrmals an…Unglaublich, dass man diesen Klang aus diesen Instrumenten holen kann. So viele grandios begabte Jugendliche…

      Zu welchen besonderen Sachen bringt es dich?

      …ich bin ganz angetan von diesem Projekt….

      und ja, es ist auch unser Müll. Ob in Paraguay oder Indien…Aufklärung..Aufklärung, hier bei uns….
      Wir müssen unser Verhalten ändern. WIR.

      .

      • magguieme sagt:

        Und es zeigt auf so inspirierende Weise, wie man mit den Gegebenheiten kreativ umgehen kann.
        Sprüche wie: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus bzw. frag nach Tequilla bekommen da eine wirkliche Bedeutung. Es liegt doch immer an der Umsetzung.

      • martinakunze sagt:

        Wohl wahr! Genau. 🙂
        Im Irak, in Südafrika, in Indien, in Paraguay – in Konfliktgebieten, in Armenvierteln – lebt so viel Kreativität. Aus Nichts machen sie etwas.
        Was zeigt das:
        Das Bewusstsein ist Mensch. Er ist nicht Hab und Gut.

        Das darf uns aber nicht beruhigen….Nichts geschieht ohne Ursache. Wenn wir Müll in anderer Leute Leben kippen, werden sie krank durch unser Verhalten.
        und wenn ich den universellen Prinzipien folge, dann fliesst das Geschaffene wieder zurück, dorthin, von wo es gekommen ist….Alles nur eine Frage der Zeit… Gestern fielen Schneebälle auf die Dächer und den Rasen. Hagel so groß wie Schneebälle, ich habe so etwas noch nie vorher gesehen. Im Sommer! Die kräftigsten Bäume bogen sich im Sturm. Von nichts kommt nichts.
        Wir spielen Fisch, in einem Ozean schwimmend, begreifen nur nicht, dass wir ohne den Ozean nicht sein können.

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