Teil 6: Einen Löffel voller Angst. Für M.

coton

 

 

Quokka kroch auf Händen durch Geröllhalden. Er ging als Erster.
„Möppchsen, sorge dafür, dass Inuk nicht stehenbleibt“, sage Quokka.
„Du geht hinter mir“, flüsterte Möppschen Inuk zu.

Hintereinander machten sie sich auf den Weg. Sie krochen auf Händen und auf Knien. Inuks Blumenkohlohren streiften die Wände. Es sollte nicht lange dauern, da trafen sie auf den ersten versiegelten Gang.
„Der Weg führt in eine Schlucht hinauf, auf beiden Seiten ragen hohe Felswände in die Höhe. Dort gibt es etliche dunkle Plätze. Dort sind die Dinge, die wir nicht wissen können. Die wollen wir auch besser nicht wahrhaben, denn die machen etwas mit uns“, erklärte Quokka.
Ein Schauer überlief ihn. Sein Mantel raschelte vor Schreck.
An Inuk gewandt, ertönte  ein: “ Das ist ja man ganz schön dunkel hier, nich?“
Quokka stöhnte wie ein Gequälter.
Inuk  bekam Gänsehaut.
„Ja, das ist es“, gab er zur Antwort.
Möppschen machte große Augen und nickte. Ihre Gefühle wuchsen. Und je stärker das Gefühl, desto heller wurde sie. Eine Träne tropfte ihr auch noch gleich aus der Hand.
„Es ist fürchbar. Es riecht hier so nach Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit“, stöhnte Möppschen.

inuk eichSie fing ein kleines Lied an zu singen, das in etwa so ging:
Ich bin nicht die Prinzessin fein, aber eines Tages, da werd ich`s sein. Werd ich wohl . Sein, sein, sein. Fein. Fein.Fein. 
Sie konnte eigentlich nicht singen. Sie grölte eher.  Machtvolle Kraft stieg ihr durch die Zehen und in ihre kompakten Waden. Manchmal  sang sie vor lauter Angst so laut, dass sie ihre Nachbarn weckte. Mit ihrem Gesang saugte sie Energie aus der Erde, die sie stark machte. Aber hier, hier im Labyrinth ließ sie trotz des Singens alles frösteln.
Sie hatten schon eine weite Entfernung zurückgelegt. Es war karg. Es war grau. Inuk hielt sich dicht bei Möppschen auf. Er hatte Angst. Sie hatte Angst. Quokka hatte auch Angst. Doch er ließ sich nichts
„Suppe?“, rief Möppschen.
„Äh, möchten Sie  eine Pause machen?“, fragte Inuk.
„Verboten. Nich hier. Zu gefährlich.“ Er ballte die Faust zusammen und starrte nach oben ins Dunkel.
„Ich habe von Gerüchten gehört. Hier laufen sie herum…“
„Pfff. Wer läuft hier herum?“, fragte Möppschen.
„Na, die sich von Angst ernähren. Die riechen das durch ihre Augen, Ohren und Nasen, wenn jemand Angst hat. Die hören, wie man atmet „, sagte Quokka.
Sie waren noch lange nicht im Dunkelwald angekommen und es wurde jetzt schon gefährlich.
Inuk fasste Möppschen an die Hand.
„Kommt, höchste Zeit, dass wir hier verschwinden. Wir müssen uns hüten“, sagte Quokka.
„Sich hüten….?“, fragte Inuk.
Doch da waren sie schon. Es müssen tausende gewesen sein. Lauter kleine rote Käfer mit markanten Punkten auf dem roten Panzer tauchten auf. Genau vor der Nase von Quokka schwirrte einer von ihnen umher. Sie ziehen sich erst zusammen. Sie hängen überlegen an einem Faden. Sie kreisen um einen herum. Und dann breiten sie plötzlich ihre Flügel aus und stürmen in Tanzpose auf einen los.

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„Hey?“, rief Quokka. „Was is`n los?“
Quokka zeigte seine starken Zähne. Sie waren da. Die Siebenpunktkäfer.
Möppschen tropften die Tränen nur so aus der linken Hand. Lauter tanzende Schatten, riesig und wahrhaft erschreckend.
„Sehr töricht“, dröhnte der Käfer. „Sehr töricht, Angst zu haben! Zu dumm.“
Er balancierte auf Quokka`s Nase zu.
„Wer ist denn das da ganz tief unten?“ fragte der Käfer mit einer Stimme, die einen frösteln ließ
„Ich bin`s.  Gestatten Sie, isch àbe die Ehre. Mein Name ist Inuk.“
„Oh je“, sagte der Käfer. „Ein Hund mit Benimm.“
„Wie wahr!“, flüsterte Möppschen. Sie hielt ihre rote Handtasche etwas höher, um ihr Gesicht vor dem angetürmten Haufen Käfer zu schützen. Es half nicht. Sie glitschten überall hin. Doch Möpschen wäre nicht Möpschen, hätte sie ihre rote Handtasche nicht voller Suppenlöffel. Sie wurde immer heller vor Aufregung. Das Licht schien in ihre Tasche. Sie  zog schnell einen Stapel Löffel aus ihrer Tasche und warf einen zu Inuk und einen zweiten zu Quokka. Danach  machte Möppschen einen Schritt zurück und setzte sich auf einen umgedrehten Suppenlöffel. Die restlichen Löffel verteilte sie auf ihre beiden Hände. Sie wurde richtig wild und schnaubte in sich hinein.
„Kein Knabbern mehr. Ein ernst zu nehmender Löffelschlag“, rief sie so laut, dass schon dabei einigen Käfern vor Schreck der Faden riss. Sie purzelten in die Tiefe, landeten auf dem Rücken und waren außer Gefecht gesetzt.
„Der Tag der Löffel ist da! Ist das klar!“ brüllte sie den Käfern in die  Ohren.
„Ja..“, murmelten die restlichen Käfer irritiert zurück.
„Guck sich einer an. Hätte nie gedacht, dass es so viele Löffel gibt auf der ganzen weiten Welt“, rief Quokka ihr zu.
Und schon ging es los .
„Autsch!“. Jeder Löffelschlag saß. „Autsch!“, zischte schon der nächste Käfer.
„So ist es gut, noch einen kleinen Löffelschlag….“  Möppschen drehte sich blitzschnell auf dem sitzenden Löffel in in alle Himmelsrichtungen.  Mechanisch schepperten die vielen Löffel auf die Käfer ein.
„Autsch…“
„Kriech weiter, Käfer…sonst…“, befahl sie dem nächsten und schaute ihm direkt in die Augen.
„K…ann nicht…, hörte sie den Käfer mit zittriger Stimme sagen.
„K ..eine Kraft…“
„Das kann nicht sein!“, sagte Möppschen und zuckte mit den Schultern.
„Es ist aber so…“, flüsterte der Käfer mit schwacher Stimme.
„Wie?..Aber du musst…“, rief Möppschen.
„K…ann nicht…“ wiederholte der Käfer mit schwacher Stimme.
Sie streckte einen Löffel aus und schaufelte den Käfer hinein.Und so geschah es, dass Möppschen voller Suppengerätschaften mit einem Käfer auf einem Löffel festsaß.
„Beim Himmel. Wie heißt du denn?, fragte sie.
„Coccinelli“. Der Käfer hob sein Kopf.  „Vielleicht solltest du mich einfach irgendwo, äh, absetzen“, schlug der Käfer vor.

„Fass dich an deinen Gürtel und schwing dich fort, Käfer!“, brüllte Quokka dem Käfer zu, der noch immer vor seiner Nase herumschwirrte. Der Käfer schwang in einem weiten Bogen vor und zurück.  Klar, dass er es nicht mochte, beleidigt zu werden. Käfer. Inmitten all seiner Brüder und Schwester Käfer genannt zu werden, war eine Beleidigung.
„Ich bin kein Käfer!“
„Bist nur ein Käfer“, wiederholte Quokka.
Es war die lauteste Stimme, die der Käfer je gehört hatte.

inuk oberkaefer
Er sah wie Quokka ihn anstarrte und  donnerte zurück: „Was auch immer du tust. Deine Taten werden Folgen haben! Du wirst es bereuen.“
Doch er fühlte auch, dass es unter diesen Umständen  besser war, sich aus dem Staub zu machen. Also schnappte er sich seinen Faden und drehte ab.
„Ich sag`s dir, ich bin kein Käfer! Ich bin hier, weil ich sieben Punkte habe. Kannst du nicht Punkte zählen? Ich bin ein Siebenpunktkäfer! Ich bin der Ober-Siebenpunktkäfer“  Der Käfer lächelte sein gefährliches Lächeln.
„Ein Käfer ist ein Käfer ist ein Käfer.“ Quokka schwang seinen Löffel.
Der Käfer  machte „Urrgh!“ und hinterließ beim Abdrehen einen kleinen Silberstreifen von Licht.

Ein kurzen Moment wurde es leuchtend. Quokka suchte nach Inuk.

„Möppschen, ich fall gleich tot um! Sieh´dir mal Inuk an. Möppschens Gedanken um Coccinelli verstummten schlagartig.
Sie machte eine gummiweiche 180 Grad-Drehung.
Der Käfer Coccinelli klammerte sich am Löffel fest, als würde er gleich der Matschbacke vorgeführt.

„Ups!“, rief Möppschen aus. „Ich falle in Ohnmacht!“  Sie musste Luft holen.

 

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inuk marienkaefer3Inuk war umzingelt von Käfern. Es schien, als habe er das Vertrauen der Käfer gewonnen. Hier und da flackerte ein Licht auf. Kurz darauf hörte man ein  „Ha-ha-ha!“  Es ging lustig zu.
„Siehst du auch, was ich sehe?“, fragte Quokka nach.
Wonach sieht es denn aus?“, fragte Möppschen.
„Horch doch mal!“, sagte Quokka. „Du kannst ihn hören.“
„Hier liegt was in der Luft“, brummte Möppschen.
Sie starrten auf die aufgetürmten Käfer, die  mit verträumten Augen und  glänzendem Silberstreifen vor Inuk saßen und seiner Stimme lauschten. Alles summte hier plötzlich. Alle schienen  miteinander verbunden.
Coccinelli beleuchtete den Löffel, in dem er saß. Sein Herz warf eine Welle aus. Er breite seine Füßchen aus und machte es sich gemütlich. „Siebenpunktkäfer lieben Geschichten“, erklärte er.
„Ah“, sagte Möppschen. „Verstehe.“  Sie räusperte sich.

 

Inuk erzählte den Käfern noch eine Geschichte. Sie handelte vom Baum am Berge.
Ein kleiner Junge ging allein durch die Berge. Die Berge wurden „Bunte Kuh“ genannt. Ein alter Mann fand den Jungen an einen Baum gelehnt. Er fasste den Baum an und sprach zu dem Jungen: „Wenn ich dir den Baum mit meinen Händen schütteln wollte, ich würd`s wohl nicht schaffen. Aber der Wind, den wir nicht sehen, der schafft es. Wohin er will, kann er ihn biegen. So ist das auch mit uns Menschen. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen.“
Der Junge schaute den alten Mann verwundert an. Der sprach weiter: „Sieh dir den Baum an, mein Junge. Je mehr hinauf in die Höhe, umso stärker wollen seine Wurzeln in die Erde. Dieser Baum wuchs sehr schnell hoch hinaus. Jetzt steht er hier einsam in den Bergen. Er wuchs über die Menschen und Tiere hinaus. Wenn er reden wollte, hätte er niemanden, der ihn verstehen könnte, so hoch wuchs er hinaus. Und nun wartet er und wartet er. Vermutlich wartet er darauf, dass er vom Blitz getroffen wird. Das ist wie mit uns Menschen.  Die Gefahr ist beim Wachsen, nicht nur ein Hoher zu werden, sondern auch ein Frecher, ein Arglistiger, ein Höhnender. Wir suchen die Freiheit, alles will in die Höhe. Wir suchen nach den Sternen, wir bellen vor Lust im Keller  und wollen dem Sturm ausweichen. Und dann werden wir doch in den Sturm geworfen. Und im Sturm verschärft sich alles. Viele sehen nur nach oben. Der Mut aber will lachen. Der Mut sieht nach unten, weil er erhoben ist. Also, wirf den Helden in dir nicht weg. Wirf die Hoffnung in dir nicht weg. Vergiss nicht mein Junge, jeder Sturm hat ein Loch in der Mitte. Durch das Loch musst du in  Stille hindurchgehen, dann werden deine Wurzeln stark. Den Sturm überlebst du nur von der Mitte. Wann immer du in den Sturm geworfen wirst, komm zurück in die Mitte. Wenn du wissen willst, wie man den Sturm der Erfahrungen erträgt, musst du wissen, was ein Vogel weiß. Beobachte einen Vogel im Sturm.

Die Geschichte endete in der Stille. Mucksmäuschenstill war es.
„Stille ist beim Erzählen von Geschichten genauso wichtig wie die leere Leinwand für den Maler“, flüsterte Coccinelli Quokka und Möppschen zu.

Möppschen fiel der Löffel aus der Hand. Was nicht so gut war für Coccinelli, der es sich in ihm sehr gemütlich gemacht hatte. Überrascht hob der Käfer die Brauen.
„Oh, ich bitte dich…hör mal…“ entfuhr es ihm. „Oh nein…“
Und schon fiel der Käfer im Galopp. Einige Sekunden lang beschnüffelte er den Boden. Seine Ohren rauschten. Vor den Augen tanzten ihm blitzende Lichter. Sein Kopf fühlte sich, als habe ihn ein hartes Ding getroffen. Die Beinchen protestierten wild. Zur gleichen Zeit schnalzte Möppschen mit der Zunge. Click.Click. Die großen Schatten waren verschwunden. Alle Käfer leuchteten. Sie streckten ihre Flügel aus und genossen die Wärme.
„Das ist wirklich erstaunlich, Möppschen!“ Quokka starrte sie mit großen Augen an.
„Ja. Magie“, seufzte sie.
Vor ihren Augen tanzten tausende Siebenpunktkäfer.

Coccinelli navigierte sich zurück zu Möppschen und stieß ihr mit der Stiefelspitze an die Wade.
„Es gibt viele Möglichkeiten, seine Angst zu besiegen“, rief der Käfer den beiden zu. „Eine ist, Geschichten daraus zu machen.“

 

Und so geht es bald weiter:

Das Labyrinth war vinuk irrgartenoller Tücken. Aber sie mussten zu Wortspinner gelangen. Nur er konnte ihnen helfen. Er war über sechzig, bartstoppelig, mit verrunzelter Haut. Altersschwere Augen hingen in seinem Gesicht. Zur Hälfte war er gemein. Zur Hälfte war er nett. Er sah keinen Grund mehr auf die Liebe zu warten. Liebe war für ihn nicht mehr als das Warten auf Schmerz. Er vertrieb auch Kinder und Liebespärchen aus seinem Turm. „Du – …Dum-m-köpfe ha-aben hier ni-nichts zu suchen“, sagte er immer. „Es ist ein Kreu- z mi..mit der Ju-ugend. Keinerlei Si-inn mehr für für Eti-kette und Be-nehmen.“ Er rempelte sie an und erklärte ihnen, wie schrecklich die Liebe ist. Er schwelgte in Selbstmitleid. Ansonsten war er der Allerhöchste Akademiker.

 

 

 

 

 

 

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6 Kommentare zu “Teil 6: Einen Löffel voller Angst. Für M.

  1. magguieme sagt:

    Bin grad beim Titel… Klingt nach bitterer Medizin, aber es heißt ja immer wieder, dass dieser Löffel voll mitunter geschluckt werden muss, um zu… Also, ich scrolle dann mal wieder rauf – bis später 🙂

  2. magguieme sagt:

    Oh wie erschreckend und lustig und wichtig und wahr! Alles, alles zusammen. Du Geschichtenerzählerin, du.
    Ich möchte „Inuk“ an den Hersteller des Schweizer Taschenmessers schicken. Da fehlt definitiv ein Löffel!
    Danke dir!

    • martinakunze sagt:

      Ola la, isch soll e` (mit die weische e) zu die Messerwerfer? Eine Löffel holen?
      Da muss isch àben eine laaa-ngè Baguettè mit frommagè für die laaa-ngè Reisää. Und Muskat-Weintrauben von die Provence Francaise.
      Meine Messer mit die weiße Kreuz isch abe ge-abt und in die Sudan geschenkt. War keine Löffel? Aba wenn du misch dein-e Messer-rr schickst, isch klebe dir ene schöne Löffel an!
      Bon Soir.
      Inuk.

      Beim Schreiben hielt ich inne – Stille – dachte, sah den fliegenden Vogel im Sturm. das Loch..es sieht wirklich so aus.ich mag dieses Bild. Sehr. Wir bekommen alles von der Natur gezeigt und erklärt. Wir müssen nur hinsehen, hören, fühlen. Ich danke dir!

      • magguieme sagt:

        Ich wurde ebenso auf eine ganz besondere Mitte aufmerksam gemacht. Nun taste ich mich mit dem Bild weiter.

        Eine Reise mit Inuk könnte mir gefallen. Kulinarische Höhepunkte scheinen inkludiert.

        Isch liebee diese Flockee 😀

      • martinakunze sagt:

        Ist ein Ding, gerade dachte ich an dich, war in Kurzpause – Sonnenknicks, Salbei düfteln, barfuß die Eisheiligen spüren. Und jetzt bin ich zurück und die Nachricht von dir.. Wie schön.
        Guten Morgä-ään. Flocke-e find isch gut. Flocke–ee freut sich, ruft die Hund de Coton mir gerade zu.

  3. […] Die Löffelschlacht mit den Siebenpunktkäfern gehörte bereits zu einer dieser Tücken. (Inuk, Teil 6: Ein Löffel voller Angst […]

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