Teil4: Eine weiße Flocke für M.

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Etwas Licht kommt im Dunkeln auf.

 

Inuk erwachte aus seiner Ohnmacht. Seine Augen gingen hin und her, hin und her. Reglos lauschte er der Dunkelheit. Seinen ganzen Mut  musste er aufbieten, um nicht zu zittern. Wie Pilze aus feuchter Erde entsprang alles an Gefühlen aus ihm.  Kummer, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Zaudern, Angst, Zorn. Er spürte den Boden nicht mehr unter seinen Füßen.
Nach einer Weile schlich er sich langsam an eine Mauer heran.  Auf allen vieren tastete er sich vorwärts.
„Genug! Genug! Sie kommen nur von meine Denken! Worauf soll das hinauslaufen. Unglaublisch…….Wirklisch!“, murmelte er. Er wischte sich mit der Pfote den Schweiß von der Stirn. Inuk ahnte nicht, dass  kaum 50 Schritte entfernt von ihm Lulu stand.
Und plötzlich ließ ihn etwas aufschreien. „Auuutsch!“
Etwas hartes, knochiges hatte ihn am Fuß gepackt und zerrte heftig daran.
„Au!“ schrie er erneut vor Schmerzen. Inuk strampelte mit den Beinen. Plötzlich umfasste ihn ein harter Griff am zweiten Knöchel.

Seine Augenlider flatterten.
„Du!“, rief er. „Lass das bittè!“
Sein Herz fing an zu klopfen.
„Ich àbe eindeutig AUA gesagt! Wer bist du?“, wollte Inuk wissen.
„Ich bin Möpschen-Lulu Windston!“, kicherte sie und tätschelte Inuk.
Inuk fragte gleich weiter: „Du würdest mir doch nie etwas antun?“
Möpschen ließ sich auf  Inuks Körper fallen und nuschelte: „Das kommt darauf an!“
Ssssstttt….
Und dann leuchtete plötzlich ein furchtbar grelles Licht auf. Möpschen hatte einen Streichholz angesteckt. Inuk guckte erstaunt hoch. Für einen kurzen Moment konnten sie sich sehen.
Möpschen rückte an Inuks Gesicht heran. Sie hielt die Flamme ganz dicht an sein Gesicht und musterte ihn.

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Möpschen Windston

inukstreichholz„Großer Gott, wie siehst du denn aus? Du hast ja Riesenohren!“. Sie seufzten beide und zwar gleichzeitig.
„Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen“, sagte Inuk.
„Oh, la la, die Ehre ist ganz meinerseits. Du rührst dich nicht von der Stelle, verstanden?“, erwiderte sie.
„Ja.. .“, antwortete Inuk. „Aber isch…“
„Für Fragen ist jetzt keine Zeit. Höre mal gut zu, hier drinnen ist es sehr schwer, sich zurechtzufinden. Du bist hier in einem Labyrinth. Hier haben alle Wege Windungen und Krümmungen, Sackgassen und falsche Türen, die dich für alle Ewigkeit schlucken können.“

„Abär isch kann nicht hier bleiben. Isch liebe die Prinzessin. Isch muss…“

„Ach, das ist ja süß. Liebe. Liebe. Hört. Hört. Ich werde dir zeigen, was aus Liebe werden kann.  Ich werde dir den Schrotthaufen zeigen. Tja, da gibt es nichts zu lachen, mein Junge.“
„Davon weiß ich nichts“, sagte Inuk.
„Das kannst du auch nicht, bevor du nicht verlierst, was du liebst. Die gewöhnlichen Leute der Welt sind zufrieden, wenn andere so sind wie sie selbst, aber sie mögen es nicht, wenn andere anders sind als sie selbst.  Genug von Liebe.“ Sie blies den Streichholz aus. „Du solltest lieber davon reden, wie ich dich retten kann. Ich werde dich nach Dunkelwald bringen. Aber dafür müssen wir an den Flachköpfen vorbei. Sie werden hier im Verlies gefürchtet. Wenn sie dich kriegen, machen sich dich zu einem siebentägigen Festessen!  Sie hassen die Liebe und sie hassen Geschichtenerzähler. Nur Lügen können dich vor ihnen schützen. Das ist kein bisschen witzig, ihnen zu begegnen!“

Eine Träne tropfte aus ihrer Hand. Dann eine zweite.  Und noch eine dritte. Wenn Möpschen emotional bewegt war, tropfte es immer Tränen aus ihrer linken Hand. Sie lächelte entschuldigend.
Wo ist das denn… Dunkelwald?
“ Dunkelwald ist im Nichts- und Niemand-Land.

dunkelwaldIm Dunkelwald gibt es einen Turm. Der ist ein Denkmal für die Dummheit der Liebe. Dort kannst du die Ergebnisse der Liebe sehen. In ihm lebt  ein alter Mann. Alle nennen ihn Wortspinner. Er stammelt immer Worte wie  „Aber,…… aber,….. aber…. Er wackelt manchmal mit seinem knochigen Mittelfinger und macht mit seinem Kopf ruckartige Bewegungen. Und dann kommen seltsame Sätze aus ihm heraus. N…icht einmal d….denken darfst du d….daran!  W…wir s…spre-echen doch n…nicht vom l…leeren Raum, wenn, wenn….w….wenn wir vom Himmel sprechen. Und manchmal kreischt er hysterisch. Und manchmal wird er fuchsteufelswild. Er ist herb wie der Herbst und er kann mild wie der Frühling sein. Und er hat einen scharfsichtigen Spinneblick. Mit dem Blick sucht er…..“ Möpschen stockte. Sie entschied sich, ihm nicht nicht alles zu erzählen. Noch nicht…
Inuk schluckte. Sein kleines Herz sank bis hinunter in die Schwanzspitze.
„Wozu willst du mich zu ihm bringen?“, frage er.
“ Du  kennst die Geschichte vom unbeschreiblichen Geheimnis der Gedanken und der Prinzessin, die Herzen hören konnte. Die Geschichte wird dich retten. Erzähl sie ihm“, antwortete Möpschen. „Wortspinner liebt Geschichten und er  ist der einzige, der dich hier herausführen kann. Gleich im Morgengrauen machen wir uns auf. Ich werde Quokka rufen. Er wird uns helfen.

 

Ja, Inuk kannte die Geschichte von der Prinzessin , die ganz tief hören konnte. Sie konnte sogar das Gras wachsen hören. Und sie konnte Knopflöcher platzen hören. Sie hörte  auch Blumen lachen. Nichts war für sie unmöglich in ihrem Reich der Gedanken. Ihre Stimme klang singend. Selbst die einfachen Worte klangen wie ein leises Lied.

Im Verlies gab es kein Licht. Und vor allem keine Prinzessin Emerèlle, die Gitarre spielte und sang.  „Prinzessin. Prinzessin. Prinzessin.“ Diese drei Wörter drehten sich in Inuk`s Kopf. Die Tapferkeit. Woher sollte er die Tapferkeit hernehmen? „Es war einmal… es war einmal….“wiederholte er. Das waren die mächtigsten Worte, die sich Inuk überhaupt nur vorstellen konnte. Er wollte versuchen, so tapfer wie möglich zu sein.

 

Quokka musste sich am Türrahmen festhalten. Er hatte das Gefühl, das ihm jeden Augenblick die Beine wegknickten.
„Bei allen Göttern! Ich soll einen Hund und dich zum Turm bringen?  Sogleich wuchs eine dicke rote Beule auf seiner Stirn. Der Gedanke machte ihm Ärger im Kopf. Mit einem mulmigen Gefühl wandte er seinen Blick zu Möpschen. Sollte sie sich doch alleine mit dem Hund vergnügen. Schlurfende Schritte waren zu hören. Als dachte er nach und versuchte sich klarzumachen, was jetzt von ihm erwartet wurde. „Tausende Wege sind möglich und sicher werden uns die Flachköpfe Fallen stellen. Heimtücke ist eines der ausgeprägtesten Wesenszüge dieser Zweiherzigen. Sie sind gewieft. Willst du meinen Wagemut herausfordern?“ Er fragte sich, ob Möpschen verrückt geworden war.
„Quokka, es bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu tun – es sei denn, du willst die Welt aufgeben“, lenkte Möpschen ein. Sie bohrte ihm die ganze Zeit ihren Finger in den Rücken. Möpschen zapfte seine Gedanken an. Mittlerweilen war es schon ganz normal für sie, Gedanken zu lesen.
„Du sollst nicht immer so dicht an mich herangehen! “ , drängte Quokka und schob sich an ihr vobei.
„Inuk kennt die geheimnisvolle Geschichte der Gedanken. Geschichten bedeuten Licht. Licht ist kostbar in einer dunklen Welt. Er kann uns das Licht zurückbringen. Seit Jahren sucht Wortspinner nach der richtigen Geschichte. Wir müssen ihn und seine Geschichte zu dem alten Mann bringen. “
„Die Flachköpfe interessieren sich nicht für Licht. Ahhh.“ Er sagte das Wort  noch einmal: „Licht.“

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Das Labyrinth. In diesem Verlies saß Inuk fest.

 

Ständig war Quokka auf der Suche nach dem Licht. Nicht den kleinsten Schimmer hatte er bisher finden können. So verzweifelt war er an manchen Tagen, so große Sehnsucht hatte er nach dem Licht. Gefangen waren sie alle im dunklen Verlies. Aber ohne Licht konnte keiner einfach fortlaufen. Mit jedem Schritt, mit dem man in es eindrang, veränderte es sich hinter einem. Er wusste, wenn er das Licht finden würde, wäre sein Leben voller Bedeutung.

„Wir werden vor Kälte zittern. Das wird übel wie noch nie! Wir werden nur kurze Nickerchen machen können.  “ Er hatte den Mund zu einem Strich zusammengekniffen. Seine Schläfen pochten.  Er spähte angestrengt ins Dunkel. „Wir werden das heimtückischste Herz der Welt durchwandern. Du weisst, sie werden versuchen sein Vertrauen zu gewinnen. Ihm sämtliche weiße Zähne zeigen. Und wenn sie dann sein Vertrauen haben,  stoßen sie ihn zurück und verweigern sich ihm. Allem verweigern sie sich. Vor allem das, was er sich am meisten wünscht, werden sie ihm vorenthalten. Sie vergeben nichts. Keine Freunde, sondern Flachköpfe.  Wir müssen durch den Tümpel der Schatten. Wir brauchen die Schmetterlinge. Nur mit ihnen kommen wir leichter voran“, sage Quokka.“Hörst du mir zu, Möpschen?“, fragte er.

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Quokka

„Ich höre dir zu“, sagte Möpschen.
„Gut“, sagte Quokka. Während er das sagte, schwang an seinem langen Nagel der rechten Vorderpfote ein dünnes Seil mit einem Medaillon. Es schwang vor und zurück, vor und zurück.
„Tu, um was ich dich bitte, und dein Leben wird voll von Bedeutung sein“, sagte Möpschen

 

Inuk hatte sich gegen die Welt, ihre Urteile und Gewohnheiten gestellt. Er bekam nun zu spüren, was es bedeutete.  Sie hatten ihn in ein Verlies gesperrt. Inuk war unter den ihm Vertrauten der Andere geworden. Ein Anderer,  auf den Möpchsen schon immer gewartet hatte.

Die große Glocke schlug siebenmal.
Möpschen und Quokka flitzen zu Inuk.

Inuk fühlte sich plötzlich in einer Hand sitzend. Sein Herz klopfte vor Angst. Es dauerte einen schrecklichen Moment.
Eine Stimme dröhnte in sein Ohr.
„Oh ja! Ich werde dir ein Seil umlegen, damit wir dich nicht verlieren.“ Quokka band das Seil mit Medaillon um seinen Hals. Er setzte ihn wieder auf den Boden und verabreichte ihm einen Schubs von hinten. Es war ein kräftiger Schubs.  Inuk riss die Augen auf.
Ich will tapfer sein, dachte er sich. Es schien ihm die einzig mögliche Reaktion.  So tapfer sein wie im Märchen, das er in der Bibliothek gelesen hatte.
„Entschuldige disch! Mon Dieu!“, sagte Inuk.
„Werde ich nicht“, antwortete Quokka.
„Entschuldige disch“, wiederholte Inuk und stellte sich aufrecht hin.
„Nein!“,  zischte Quokka. Seine Zähne blitzten weiß wie Gletschereis. Die Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Isch àbe eine Ehre, Sie unfreundlicher Löffèl.“ Inuk strich sich mit der Pfote durch die Haare. „Unglaubèlisch! Wer sind Sie?“ wollte Inuk wissen. Er zitterte vor Empörung.
„Geht das wen was an? Du bist hier in der dunklen Welt, was überhaupt nichts mit Licht zu tun hat. Hier gibt es das Böse. Du riechst nach Angst. Und die Ohren. Was hast du denn für Ohren…“, sagte Quokka aufgeregt.
Worte ohne Licht flogen hin und her.

„Hört auf!“, rief Möpschen mit hoher Stimme dazwischen. „Quokka  Glitschig! „, mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an und  und holte tief Luft. Ihre Knöchel traten weiß hervor.  An diesem Punkt war es sehr wirkungsvoll über seine Füße zu laufen.  Das tat sie sogleich. Ihre Augenbrauen rutschen noch eine Etage höher. Sie war kurz vor dem Durchdrehen!  „Also wirklich! „, sprudelte es aus ihr heraus. Quokka schluckte. Ihr tropften erneut Tränen aus ihrer linken Hand. Inuk schluckte ebenso.

„Beim Himmel, wir sind nicht für die Dunkelheit geschaffen. Entschuldige dich schnurstracks bei Inuk.“
Quokka klemmte ein Kloß in der Größe einer Bratkartoffel in seinem Hals.  Er blies beide Wangen auf, reckte sein Kinn in die Höhe und im nächsten Moment schielte er zu Inuk hinüber. Inuk stellte seine Lauscher auf. Aber er sah zumindest nicht so aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Möpschen trat Quokka noch einmal entschieden auf die Füße.
„Streng dich an!“, blaffte sie Quokka an.
„Seid doch mal still“, rief er zurück.
Quokka steuerte auf Inuk zu.
„Hollidiho, ich bin Quokka! Na, du kleine Krabbe“,  tönte er mit einer  richtig schön tiefen Stimme. „Hör zu. Morgen. Morgen ist es so weit. MORGEN….Ähm..Das Seil habe ich dir umgebunden, damit du uns nicht verloren gehst. “
„Aber…“, sagte Inuk.
„Kein aber“, sagte Quokka. Kein aber. Nicht eins.“
„Du schummelst ja, Quokka. Du sollst dich doch bei Inuk….“, sagte Möpschen.
Quokka schloss seine Augen.
„In Ordnung. Ich entschuldige mich bei dir, Inuk!“ Quokka räusperte sich. „Ich bin hier, weil ich sechs Kühe, zwei  Ziegen und drei Hühner gestohlen habe. Aber so schlecht bin ich gar nicht.  Ich bin gekommen, um dir hier in der Dunkelheit Gesellschaft zu leisten.“
„Hä? Gratuliere Quokka! Komm erzähl`s ihm! „, sagte Möpschen Windston.
„Einem Hund was erzählen? Du spinnst wohl!“, empörte sich Quokka.
„Stell dir vor, er sei nichts als eine Stimme in der Dunkelheit.“
„Ich sag`s dir. Aber ich erzähl`s dir nur, weil`s keinen Sinn hat, es dir nicht zu erzählen. Es hat keinen Sinn, Geheimnisse vor einem schmutzigen kleinen Hund zu haben. Ich bin nicht so verzweifelt, dass ich einen Hund anlügen müsste.“
„Und dann…Quokka“, sagte Möpschen.
„Und dann…“ ermutigte Inuk ihn.
„Und dann hab ich noch meine ….ich hab das Schlimmste gemacht….Und dann hab ich meine eigene Tochter verkauft. Ich bin von ihr weggegangen und sie hat geweint und nach mir gerufen und ich hab mich noch nicht mal umgedreht. Hab ich nicht. Oh Gott, ich bin einfach weitergegangen.“  Quokka schniefte. Sein Herz war gebrochen. Und es schien, als würde sein Herz nie wieder heilen können.
So eine Traurigkeit. Inuk lernte die Unglücklichen kennen. Was für ein Lichtblick war seine Prinzessin! Wenn sie lachte, lachte die Welt.  Und sie lacht oft und alles um sie herum schien noch heller zu strahlen. Wenn sie sang, war ihr Kleid über und über mit Schmetterlingen besetzt, die sie anblinkten und ihr zuwinkten.

Möpschen wusste, dass Quokka aus dem Licht gefallen war. All das lag viele Jahre zurück. Doch lebten die Erinnerung und der Schmerz jeden Tag. Böse zu anderen zu sein, half ihm im dabei, sein schiefes Herz wieder zusammenzubasteln, aber leider verkehrt herum.  Natürlich halfen seine Worte nie wirklich, denn sein Handeln hatte ja immer auch Folgen unter denen andere zu leiden hatten. Wie dem auch sei: Möpschen, Quokka und Wortspinner hatten die Orientierung verloren. Sie  brauchten ihr Licht wieder.

Es herrschte für einen  Moment  lang Schweigen.
Inuk versuchte sein Unbehagen zu verbergen. Er wollte keine Enttäuschung sein. Und mit Folgen kannte er sich gut aus.
Quokka kratzte sich am Kopf und weinte in der Dunkelheit des Verlieses. „Inuk…“
„Ja“, sagte Inuk leise.
„Wir brauchen deine Hilfe. Du besitzt eine Geschichte.  Du musst sie Wortspinner erzählen. Wir bringen dich zu ihm. Wir müssen den Grund unserer Reise verheimlichen, damit hier im Verlies keine Panik ausbricht.  Es wird  kein Weg ohne Gefahren werden. Wenn wir es schaffen, und du nur deine Geschichte weitererzählst, werden wir unser Licht zurückbekommen…..frei sein …Und…. ich kann dann meine Tochter suchen gehen.“
Quokka hob eine Pfote  und legte sie vorsichtig auf eines der Blumenkohlohren Inuk`s.
„Kannst dann auch froh sein. Wir werden dich ins Schloss bringen. Da, wo die klitzekleine Prinzessin lebt. “
Es gab Grund zu hoffen.

to be continued….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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