Vollkommene Stille

kind u katze
(Gracias T.)

 

Immer, wenn es keine Meinung, kein Urteil, keine Bewertung gibt, hören wir aus der Stille heraus.
Immer, wenn wir einer Sache volle Aufmerksamkeit zuwenden, herrscht vollkommene Stille.
In dieser Aufmerksamkeit gibt es keine Grenze, keine Mitte, kein „Ich“, das bewusst oder aufmerksam ist.

Vollkommene Stille, vollkommene Offenheit für einen Moment

 

Dieses Foto hat mich fühlen gemacht. Zunächst war ich fasziniert von diesen Augenpaaren. Dieser Gleichzeitigkeit. Es gibt ihn, den zeitlosen Moment, dachte ich weiter.  Es gibt diesen entspannten Moment, wo Zwischenräume verschwinden. Je länger ich auf das Foto sah, desto stiller wurde ich. Wohltuend still.  Und nach einer Weile begriff ich:
Sehen und Lernen sind eine  große Kunst, die man nicht auf der Universität lernt.
Leben, Lernen und Handeln sind keine verschiedenen Dinge, sie sind untrennbar.
Das Denken sich nicht einmischen lassen. Wenn wir etwas tun, statt nur beobachten,  bringen wir Konflikte hinein.
Sie wollen doch nicht behaupten, dass wir nicht alle in Konflikt oder in Spannung leben? Alle möglichen Dinge. Die Socke, die rutscht. Der Nachbar, der zu laut ist. Der Bericht, vor dem ich schon seit Wochen weglaufe. Meine Karriere geht nicht so richtig voran. Ich bin  betrogen worden. Liebe mich, aber bitte so, dass du mich nicht allzu sehr  in meiner Freiheit störst. Konflikte zu Eigentum, zu Dingen, zu Vorstellungen – viele Konflikte.  Einsamkeit, Angst vor dem Altern,  angst zu verlieren,w as man sich geschaffen hat, Verzweiflung, Sorge, Frustration, Kummer, äußerste Langeweile, Routine, gelegentlich blitzende Freude. Wir reden von Liebe, von Zärtlichkeit, während wir mit anderen wetteifern, ehrgeizig sind, nach persönlicher Position streben.  Beziehungen zwischen zwei Partnern werden in Wirklichkeit zwischen Vorstellungsbildern gelebt. Fast jede Beziehung ist zum Kampf geworden. Menschen treten gegen Menschen an. Kurz aufflammende Freude wird zur Erinnerung.
Wir versuchen dem zu Entkommen durch jede Form von Unterhaltung, durch Alkohol, durch Reisen, durch Gelehrsamkeit, durch Religion, durch Sex, durch Suchen nach Autoritäten, die uns sagen, was wir tun sollen. Wir stellen uns durch Wortwiederholung ruhig. Flüchten in Ansprüche, Wünsche, Bestrebungen und Zwänge. Von anderen erfahren wir, wie wir uns verhalten sollen, wie wir leben sollen. Wir versuchen zu werden.  Ich soll nicht zornig sein, bewirkt dieses  „sollte nicht“, und schon sitzte ich im Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ich verbrauche meine Energie im Streben nach dem jeweiligen Gegensatz. Wir sind konditioniert, um uns an dem „Helden“ zu messen, am Ideal. Und schon sitzen wir in der Falle des Vergleichens. Was sein sollte, wird wichtiger als das, was ist.

Vermutlich werden wir Menschen  bald 150 Jahre werden können. Die Wissenschaft erfindet sicherlich entsprechende Medikamente. Dabei fürchten wir uns so sehr vor dem Alter. Seltsam. Eine Frau von achtzig Jahren wird „junge Dame“ genannt.  Das Alter wird in Altenheime verfrachtet. Junge Menschen wollen nicht mehr für die Alten aufkommen müssen. Ihre Last ist auch so schon groß genug. Das nennen sie Leben.

Noch älter werden?  Wozu?

Wird es dazu führen, dass wir uns als Menschen besser verstehen? Werden wir weniger in Konflikten, in Angst und Spannung leben?
Werden wir uns sagen: Warum sollte ich eine Meinung über einen anderen haben? Das ist eine solche Verschwendung von Zeit und Energie. Warum soll man sein Gehirn, sein Bewusstsein mit Meinungen, Urteilen, Schlussfolgerungen vollstopfen?
Warum soll ich anderen sagen: „Lebe auf diese Weise“?  Sich einem Verhaltensmuster anzupassen und entsprechend zu handeln, ist doch kein Handeln, sondern pure Nachahmung.

Werden wir dann verstehen, dass  unser Bewusstsein immer empfindet – auch ohne Denken?  Es ist nicht im Denken verstrickt, wenn es wahrnimmt. Es empfindet, was vor sich geht. Es empfindet Freude oder Angst  oder auch nicht, in einem anderen Menschen, im Inneren des Menschen, ohne darüber nachzudenken, was er tut und was vor sich geht. Sobald wir  t u n, landen wir in Konflikten.
Dabei verstehen wir auch ohne Denken. Es geschieht quasi nebenbei.

Werden wir dann begreifen, dass Liebe kein Denkprozess und keine Abhängigkeit ist? Werden wir verstehen, dass Liebe nicht Lust ist und auch nicht gedeihen kann, wo Angst und Neid herrschen?

Werden wir dann das Leben mit dem Herzen in voller Aufmerksamkeit wahrnehmen? Fühlen, empfinden, erkennen, was das Leben ist und was der Tod ist?
Werden wir etwas finden, was wir nicht durch den Intellekt, durch Denken zurechtgelegt haben?
Werden wir in dieser Freiheit des Schauens leben?
Beobachten, um  herauszufinden zu können, was unsere Gesellschaft menschlicher werden lässt und was es ist, dass unsere Wahrnehmung dabei verzerrt?
Werden all diese Gefühle von Trennung, den engen Raum, den wir um uns herum schaffen –  ich bin ein Christ, du bist ein Hindu, ich bin eine Deutsche, du bist ein Afrikaner , ich bin ein Studierter, du bist ein Handwerker, ich bin ein Mann mit Haus, Geländewagen und Boot , du bist ein Habenichts, ein Ende gefunden haben, damit wir echte Beziehungen aufnehmen können?
Werden wir begreifen, dass diese Trennung eine Illusion ist? Trennung ist Konflikt und nicht Beziehung.
Werden wir begreifen, dass wir diese Probleme, all das hier gerade Erwähnte  ernst und tief im eigenen Inneren zu lösen haben?

Ich glaube nicht daran, dass  eine Bildung, geschärft durch Konkurrenz, Neid und Wetteifer, dass ein solcher Geist imstande ist, die  tieferen, unbewussten Schichten zu erforschen.

Stille ist nötig für solches Schauen. So nötig, wie der Tag für die Nacht nötig ist.  Ohne Anstrengung, ohne Verzerrung. Ein stiller Geist besitzt Weiträumigkeit.  Das ist ein Raum von einer ganz anderen Qualität, der sich einstellt, wenn wir nicht denken.

Wenn wir ohne Anstrengung, ohne Vorbehalt, ohne Urteile, ohne Angst in uns hineinhorchen, in uns hineinfühlen, werden wir außergewöhnliche Dinge entdecken – auch die Angemessenheit unseres Handeln.

Die Schönheit ist da, wenn wir den Geist und das Herz haben zu sehen – nicht oben in der Wolke, in dem Baum, im Wasser, in dem Ding, sondern in sich selbst.

 

Advertisements

4 Kommentare zu “Vollkommene Stille

  1. magguieme sagt:

    Sie schaukelt neuerdings in den Wolken. Keine Bewertung, nur wahrgenommen.
    Das Bild… sehr berührend. Irgendwann beim Wirken-Lassen kann man nicht mehr sagen, ob die beiden irgendwo hinein oder vielmehr hinaus schauen. Spielt keine Rolle. Offene Augen. Ganz im Moment.
    Danke.

    • martinakunze sagt:

      🙂 keine Bewertung…ich lache. Ja, schaukelnd in den Wolken, freischaukeln…mitten in den Traum hinein.
      Ich denke, es ist ganz und gar unmöglich, sich völlig aus dem Bewerten herauszunehmen.

      Genau, offen Augen, immer öfter ganz im Moment sein.

  2. marieke2012 sagt:

    DANKE 🙂 Sehr schön

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s