Teil 2: Eine weiße Flocke für M.

coton

 

Eine ziemlich echte Prinzessin

 

Inuk verbrachte seine Tage, wie es ihm gefiel. Er zog durch die Räume des Schlosses. Immer wieder ging er in die alte Bibliothek und las wieder und immer wieder die Geschichte von der Prinzessin Erbse auf der Gitarre und sang dazu. Ja, Inuk der kleine Hund sang dazu. Manchmal rollte er sich aber auch an einem sonnigen Plätzchen zufrieden ein, schlief und begann süß zu träumen.
Manchmal schlief er nicht, aber er träumte sich in das Licht der bunten Fenster. Ihm schien dieses Licht als ein Ort der Magie.
Doch heute hatte es sich Inuk in einem kleinen Loch in der Wand auf dem langen Flur gemütlich gemacht. Um den Honig besser hören zu können, streckte er ein Ohr aus dem Loch. Um noch besser hören zu können, streckte er auch sein zweites Ohr aus dem Loch heraus. Die Tür des Raumes, aus dem heraus die honigsüßen Töne gelangten, war einen Spalt geöffnet.

Der Klang war Musik.

Die Prinzessin spielte Gitarre. Jeden Abend vor dem Einschlafen spielte sie und sang dazu. Emerèlle war von zarter Gestalt. Sie gehörte zu den wenigen, die im Land Coton hoch gewachsen waren. Und sie gehörte zu den wenigen, die Elfen sehen konnten.  Sie liebte die Musik und sie liebte den Wald. Für Stunden mochte sie dort den Botschaften wilder Pflanzen lauschen. Jede Wurzelgabel kannte sie. Manchmal lief ihr Tannenbart über den Weg. Noch nie hatte der bärtige kleine Kerl, der ein Verwandter der Kobolde war, seinen Wald verlassen. Er tat einiges, um nicht von der Prinzessin übersehen zu werden. Er fiel gern von den Bäumen und lachte gern schallend. Manchmal  zog er sein goldenes Stirnband vom Kopf und wedelte es ihr entgegen. Manchmal entschied er sich zur Improvisation. Dann stürmte er vornübergebeugt gegen das Bein von Emerèlle, rieb sich die Nase und wimmerte darauf hin leise. „Sehr originell“ oder „Gibt`s doch gar nicht!“, rief sie ihm zumeist zu und hob ihn auf ihre Hand. Mit grünen Augen funkelte Tannenbart in solchen Momenten die Prinzessin an. Doch eigentlich war es ganz anders. Tannenbart war der Seelenbalsam für  die Prinzessin. Er war ihr Luft-gut-Macher. Fühlte sie sich einsam, lief sie in die tiefen Täler des Waldes und suchte nach ihm. Tannenbart wusste  schon längst darum.

inuklandDas Schloss bestand aus etlichen ineinander verschachtelten Türmen, mehr als zwei Dutzend Höfen, dem Lichthaus, einem Kräutergarten, der Elfenwindmühle, Terrassen und unzähligen Treppen. Um genau zu sein, 528 Treppen versehen mit unzähligen Stufen. Der Palast der Prinzessin war ein himmelhoher Bau. Er war der höchst gelegene Palast des Schlosses und der Stadt. Und es gab neun Terrassen.

Die Prinzessin  trat an den Rand der dritten Terrasse und blickte hinab auf die Hafenstadt. Tulèar lag an einer weiten, felsigen Bucht am Ende einer Landzunge. Es war die größte Stadt am Waldmeer. Einmal alle acht Jahre versammelten sich die Könige und Fürsten und Prinzessinnen in Tulèar, um gemeinsam das Fest der Lichter zu feiern. Dann erwachte die Stadt für wenige Tage. Blütenblätter wurden dann von den neun Terrassen des Palastes geworfen. Kristalle brachen Licht in schillernde Regenbogen. Goldenen Fontänen schossen in den Himmel und öffneten sich zu Blüten. Hunderte von Öllämpchen wurden im Schloss aufgestellt.  In wenigen Tagen war es wieder so weit.

inuks haus

Der König: “ 139.000 Hölzer brauchte es, um dieses Schloss für meine Tochter zu bauen.“

inukschmetterling

Prinzessin Emerèlle setzte sich auf ihr Bett, um Gitarre zu spielen. Sie trug ein Kleid mit lauter schwarzen, grünen, gelben und orangefarbenen Punkten. Man musste nah an sie herantreten, um zu erkennen dass ihr Kleid lebte! Tausende Schmetterlinge hatten sich auf ihr Kleid geschlichen, während sie spielte und sang. Mit ausgestreckten Flügeln bedeckten sie die Prinzessin.

notenschluessel

Es dauerte nicht lange,  da robbte sich Inuk mit einer Pfote,  dann mit  der anderen immer weiter,  um besser hören zu können,  nur um der Musik näher zu sein. Die Musik machte seine Seele ganz weit und groß.  Eigentlich durfte Inuk sich auf keinen Fall der Prinzessin nähern. Zeige dich niemals. Zeige dich nie….Aber die Musik…die Musik… Die Musik ließ ihn das Wenige vergessen, was ihm seine Familie  beigebracht hatte. inukprinzessin

Natürlich entdeckte die scharfäugige Prinzessin Inuk. Sie hörte auf zu singen.
„Da…. Da…Was ist das?…
„Was?“, flüsterte Inuk und blinzelte mit seinen Kulleraugen.
„Oh, ..na du….wer bist du?“, fragte sie.

Inuk war klar, dass er in der Patsche saß. Er zitterte. Er schüttelte sich. Er nieste.
Er beschloss in Ohnmacht zu fallen. Er taumelte. Mehr machte er erst einmal nicht.

„Du hast Angst. Falls ja: warum? Du hast hast meiner Musik zugehört. Warte, ich spiele dir noch ein Lied vor“, sagt Emerèlle. Sie lächelte ihn an.

„Ich …äh…ich… Er starrte sie ganz verzückt an.  Sie lächelte ihn noch einmal an. Und diesmal lächelte Inuk zurück. Und nun war es passiert. Der großohrige Welpe hatte sich in eine Prinzessin verliebt.
„Du bist so süß“, sagte die Prinzessin zu Inuk.
Sie begann das Sternenstaublied zu spielen.

Inuk trollte sich dabei ganz nah vor die Füße der Prinzessin. Er vergaß all seine Angst. Die Musik….die Musik…und die Prinzessin…

„Ach du schöner Mist!“ sagte sein Bruder und blieb stehen. Er starrte in das Zimmer. „Inuk ist durchgedreht!“, entfuhr es  Binoù. „Gigantomanischer Schlamassel! Nee. Nee…“ Er drückte seine Schnauze gegen die Tür.  „Verdammt!“ Und mit einem Husch verschwand Binoù de Tulèar, um seinem Vater das Schreckliche zu berichten.

„Natürlisch ist er dein Sohn!“, sagte Mutter Louise Labè.
„Er kann nicht. Er kann einfach nicht mein Sohn sein. Du Louise! Das ist dein Fehler. Das französische Blut in ihm macht das!“, sagte der Vater Zebulon.
„Was meinst du damit, er ist nicht deine Sohn? Das ist eine lächerlische Be-auptung. Warum machst du immer so lächerlische Be- auptung? Warum muss isch Schuld sein an alles? Wenn dein Sohn so eine Enttäuschung ist, dann ist das genauso deine Fehler.“

Zebulon zog so stark an seinen Barthaaren, dass er sich welche dabei ausriss. „Er bedeutet das Ende für uns alle!“, rief er.
„Oh, oh, oh…was für eine Enttäuschung“ sagte Louise. „Hunde müssen sisch wie Hunde benehmen.“ Sie steckte eine Pfote aus und schaute auf ihre gelackten Nägel.

Zebulon beschlosse eine außerordentliche Versammlung der ganzen Hundefamilie einzuberufen.

„Ach, du immer mit deine Rat von die Hunde“, sagte Louise. Mon Dieu, das ist Verschwendung von die Zeit.“
„Du klingst schon wie ein Züchter“ , schimpfte Inuks Vater.

Zebulon ließ Louise einfach stehen und wühlte wütend in einem Korb mit Papierschnipseln herum.  “ Wir gehören zur berühmtesten Hunde-Champignon-Zucht der Welt.“ Zebulon stand auf den Zehenspitzen und war fassungslos. Es dauerte nicht lange, da holte er eine zerbeulte Blechbüchse hervor.
„Oh bitte nicht!“, sagte Louise. Sie hielt sich die Ohren zu.
„Doch“, sagte Zebulon“, genau diese Trommel.  Er schloß die Augen, hielt die Trommel Richtung Norden, dann nach Süden, nach Osten und Westen.  Er rief den Geist des Windes und bat ihn um deren Kraft, Schutz und Unterstützung. Dies war der Höflichkeit geschuldet  – und dem korrekten Protokoll.
Dann holte er tief Luft und begann langsam die Trommel zu schlagen. Ein langen Schlag, drei kurze Schläge und mit der rechten Pfote folgten zwei ganz kurze Schläge. Widerhallende Geräusche machten sich auf den Weg.
Buuuum, Ta-ta-ta, do-do. Buuuum, Ta-ta-ta, do-do.
Die gesamte Hundegemeinschaft stand auf dem Spiel.
Buuuum, Ta-ta-ta, do-do.
Buuuum.

Dabei hatte Binoù längst noch nicht alles gesehen.

Die Prinzessin nahm Inuk in ihre Hände und kraulte mit der einen Hand seine übergroßen Ohren. „Du hast so niedliche Ohren“, sagte sie.
Inuk stand erneut kurz vor einer Ohnmacht. Er legte seinen Schwanz auf das Handgelenk der Prinzessin und fühlte ihren Puls. Ihrer Herz und sein Herzschlag nahmen Verbindung auf. Sein Herz ging in ihren Rhythmus über. Emerèlle wusste, sie würden Freunde werden.
Der König wusste von all dem noch nichts.
Als er wenige Minuten später davon hörte, war er sofot auf den Beinen. Er tobte und stampfte . „Ein Hund? Niemals. Setz ihn auf den Boden. Ich meine, sieh`ihn dir doch an. Er hat  übergroße Ohren.“  Er rückte seine Krone zurecht. „Denk an deine Mutter. Und überhaupt, als Herrscher hat man Verpflichtungen. Eine davon ist, auf keinen Fall persönliche Beziehungen mit Verwandten seiner Feinde zu haben, und seien sie noch so entfernt. Setz ihn runter, Emerèlle! Sofort!.
Die Prinzessin setze Inuk auf den Boden. Aber er wich nicht von ihrer Seite. Er blickte die Prinzessin an.
„Hau ab!“, schrie der König.
„Papa, bitte sei nicht gemein zu dem kleinen Hund“. Sie begann zu weinen.
Inuk hielt es nicht mehr aus. Er sprach zu der Prinzessin.
„Bitte weine nicht.“ Er hielt ihr sein Taschentuch hin.
Sie bückte sich zu ihm hinunter.
„Sprich nicht mit ihm“, befahl der König. „Hunde haben nicht mit Prinzessinnen zu sprechen. Es gibt Regeln. Verschwinde!“
Inuk drehte sich um und rief der Prinzessin zu: „Inuk. Mein Name ist Inuk.“
„Inuk?“, fragte sie.
„Ich verehre Sie!“, rief Inuk.
Ich verehre Sie stand in der Geschichte, die Inuk jeden Tag in der Bibliothek las. Es war der erste Satz im zweiten Kapitel. Inuk las gern erste Sätze. Er murmelte sie vor sich hin. Jetzt war die Gelegenheit, diesen laut auszusprechen.
Er legte die Pfote auf sein Herz, verbeugte sich und ging. Ach, er war eine sehr verliebte Mann.

Der erhabene Hofrat, zwölf ehrenwerte Hunde,  und der ehrenwerte Hundevorsitzende, der ein Käfer mit Rucksack war,  hatten sich an einem runden Tisch versammelt.  Matthieu D`Floh war ein Back-Packer und lebte wöchentlich auf dem Rücken eines Hundes seiner Wahl. Er kannte  jeden von ihnen und darum wurde er jedes Jahr wieder zum Höchst Ehrwürdigen Vorsitzenden gewählt. Während sie entsetzt hörten, was geschehen war,  drehte sich auf dem Feuer ein riesiger Braten. Inuks Vater sagte nicht ein einziges Wort zur Verteidigung seines Sohnes. Schnell war beschlossen, dass er langjährig in ein Verlies musste.

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„Irgendetwas stimmt nicht mit deinem Sohn“,  sagte der Höchst Ehrenwerte Vorsitzende. “ Er ist zu klein. Seine Ohren sind zu groß und sein Verhalten ist höchst wunderlich. Ich hoffe doch, dass dein Sohn nicht auch noch zu den Menschen gesprochen hat!  Oh, oh, …wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“

„Wir werden ihm seine Sünden vortragen. Er wird aufgefordert, vor den Hunderat zu treten. Er kann sie leugnen oder bereuen und mit einem reinen Herzen in das Verlies gehen..  Immerhin weinte Inuks Vater.
Ein Hund weinte. Zwölf Hunde schämten sich für Zebulon.

 

 

 

 

 

Für M.

Fortsetzung folgt.

 

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4 Kommentare zu “Teil 2: Eine weiße Flocke für M.

  1. magguieme sagt:

    Gefällt mir, gefällt mir, gefällt mir!
    Mehr, mehr!
    Ach, ist das herrlich!
    Das Land, das Schloss, die Prinzessin, die französische Hund, der weinende Hund, der Höchst Ehrenwerte Vorsitzende, … alles!
    Und Inuk! Ich wusste, er ist jeden stehengelassenen Latte Macchiato wert!

    • martinakunze sagt:

      `abe ich so viel Freude. Ich weiß nicht, aber ich staune wirklich alle zwei Tage…Was so alles aus einer Verlinkung herauswächst. Wann haben wir diese Samen gesät?

      • magguieme sagt:

        Mein Ziel ist es, dich alle Tage zum Staunen zu bringen 😉

        Ich kenne da eine, die würde dir von Wellen, Quanten und Ionen berichten, um die Sache mit dem Säen und Ernten zu erklären. Vielleicht ist es auch einfach so, wie mit den Tulpenzwiebeln, die man den Winter über vergisst und plötzlich lachen einen die Frühlingsboten an. Was will man mehr, als sich darüber zu freuen?

      • martinakunze sagt:

        ???? Alle Tage. 🙂 Ein herzeliges Ziel. Siebenhändige Herzbeglückerin, ich habe so das leise Gefühl, was du dir dein Herz gepflanzt hast, setzt du auch um. 🙂 o mon dieu…

        hihihihi..vergessene Tulpenzwiebeln, eben, da war doch was! Genau so funktioniert das. Wieso bin ich eigentlich nicht gleich darauf gekommen.
        Die Quantenphysik erklärt am Beispiel der vergessenen Tulpenzwiebeln Genialer LichtBlick! Merci. Freude. Sie buddeln ein Loch, legen eine Zwiebel hinein. Vergessen sie. Die T-Energie lässt sich aber nicht einfach vergessen. Sie pflanzt sich ihren Weg. Wenn du mich aussäest, wirst du sehen, was du davon hast! Mich vergessen. Niemals! Piff.Paff.Puff. Blütenexplosion in den Farben Rot.Gelb.,Violett. Freude. Energetische Verbindung mit einer Tulpe. Das Wichtigste im Prozess: das Vergessen. das Nichtdenken. je weniger wir denken, desto mehr Energie haben wir, hat die entstehende Pflanze.
        Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen…mein Gott jetzt hat sie`s.
        🙂 Ich zwinkeredirliebzu.
        Du regst meine Gedanken an. heute ist dir mein Staunen extrem gut gelungen! DANKE.

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