Mal ganz durchfühlen

zukunft

Sie sitzt mit einer Kaffeetasse im Zug.
Unausgeschlafen.
Jetzt früh um sieben.

Es schneit.
Ihr fällt ne ganze Masse
zum Thema Urteil ein.

Die Landschaft will nicht von der Stelle.
Nun hält der Zug.
Ganz schön flach die Gegend.
Ein ganz Doofer.
So was mit Hut steigt ein.

„Wozu kritisieren und urteilen wir eigentlich?“, fragte ich Brunhilde. „Warum lassen wir unsere Urteile nicht hinter uns? Wieso legen wir anderen Zügel an?“

„Honey, weil er alles so machen muss, wie du glaubst, dass es für ihn am besten sei. Weil du es nicht ertragen kannst, dass jemand, den du so sehr liebst, von dem, was du für Wahrheit hältst, noch nicht überzeugt sein könnte, darum urteilst du!“, antwortete meine 82-jährige Freundin. Sie grinste.

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Nichts ist so gut wie ein Elefant im Porzellanladen. In was für Höhen turnte Brunhilde herum? Ich dachte über ein Plädoyer für Neutralität der Begriffe nach. Wir statt Du. Man statt ich. Uns statt mein.

Honey klingt wie:  Honey, you never say something new.
Honey, eat your eggs.
Hush up now and just eat!
Honey, then go to work.

Man urteilt, man wird beurteilt. Urteile ziehen durch unser Leben wie ein Traum. Die Dinge sind einfach nicht, wie sie sein sollten. Mir gefällt nicht, wie er sich benimmt. Das hätte ich schneller und anders machen können. Du könntest dich mehr bemühen. Ganz zu schweigen von all den Dingen, die mich immer schon durch dein Handeln verletzten. Wer kennt das nicht? Wer hat es nicht erfahren?

Als wäre es unsere Aufgabe, andere zu kritisieren. Wir halten das Ziehen dieser Trennlinien für zwingend notwendig. Das ganze Drama des Lebens wühlt auf toxische Weise in solchen Momenten in unseren Adern. Wir strampeln uns alle auf diese Weise ab.

„Tun wir es nicht zumeist, wenn wir ängstlich und unsicher sind?“ fragte ich weiter.

urteile5 „Ja, wir tun es gerne, wenn wir uns eingeengt fühlen, wenn wir die Liebe eines anderen nicht annehmen können, weil wir uns selbst nicht annehmen. Es ist also eher unsere Unsicherheit, dass wir anderen nicht zugestehen, zu tun, was ihnen behagt. Als gäbe es nur zwei Kategorien: richtig und falsch.  Wir benutzen Worte, um Schuld zuzusprechen und manchmal auch um richtiges Gift zu verspritzen“, sagte Brunhilde.

„Verrückt ist es. Das Wort ist reine Magie – das mächtigste Geschenk, das uns gegeben wurde und wir benutzen es gegen uns selbst. Wir schaffen Chaos, zwischen Familien, zwischen Nationen, zwischen Religionen. Wir ziehen uns gegenseitig durch den Missbrauch von Worten herab.

Wir entwickeln Komplexe wegen einer einzigen Aussage, weil andere gedankenlos ihre Meinung sagen und dabei Worte missbrauchen. Nur ein einziges Wort kann uns in die Hölle ziehen. Und wie oft ziehen wir mit unseren Worten jemanden negativ in unseren Bann. Die schlimmste Form ist der Klatsch. Der ist wie ein Computer-Virus. Noch schlimmer, der Tratsch ist wie ein Computer-Hacker. Die verbreiten den Virus absichtlich. Giftig, ansteckend. Die Tolteken nannten Klatsch mitote, das Chaos von tausend verschiedenen Stimmen. Das kann auch ein riesiger Markplatz in deinem Innern werden, wo Tausende von Menschen gleichzeitig reden und Handel treiben. Jeder von ihnen hat andere Gedanken und Gefühle“, sagte ich.

„Unglück liebt Gesellschaft. Und Menschen, die in der Hölle leiden, wollen nicht alleine sein.  Hast du noch nichts von diesem Sprichwort gehört?“, fragte Brunhilde ohne eine wirkliche Antwort zu erwarten. „Stell` dir vor, jemand, der von sich selbst eingenommen ist, füllt den Raum um sich herum aus. Es gibt einfach keinen Platz mehr für jemand anderen. Deshalb verachtet er andere allein schon deshalb, weil sie Raum einnehmen. Und solche Leute gibt`s ja reichlich. Er mag andere Gründe für seine Verachtung nennen, diese sind allerdings nebensächlich. Das nennt man schamlosen Hass. Wäre es nicht prima, wir könnten dem mit der  „I refuse to let somebody steal my joy?“ – Haltung begegnen?

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Ich fand die Reaktion darauf übertrieben und affektiert.
„Oh Maria Stuart, Königin von Schottland. Du möchtest schamlosen Hass durch schamlose Werke der Liebe und Güte ausgleichen?“

„Möchte mir bitte irgend jemand heute zuhören? Fällt dir auf, wie wir unser Wort gegen uns selbst richten? Wir müssen anfangen zu verstehen, was das Wort  i s t und was Worte bewirken können. Wir klatschen mit anderen über Menschen, die uns am meisten am Herzen liegen, nur um diese für unseren Standpunkt einzunehmen, um unsere Meinung als richtig hinzustellen.  Alles ist Dunkelheit. Ich gehe ins Licht. Hiob.

Wenn dir jemand sagt: „Hallo,  Sie sind dumm“, hat das nichts mit dir zu tun. Na–a, ja, vielleicht denkst du, wieso weiß er das? Kann er hellsehen?“ Sie lachte. „Die Hölle beginnt aber nur, weil du es persönlich nimmst. Das ist der höchste Ausdruck von Egoismus.“urteile6

„Die Situation erscheint mir aber persönlich!“, sagte ich in völliger Höflichkeit einer älteren Person gegenüber.

„Und was beginnt dann? Du beginnst deine Überzeugungen zu verteidigen. Aus der Mücke wird der Elefant, nur weil du Recht haben willst. Und dabei ist alles, was du sagst, eine Reflexion deines persönlichen Traumes. Es sind deine Vereinbarungen, die du mit dir getroffen hast – und diese Ansichten haben nichts mit mir zu tun.
Nimm es nicht persönlich, wenn sie sagen, du bist die Schlimmste. Nimm es aber auch nicht persönlich, wenn sie sagen, du bist die Beste. Erst sagen sie du bist ein Engel, dann sind sie wütend auf dich und du bist ein elender Teufel. Wie kannst du solche Dinge sagen?

Was immer sie fühlen, was immer sie sagen, es ist ihr Problem und nicht meins. Es ist ihr Film in ihrem Kopf. Es ist ihre ureigenste Wahrheit. Ich bin ihre Entschuldigung dafür, dass sie wütend werden. Und sie werden wütend, weil sie Angst haben, denn sie werden mit ihrer Angst konfrontiert. Wenn sie keine Angst haben, ist es ausgeschlossen, wütend auf mich zu werden, mich zu hassen. Dann ist es ausgeschlossen, dass sie eifersüchtig oder traurig sind. Wenn sie angstfrei sind, lieben sie und wenn sie lieben, gibt es keinen Platz für diese Emotionen. Dann fühlen sie sich logischerweise gut. Dann lieben sie sich selbst, so wie sie sind.  Wenn jemand dich nicht mit Respekt und Liebe behandelt, dann ist es ein Segen, wenn derjenige sich von dir zurückzieht.

urteile7Es ist nicht so wichtig anderen zu vertrauen. Wichtiger ist es, dir selbst zu vertrauen, dass man die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn du nichts mehr persönlich nimmst, erlangst du eine ungeheure Freiheit. Du kannst dann Ja oder Nein sagen, wann immer du willst, ohne Schuldgefühle, ohne Selbstverurteilung zu haben. Du sagst dann Ich liebe dich, ohne Angst, lächerlich gemacht oder abgelehnt zu werden. Du kannst dann um das bitten, was du brauchst. Wir sind dann keine Opfer launenhafter Emotionen.

Gewiß gibt es Dinge, die nicht in Ordnung sind, die der kritischen Auseinandersetzung bedürfen. Ja, es gibt schreckliche Gewohnheiten. Was nützt es aber, wenn wir jemanden dafür verdammen? Und das tun wir, wenn wir Urteile abgeben.

Wenn dir jemand sagt, er hat einen Kollegen tief verärgert und dieser ist nun ihm gegenüber feindlich eingestellt, dann sage ihm, er soll eine tiefe Liebe für ihn in sein Herz bringen, und sein Zorn wird sich ganz von selbst auflösen.

Lernen wir lieber, uns tragen zu lassen.

Wir müssen uns nur weit genug unter die Oberfläche wagen, bevor wir spüren, wie uns etwas Größeres trägt. Gehalten werden, wenn man loslässt. Das ist nicht einfach. Trotz unserer Ängste entspannen und uns auf Tiefe einzulassen. “

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Lerne, dich zu akzeptieren –  und du wirst andere akzeptieren.
Lerne, dich wertzuschätzen –  und du wirst andere wertschätzen.
Lerne, dich zu würdigen –  und du wirst andere würdigen.
Lerne, dich zu respektieren – und du wirst andere respektieren.
Lerne, dir zu vertrauen – und du wirst anderen vertrauen.
Lerne, dich zu lieben – und du wirst andere lieben.
Lerne, dir zu vergeben –  und du wirst anderen vergeben können.
Öffne dein Herz.
Vergib.
So ist es.

Jeder Einzelne ist auf dem Weg. Keiner ist ausgeschlossen.
Jeder ist Teil des Ganzen.

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2 Kommentare zu “Mal ganz durchfühlen

  1. magguieme sagt:

    Wenn ich bei dir lese, LIEBE Martina, dann macht es ganz oft „Pling“. Auch jetzt. Pling. Da fällt mir eine Rede dazu ein, das ich ausgesprochen wichtig finde und darum bei mir online gestellt habe. Titel: Als ich mich selbst zu lieben begann. Charlie Chaplin hat an seinem 70. Geburtstag schöne Worte verteilt. http://margaauwald.wordpress.com/2014/03/02/als-ich-mich-selbst-zu-lieben-begann/
    Klatsch kann manchmal ganz schön ins Gesicht klatschen.
    Ein neues Wort. Mitote. Gefällt mir. Mitote, das Chaos von tausend verschiedenen Stimmen. Innen wie außen. O-o.
    Danke für die Prämisse: The future is completely open. Das stimmt trotz des genauen Blickes und des tiefen Fühlens gnädig. Und bin ich mit mir selbst gnädig – 🙂

    • martinakunze sagt:

      Freude. Pling.Pling. Danke dir so sehr für deine lieben Worte. Pling.Pling. Es gibt nichts Schöneres, als auf Menschen zu treffen, die einen be- weg – en. Mir geht es mit dir – Pling.Pling – nicht anders, LIEBE Marga.
      Auf den Weg bringen, in welcher Form, auf welche Weise auch immer. Beseelen – Inspirare. In Kontakt kommen, mit den Dingen, die das Herz höher schlagen lassen, ist, als hielte man die Sonne in der Hand, die ihr Licht nicht zurückhalten kann. Man wird be-weg-t und kann sich dem zuwenden, was sich echt anfühlt.
      Pling.Pling. Nochmals Freude.

      Charlie Chaplin hat mit seiner Arbeit so einen Unterschied in damaligen Zeiten gemacht. Ein großer Fühlender, ein großer Sehender – alles andere als eine „Witzfigur“ – Sozialkritik vom Feinsten.

      Ganz wunderbare Worte schenkte er der Welt zu seinem 70. Geburtstag. Sie sollten als „Schriftrolle“ an alle Menschen verteilt werden – verinnerlichen – in Anlehnung an die Essener Schriftrollen. 🙂
      Wunderbar, dass sie in deinem Blog eine Platz bekommen.

      Gnädig sein mit sich….Ich glaube, dieser Aspekt wird in seiner Wirkung auf die Welt zumeist sehr unterschätzt. ..ein neuer interessanter Ge-danke zum Leben. Pling.Pling..
      Hauptsache ein Unikat bleiben, keine Kopie. Individuelle Tendenzen bewahren, fühlen, was für mich Bedeutung hat, viel Energie dort einsetzen, für Dinge, die es wert sind, getan zu werden.

      Meine Schwester ging einst auf ein Mädchen-Gymnasium, die Richarda Huch-Schule. Als jüngere Schwester fischte man natürlich auf.
      Dieses Zitat von ihr schwimmt seit meiner Kindheit in meinem Kopf umher, springt manchmal wie ein Lachs in die Lüfte
      Ricarda Huch: “ Um wirklich glücklich zu sein, braucht man einen Menschen, den man liebt, eine Aufgabe und eine große Hoffnung.“

      Klingt das nicht gnädig schön?
      .

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