Zwei Zentimeter Liebe

lass leidenschaft die schlacht gewinnen

„Ich muss um Himmels Willen bis morgen Nacht in der Dämmerung zwei Zentimeter wachsen. Eine Blume erlaubt sich doch auch zu wachsen. Warum sollte ich es nicht auch erleben können?

„Wie interessant, zwei Zentimeter gegen die Einsamkeit. Wenn du Pech hast, sind die Bäume, Vögel und Fische anderer Meinung. Was ist das hier? Entertainment des Seins? So`ne Art Selbsterfahrungsodysee? Einmal findest du dich schlau, einmal dumm. Gestern gut, heute schlecht. Abends schön, morgens hässlich. Diesen Wahn- Sinn gibt es ungefähr sechs Milliarden mal auf der Welt.“ Brunhilde musterte mich trübe.

kindheitsgefuehle „Jeder von uns ist Zauberer. Alles, was ich sage, wird früher oder später in Erfüllung gehen. Ich brauch`s für morgen. Er hat gesagt, er liebe Frauen erst  ab Einszweiundsiebzig“, sagte ich in schwärmerischer Anbetung.  Er hatte mein Herz wie eine Flaumfeder im Sturm erobert. Ich war bereit zur Hingabe.

„Du willst Zauberin sein?  Du willst Flügel haben, dabei hast du noch nicht einmal Füße! Verbrauchst du nicht ein wenig zu viel an Fürsorge? Irgendwie erinnerst du mich an den Garten des Königs. Der Garten wurde ganz verrückt gemacht. Dort ließ  am Ende die Tanne  die Zweige hängen, weil sie keine Trauben tragen konnte wie der Weinstock. Und der Weinstock lag im Sterben, weil er nicht blühen konnte wie die Rose.“

Ich bewegte mich auf die kleinste Aktionseinheit zu. Abwehr.“Was immer du sagst, es ist ein Satz zu viel, Brunhilde“, antwortete ich nur und schloß die Augen, was bedeutete, ich wollte nicht weiterreden.

brunhilde2„Na, wenn er ohnehin zu viel ist, kann ich ihn auch sagen. Und noch einen. Du must nach Wasser bohren. Kein Rumdaddeln.“ Brunhilde faltete die Hände in ihren Schoß und schickte den Blick der Allwissenheit in den Raum.

Ich errichtete einen Lichtschutz um mich herum, damit mir auch ja in der Minute die Kontrolle blieb.

— Das Schweigen saß wie eine dritte Person zwischen ihr und mir. Ich weigerte mich entschlossen, den  erneuten Anfang zu machen.
Wir mochten dieses Unberührbarenspiel.
Es wird noch schlimmer werden und dann besser, dachte ich.

Hinter jedem Gefühl steckt eine ganze Ideologie mit bestimmten Anforderungen daran, wie die Welt sein sollte.  Scham und Verlegenheit will in den Erdboden versinken. Ärger will bestrafen und gleichmachen. Haß verletzen. Mitleid umsorgen und Distanz schaffen. Manche Gefühle drängen zur Flucht, andere drängen andere in die Verlegenheit, wieder andere in die Verantwortung. Die Eifersucht wählt direkte Strategien, der Neid hingegen verschlungene. Empörung geht ganz in Ereignissen auf. Empörung und Stolz schaffen paradoxe Kompensationen von Abwehr und Schutz, Zorn kompensiert Schuld, Liebe preist die Tugenden und entschuldigt Laster. Ich wollte Liebe und dafür musste ich zwei Zentimeter wachsen.

„Wusstest du eigentlich, dass Soldaten nicht im Gleichschritt über Brücken marschieren dürfen? Die können  sie mit ihrem Gleichschritt zerstören, wenn ihre Schrittfrequenz mit der Eigenfrequenz der Brücke identisch ist.“

maedchenstadt„Mmh.“ Ich machte ein möglichst kompliziertes Gesicht.

„Liebe s u c h t nicht ihresgleichen. Sie m a c h t gleich. Sag mir bitte, wohin willst du zwei Zentimeter wachsen? Nach rechts oder nach links? Liebes Stiefmütterchen im Garten der Könige, lass dich vom Leben entspannen. Du bist hier, weil die Existenz dich so braucht, wie du bist. Sonst wäre jemand anderes hier, sonst hätte dir die Existenz nicht geholfen hier zu sein, sie hätte dich nicht erschaffen. Du erfüllst eine sehr wesentliche Funktion, etwas sehr Bedeutungsvolles, und zwar so, wie du bist. Wir sind nicht da, um etwas zu werden. Alle geben vor, etwas anderes zu sein. Jeder versucht zu zeigen, dass er anders ist. Dabei kann man nicht wirklich ein anderer sein. Du bist und bleibst du selbst. Du kannst es genießen und voll aufblühen, oder du kannst es verurteilen und welkst dahin“, sagte sie.

„I-ch kenne mich gut genug!“, stotterte ich hervor  Eine regenschwere Aussage, die zu einer Kanonenkugel -Reaktion führte.

„Wie bitte?! Du willst gerade zwei Zentimeter wachsen, um in das Konzept eines anderen zu passen. Du weißt vielleicht gerade, wie du sein s o l l t e s t und stehst inmitten von das bin ich und  das bin ich nicht. Wenn du nicht bist, was du kennst, wer bist du dann?“

Sechs Stellen mit Gänsehaut machte ich auf meiner Bluse direkt vor meinem Herzen aus. Mein innerer Zustand wurde sehr fließend. „Es sind doch nur zwei Zentimeter, Brunhildchen“, sagte ich mit einer Friedensfalte auf meiner Stirn.

„Bereits zwei Zentimeter können Liebe verzerren. Es wird dich am Ende noch mehr verwirren, weil es bereits aus der Verwirrung entstanden ist. Im Garten des Königs stand übrigens neben der Tanne und dem Weinstock auch eine Idiotin von Blume. Die Tanne und der Weinstock nannten sie so. Die Idiotin von einer Blume stand da und fühlte die Sonne in ihrem Gesicht und öffnete ihre Blütenblätter und sagte: „Dies ist die Sonne und sie ist gut in mir. Sie trägt den Geist des Wachstums. Ihm werde ich folgen und ihm Freiheit geben. Es ist mir egal, ob ich nach rechts oder nach links wachse, denn in völligem Vertrauen auf den Geist in mir, weiß ich, dass ich richtig wachsen werde.“ Und so wuchs und wuchs sie von innen heraus und sie wurde stark. Und sie war vollkommen. Während die intellektuelle Tanne und der Weinstock stündlich überlegten, in welche Richtung sie wachsen sollten. Am nächsten Morgen stand die Idiotin in voller Blüte. Und die Blütenblötter des Weinstocks hingen welk zu der einen Seite und ein weiteres zur anderen Seite. Der Weinstock dachte noch immer über die Richtung nach. Und die Tanne fragte sich noch immer, ob sie die Sonne oder lieber den Regen annehmen solle. Und sie sagte sich: Oh, ist das schwer zu wachsen.“
 

 

Advertisements

2 Kommentare zu “Zwei Zentimeter Liebe

  1. magguieme sagt:

    Des Menschen Ziel: Zur Idiotin einer Blume werden 🙂 Das gefällt mir.
    Brunhildchen ist zwar nicht sehr bequem, doch richtig von ihr lossagen kann und will man sich auch nicht. Einer weisen Alten passen diese lebens-klugen Sätze auch wirklich gut – ein Vorurteil oder eine Erwartungshaltung, dass man sie ihr lieber glauben mag. Oder darf ein Quäntchen Weisheit auch unabhängig von Lebensjahren auftauchen, aufblitzen oder einfahren?
    Ich werde bei Gelegenheit mal wieder ein Zitat bei dir ausleihen. Wenn das in Ordnung ist. Diese kleinen Kostbarkeiten mag ich gerne weiterstreuen, damit der Garten wächst – in alle Richtungen.

    • martinakunze sagt:

      Gern! Teilen macht glücklich, so las ich in deinem Beitrag „zum Valentinstag“. Energie will fließen. Gärten wollen wachsen. Gerne auch ohne Zitat. Ich bin in diesem Fall ganz uneitel.

      Weisheit ist der Honig unserer „Fehlschläge“. Altersunabhängig. Durchaus. Danke für deine Anmerkung. Ich lernte in den letzten Monaten von einem kleinen Jungen, A., 4 Jahre alt, bald schon 5 Jahre. Der weltbeste Tempelbauer in allen Sandkästen dieser Region. Daraus entstanden zwei Geschichten „Der kleine Mo und die großen Fragen“.

      Brunhilde existiert. Sie ist auch mild, erwärmend, erdig-pfeffrig. Weiße Haare, aber sie sähe ganz anders aus, betont sie. Sie muss sich schützen, sonst würde sie an dieser Welt zerbrechen.

      Bequem will sie nicht sein.

      Sie ist lebens-klug, wahrlich ist sie das. Mitunter auch besserwisserisch und ungemein stur. Manchmal knallen wir aufeinander, weil mir genau dieses scheinbar „Taktlose“ Grrr..-Gefühle bereitet. Sie nennt es Liebe am Leben.

      Sie erklärt mir immer wieder, wie man einen Baum am besten umarmt – von West nach Ost. Sie spricht Vorbeiziehende unverblümt an und fragt, ob sie diesen Baum kennen würden. Die halten sich verstört an ihren Mobile Phones fest und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Und sie seufzt dann und man möchte meinen, ihr Herz schmerzt dabei. Immer wenn wir am Rheinufer spazieren, umarme ich einen Baum von West nach Ost. Sie sieht in den Himmel und sagt: „Seht ihr denn nicht, dass der Himmel sich verändert hat?“ SIE sieht die Veränderungen durch Chemtrails ua.. Sie kennt sich aus mit den Sternen am Firmament. Sie sieht, welche Pflanzen sich am Rheinufer nicht mehr sehen lassen. 82 Jahre gelebtes Leben.
      Ich traf auf sie in einem der schönsten Kräutergärten, Bioland, Villa Schaaffhausen.Ich bin fasziniert von Kräuterwelten. Ich auf der Suche nach Sein-können, nach Duft und Farben der Natur,nach Seelenfrieden, unmittelbar nach Rückkehr aus dem Sudan und Landung in Bonn vor einigen Jahren.
      Brunhilde realo inspiriert mich. Daraus entstehen dann solche Geschichten wie „idiotin einer Blume“ oder die Reise zum Papst. Das Schöne an einem Blog, hier kann ich so „schräg“ sein, wie es mir gefällt….hey Pippi Langstrumpf…1+1 macht 3, .ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt..
      Ganz lieben Dank für deine wertgeschätzten Anmerkungen. Danke für dein mich lesen. .

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s