Die Farben der Wahrheit

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Niemand kommt mit einem leeren Teller.  Jeder hat mindestens ein oder zwei Dinge, die er noch verdauen muss. Bei manch einem ist es ein Menü mit sieben Dingen. Mische dich nicht in die Dinge von anderen ein.  Lass dich nicht auf gegenseitige Abhängigkeiten ein. Borge dir nicht die Erfahrungen anderer aus. Schlafe im eigenen Bett. Bereite dir dein Essen zu. Räume hinter dir auf. Lass andere ihr Leben selbst aufräumen.

Ich glaube, die größte Gefahr im Älterwerden ist die Überzeugung, zu meinen, schon Bescheid zu wissen. Diese Überzeugung macht dich zum Gefangenen deiner subjektiven Interpretationen. Mit dem Alter verband sich für mich als junger Mensch das Bild von weisen Menschen. Ich sah alte Menschen als entspannte Engel in Barockkirchen sitzen. Ich war davon überzeugt, dass alte Menschen mit unverkrampften Muskeln durch das Leben zu gehen vermögen. Ernste Mienen zu lassen. Frei von innerem Druck, dass sie vor Gott alles richtig machen müssen. Ich war davon überzeugt, dass alte Menschen längst die Spannung ihres Bogens gelöst hätten.

Ich muss hinzufügen, das Alter sah ich mit 60 Jahren beginnen. Als junger Mensch jedenfalls erschien mir, 60 Jahre Leben seien u n e n d l i c h alt.

Die Damen trugen für mich weizengelbe Hauskleider und das Silbertablett zum buckeligen Coachtisch. Sie kickten ihr Hauskätzchen vom Sofa und erfreuten sich an noch einer Kanne Oolong-Tee. Es hätten auch knall-gelb gemusterte Kostüme à la Chanel, weiße Kashmirpullis mit abgewetzten Ellbogen, Silberblusen mit angenähten Rosen sein können – wie zu Zeiten der Großen Depression. Die Herren trugen abgetragene Hosen, über die der dicke Bauch hing und, die ins Wohnzimmer tapern wie benommene Cowboys mit Reparaturkompetenz, Voltmesser und Schraubenzieher, vor sich hinmaulend, weil sie ihre Lammkeule 30 Minuten zu spät serviert bekamen.
Athene und Apollon eben – die Götter der Weisheit. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage….,dachte ich.

Wohnen traditionell charmant, wenn auch etwas aus der Mode gekommen. In Streifen verheiratet mit Karo, Orange mit Pink, in jedem Raum ein Polaroidfoto, mit Steinkamin, Balkendecken und kantigen Bücherregalen. Blau bedeckte Armsessel. Überall in den Schubladen finden sich Reklamezettel. Im Flur stehen wuchtige Wanderstiefel mit Profil.

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Ich dachte, alte Menschen zeigen, was Freundlichkeit ist. Die lächeln nur die ganze Zeit. Und haben immer recht. Ich dachte, die wissen, dass sie richtig sind vor Gott. Die atmen Freiheit. Die spiegeln Erlöstheit wider.
Ich dachte, alte Menschen glänzen nicht nur durch Vielwissenheit, aber vor allem durch ihr Gespür für das Eigentliche. Die blicken durch, dachte ich bis vor wenigen Tagen.

alterWieso sollte ich auch nicht darauf vertrauen? Die Bibel preist die Weisheit in wunderbaren Liedern. Das ALTE Testament, da steht es doch geschrieben: „Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, die Kenntnis der Heiligen ist Einsicht. Er (der Mensch) beugt sich vor dem Geheimnis. Er lässt sich davon betreffen.“ Spätestens dann weiß man doch, dass Weisheit nichts zum Auswendiglernen ist. Es ist nicht Vielwissen. Weisheit ist, wenn wir viel sehen, indem wir unsere Augen für das Eigentliche öffnen.

Wissen kommt von Sehen. Ich dachte, das bringen die in Zusammenhang. Die können sein lassen. Ich dachte, die haben viel geschmeckt im Leben. Die haben einen Geschmack für das Gute, für das, was den Menschen nützt.Ich dachte, die kennen den Geschmack des Bösen und wissen, was bitter macht und ihnen Schaden zufügt. Die können sich selbst schmecken, dachte ich. Die sind im Einklang mit sich. Die resignieren nicht und wissen zu kommunizieren, dachte ich auch. Ich dachte, spirituelles Wissen ist dann da, und darum können die loslassen, was sie zu wissen glauben. Der Kampf Ego gegen Wahrheit sei gewonnen, dachte ich. Die sind im Einklang wie eine Harfe im Wind. Ich dachte, die sind frei von Einflüssen anderer und haben den Mut frei heraus zu sagen, was ist.  Ich dachte, alte Menschen sind verbindlicher. Die machen nicht nur mit, wie es ihnen Spaß macht.

Verblüfft stelle ich fest, dem ist nicht so.

Im ältesten Epos der Welt, Gilgamesh gibt es einen unbeugsamen, harten König, dem gesagt wurde, dass Steine ihm den Weg zu den Geheimnissen des Lebens weisen würden. In seinem Stolz ärgerte sich Gilgamesh über die Hindernisse auf seinem Weg und zerschmetterte genau die Steine. Wir zerbrechen auch, stoßen mitunter weg, was wir lieben, mögen, und ziehen uns zurück. Wie viele Male warst du in deinem Leben schon zu stolz?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold,

so sagt ein Sprichwort.
Es gibt natürlich auch ein Schweigen, dass nicht vom Engel des Schweigens kommt. Es gibt ein Schweigen, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst. Aber du weißt auch – tief in dir weißt du es – den Ärger, den ein anderer in dir hochgespült hat, war noch von anderen in dir. Es gibt ein Schweigen, dass kein wirkliches Schweigen ist. Ein Schweigen, mit dem du Macht ausüben kannst. Du weisst, wenn du schweigst, obwohl du reden müsstest, dann kannst du damit Menschen verletzen. Die anderen wissen nicht, woran sie sind. Es gibt ein drückendes Schweigen, wenn keiner in der Gruppe etwas sagt. Das ist dann so ein dumpfes Schweigen.

 Gnothi seauton

„Erkenne dich selbst“. Der Anfang aller griechischen Weisheit liegt in der Selbsterkenntnis.
Das griechische Wort gignoskeln meint ein Sehen. Das trauen sich vor allem jene Menschen, die sich für das Tragen einer rosa Brille entschieden haben. Einige davon übersehen damit das Negative und bestehen darauf, dass alles Heil und Gut ist. Andere sehen alles schwarz. Sie entwerten sich und machen sich vor allen schlecht.

Es gibt zwei Arten, den Wind zu spüren, ins Offene hinaufzuklettern und stillzuhalten oder sich ständig zu bewegen. Still sein – bewegen. Bis wir es leben.
Ist es möglich, so defensiv zu leben, dass Leben an sich unmöglich wird? Vermutlich.
Silber bildet eine Oxidationsschicht, wenn es mit Sauerstoff in Berührung kommt, lernte ich im Chemieunterricht. Nur der stille, tägliche Mut, zu sein, kann bewirken, dass die Luft unsere Herzen wieder weich macht.

engel des Vergessens

Der Engel des Vergessens kümmert sich um das Vergessen, das zur Freude führt.

Wir können das Leben nicht am Fließen hindern. Also bleibt nichts anders übrig, als zu fühlen,was war und ist.   Ich lasse mich von den Dingen berühren. Aber ich versuche, nicht in ihnen herumzustochern und nicht an ihnen zu ziehen und zu zuppeln.

„Geschehen lassen. Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben, denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.“
(R.-M.Rilke)