Was manche Sachen mit uns machen

frauencomic

Ich male auf mein Heft. Linien, Karos. Eines der wichtigsten Werkzeuge zur Erzeugung von Konzentration. Unterschätzen Sie diese Ansammlung von unbeschriebenen Blättern nicht. Kariert. Liniert oder leer, unterschiedlich in Format und Seitenzahl, bleibt es doch immer dieses Ganze, das darauf wartet, beschrieben zu werden.  So viele Möglichkeiten erwarten mich, wenn ich vor einem unbeschriebenen Heft sitze. Mehr als ich erträumen kann.  In ein Heft zu schreiben, bedeutet letztlich, sich von einer Vielzahl dieser Möglichkeiten zu verabschieden. Es entsteht ein Text. Egal, was ich jetzt schreibe, es bleibt ein einziger Text.

Positives Denken. Wir hoffen, dass wir zu den Guten gehören, denen das positive Denken gelingt, weil WIR die Kraft haben, daran zu glauben. Die anderen, die das Schicksal  trotz der millionenfach verkauften Bücher von Erfolgreich und Grüße vom Universum beutelt, nun mit denen brauchen wir kein Mitgefühl haben, wenn sie sich so ungehemmt ihren negativen Gedanken und Gefühlen hingeben. Selbst Schuld. Heutzutage muss man sich überhaupt überlegen, wem man sich noch mit seinem Frust, seinen Ängsten und seinem Ärger anvertrauen kann. Spricht man beispielsweise über seine Existenzängste, weil die Mieten immer teurer  werden, die Jobs immer weniger und immer schlechter bezahlt,  die Job-Geber immer skrupelloser, muss man sich darauf gefasst machen, dass selbst gute Freunde keine Lust haben, sich das „Gejammer“ anzuhören. In der Zeit kann man doch mindestens vier Nachrichten auf Facebook posten.  Am Ende fühlt man sich noch schlechter, w eil man es nicht geschafft hat, hoffnungsvoll und und helle Gedanken zu denken. Smile or Die. 

Zum Glück gibt`s da ja noch Brunhildchen in meinem Leben. Meine 82-jährige Freundin, die mir beim Schreiben des Textes über die Schulter sieht und auf eine lustige Art ihre Nase kräuselt.

brunhildestehend„Pah!  Um Glück zu finden, muss man positiv Denken. Da dreht sich mir aber der Magen um. Das ist Schmalspur-Psychologie.  Was soll denn daran gut sein, Angst vor seinen Gedanken und Gefühlen zu haben? Positives Denken ist, als versuche man nicht an den rosa Elefanten zu denken, nur um sich anschließend schuldig zu fühlen, weil man es doch tut. Ich bin davon überzeugt, der gerade Weg, den man aufrecht mit stiller Würde entlangschreitet, existiert nicht. Vielleicht für einige wenige. Das Leben kennt tägliche Besserungen und Verschlechterungen. Und die Unterstützer warten schon. Die lehren dich dann, dich entweder zu beherrschen oder zu wehren. Stell dich vor ein Blumenbeet, so aufmerksam wie möglich. Nimm die zarten Blumen bewusst wahr. Freue dich an jedem Detail und in weniger als ein paar Minuten spürst du die Anzeichen einer schweren, depressiven Verstimmung.“

Ohne auch nur  mein Jawohl und mein Grinsen abzuwarten, sprach Brunhilde weiter. „Endlich willst du mehr für deine Karriere tun, und schon wirst du erstaunlich müde, kurz nachdem du es dir vorgenommen hast. Höre mir auf mit diesem Selbstoptimierungswahn. Regalmeterweise Positiv-Denken-Diktatur. Ändere dein Leben in 60 Minuten. Du darfst ruhig auch mal schlecht gelaunt sein! Du darfst dich wehren und mit dem Hammer auf den Tisch hauen, wenn dir jemand mit Oberflächlichem oder mit Gedankenlosigkeit, gar Ignoranz oder dieser Zivilisationskrankheit Nummer 1, mit  Egozentrik in besonderer Form die Luft zum Atmen nimmt. Du darfst auch mal auf ganzer Linie versagen. Das fühlt sich gut an. 8 Millionen Menschen leiden in Deutschland an behandlungsbedürftigen Ängsten. Pro Tag verordnen Ärzte in Deutschland mehr als zwei Millionen Tagesdosen Antidepressiva. Privat Versicherte, stationär Behandelte nicht mitgerechnet. Noch mehr Menschen setzen auf Alkohol, Drogen, Doping. Es gab noch nie so viele Depressive und Burn Out-Kandidaten in diesem Deutschland – trotz all dieser Selbstoptimierer-Programme. Gibt dir das nicht zu denken?Ruhen in sich selbst sieht anders aus. Vertrauen in sich selbst auch. Die Ideale der Fehlerlosigkeit und Dauerlust sind kein Ideale. Ein Irrglaube. Sie sind der sicherste Weg, unglücklich zu werden. All diese aufgesetzten Gesichter machen am Ende krank. “

aufstehen„Ähm, ja….also..“, erwiderte ich. Mein Versuch, mehr zu sagen, scheiterte.  So setzte ich mein diplomatisches Lächeln auf.
„Willst du etwas anderes hören?“, fragte Brunhilde.
„Nein, sagen“. Man sollte denken, dass jeder Mensch irgendeine Art von Antwort geben muss, wenn man ihn direkt fragt.  Nicht so bei Brunhilde. Scharfes Luftholen.
Ganz schmucklos setzte sie fort:
„Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Angst, Pessimismus, Scheitern, Ungewissheit, Trauer, Ärger, Wut, Katastrophen helfen dir aus Krisen.
Sie haben zumindest das Zeug dazu. Sie sind mindestens ebenso wichtig für deine Orientierung. Und verwechsle nicht das Streben nach Glück mit einem Recht auf Glück. Das gibt es nicht. Lass mal alle Fünfe gerade sein.  Irrwege können hilfreich sein.  Teile deine Gefühle nicht in gute und schlechte ein. Das Leben spielt sich dazwischen ab. Und glaube mir, wenn ich dir sage,  denken kann keine Erfahrungen ersetzen. Es ist nur eine Nussschale auf dem Meer deiner Seele.  Und setze besser nicht mehr auf die geduldige Verlässlichkeit von Freunden in Zeiten von – wie heißt das noch – dieses …?“

„Facebook, Brunhilde. Facebook sagen die Leute dazu“, antwortete ich.

Es gibt noch reichlich weiße Seiten in meinem Heft.
Umso besser.

Advertisements

6 Kommentare zu “Was manche Sachen mit uns machen

  1. magguieme sagt:

    Denken als Nussschale auf dem Meer… das gefällt mir. Manchmal darf es auch kentern (ich stelle mir vor, wie ein Kind mit einer Nusschale auf einem Eimer-Meer spielen würde; denken, nimm dich in Acht! 🙂 ) Setzte mich jetzt mit einem fast leeren Buch in den Zug. Dass Brunhildchen gegen den Positiv-Denken-Wahn ist, macht Sinn. Ich mag sie.

    • martinakunze sagt:

      Auch ein lustiges Bild: Eimer-Meer. Wer denkt, kentert
      🙂 .
      Zwei Nussschalen. Eine für dich, eine für mich – der luftigen Freiheit wegen. Kleine nussige Verschiedenheiten kreisen wie ein Zittern im Wasser.
      Eimer-Meer. Juchhee. Jede ein fast leeres Buch in der Hand. Hast du schon etwas gedacht? Nein! Du? Nein!
      Herrlich…wir sollten daraus eine Kindergeschichte entstehenn lassen. Dachte schon darüber nach, dass wir aus der Entfernung heraus ein ganz ver-rücktes Geschichtle schreiben. Du übernimmst eine Figur, ich die andere und dann toben wir, wo immer es uns hinzieht – Eimer-Meer gefällt mir.
      Freude.

      • magguieme sagt:

        Ich sitze im Hotelzimmer (Nr. 308 – da fällt uns auch schon einiges dazu ein!) und lache laut. Bei so vielen Ideen muss ja einmal etwas Gescheites herauskommen.
        Die Nuss-Gedanken haben mich im Zug begleitet. Vielleicht heißt es nicht, dass jemand „überschnappt“, sondern dass es „überschwappt“ 😀

      • martinakunze sagt:

        308? D r e i n u l l n e u n wäre es gewesen. 309 noch besser 339….
        Dreimal um das Haus gehen, 18 Servietten und nur das Speisen, was du preislich durch die Zahl 3 teilen kannst. Vielleicht sprichst du mit dem Ober darüber, der setzt dich dann vermutlich sogleich in den VIP Bereich. 🙂
        Überschwappender Weise würdest du dich sicherlich köstlich amüsieren. drei Gabeln bitte.
        sechs Karotten und 9 Himbeeren auf deinem Dessert. Vermutlich heißt es überschwappen ja. *lach:) Ich dachte auch sehr an die Nussschale.
        wir machen uns die Welt wie sie uns gefällt, hey Pippilotta…
        mmh, du bist auf Reisen…*seufz….
        noch ein *seufz….
        Wünsche dir Buchstabenburgen

      • magguieme sagt:

        hihi, die Rechnung vom Abendessen hat sich tatsächlich durch drei teilen lassen. die null mag ich sowieso – Ursprung, Leere und so weiter und die 8. Von der 8 muss ich dir schon gar nichts erzählen, oder? 😉
        ich mach mir die welt – lalala; vielleicht werde ich noch ganz übermütig und besuche 309.

      • martinakunze sagt:

        Unauffälliges Augenbrauziehoch. Sherlocki hat verstanden.Von der 8 musst du mir nicht erzählen, nein! Aahaaa, ich verstehe.
        Dann kann dir nichts geschehen. Rechnung durch 3 geteilt.
        Ja, ja- sei übermütig und besuche die 309. Ich sehe dich gerade auf dem Flur herumtänzeln, vorsichtig heranpirschend….schwappe über ja, ja.
        ..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s