In deinen Tänzen reist dein Herz

sufi

 

Sie drehen und drehen und drehen sich um die eigene Achse, wie die Planeten und Sterne sich drehen, bis sie in Trance geraten.

Drehend offenbart sich Gott, drehend erkennen ihn die Sufis, den rechten Arm zum Himmel  geneigt, den linken Arm zur Erde. Drehend nehmen sie von Gott, drehend geben sie der Erde, drehend löst sich ihr Ego in Gott auf. Der Wirbel ist eine ekstatische Form des Gebets.

„Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen“, fordert der Reformer Derwisch Hadschi Bektasch Weli  im 13. Jahrhundert.

Der Philosoph und Wanderprediger zieht viele Jahre durch den Iran, Irak, Mekka, Medina, Syrien, schließlich über die Städte Mamekie, heute Tunceli, im Gebiet Dersim und Erzingan findet Weli Asyl in Mittelanatolien, in Karahöyük, einer Stadt südöstlich von Ankara. Der große Gelehrte verkündete seine Lehre in Anatolien, bildete und belehrte die Scharen von Schülern, die sich in jenen Jahren um ihn gesellten. Auch der berühmte Derwisch, Dichter und Mystiker Mewlana Rumi soll sich damals von Praktiken wie dem rituellen Tanz und Gesang und der Teilnahme von Frauen an Derwischversammlungen verführt haben lassen. Fans seiner berühmten Dichtungen und Muslime aus aller Welt pilgern noch heute in die Region, um am Grab des Dichters  Rumi zu beten. Er ist der Gründer der türkischen Sufi-Orden. Der alevitische Glaube als Naturreligion,  ist damals schon gut 3000 Jahre alt. Rumi stammte aus einer angesehenen Familie im Norden Afhanistans.  Er sah in der Liebe die Hauptkraft des Universums.

Weli sandte Sufis und Derwische nach Dersim, ein Gebiet im Westen Ostanatoliens, das heutige Zentralgebiet der Zaza-Aleviten. Er verkörperte die religiöse Bescheidenheit, mit der man besonnen und maßvoll handelt. Er lehrte die Ideale, die zur Geltung gebracht werden sollen und er lehrte ein spirituelles Verständnis des Islams, in dem das Universum die sichtbare Gestalt Gottes ist. Ausdruck dessen, findet sich im Semah-Tanz, ein Reigentanz begehen, heißt das Universum symbolisieren.

„Was immer du suchst, du musst es bei dir selbst suchen. Nicht in Jerusalem, nicht in Mekka.“

Nicht in starren Ritualen, sondern im Empfinden der Menschen soll sich die göttliche Wahrheit spiegeln. All dieses gehört zum grundlegenden Selbstverständnis der Aleviten. Seit alters her halten Aleviten ihre Religion geheim. Im Bestreben, ihre religiöse Freiheit zu behaupten, ist es für sie in feindlicher Umgebung geboten, sich äußerlich anzupassen und die eigene Identität zumindest nach außen zu verleugnen. Und es  waren viele Katastrophen, die dieses alte uriranische Kulturvolk in ihrer langen Historie zu überstehen hatte.

Immer schon stellte das uriranische Volk eine ethnisch, geographisch, sprachlich und religiöse Einheit dar. Im 11. Jahrhundert flüchteten sie aus dem Nordiran in das türkische Gebiet, das etwa die Größe von Nordrhein-Westfalen hat. Sie suchten Schutz vor den Kriegerclans der Mongolen, die damals die Welt in Schrecken versetzten, ihre Gegner mit donnerndem Salut und imperialen Drohgebärden niederrannten, Land und Leute dabei ins Chaos stürzten, Burgen und Bibliotheken zerstörten, eigene Gouverneure einsetzten und aussichtslose Lagen für die damals dort lebenden Gurans und Zazas schufen. Die Gurans flüchteten in den Nordirak und Südiran, die Zaza hingegen siedelten als Bergvolk in die türkische Region Dersim. In der „Wiege der Menschheit“, dort, wo die indoeuropäische wie die mesopotanische Kultur ihren Anfang nahm, zwischen den beiden oberen Läufen des Flusses Euphrat, der sich vor mehr als zwölftausend Jahren um das markante Hochgebirge Munzur tief in vulkanisches Gestein eingrub, leben die Zaza-Aleviten heute mit ihren Nachbarn, den Kurden und Türken, mitten im spirituellen Zentrum der Sufis, in der Heimat der tanzenden Derwische, die weißgekleideten Wirbeltänzer mit ihren hohen Filzhüten.

Schon die ältesten Zeugnisse weisen auf die Geschichte der Aleviten als einen immer währenden passiven Widerstand gegen herrschende und in ihren Lebensraum einfallende und konkurrierende Völker hin. Die Assyrer nehmen das südliche Gebiet ein. Die Römer legen den Fluss Euphrat als ihre Interessengrenze fest und teilen den Vorderen Orient auf. Die Parther fallen ein, ihnen folgen die Heere des Byzantinischen Reiches, die turkmenischen Seltschuken, das Rumische und das Osmanische Reich in den Jahren 1914 bis 1917. Sie alle ziehen in das Gebiet der Aleviten ein, überrennen, plündern, erobern, treiben sie entzwei und besetzen den Lebensraum dieser so anderen, ethnisch und kulturell eigenständigen Volksgruppe mit ihren zahlreichen Stämmen.

Das  Alevitentum ist ein Sammelwerk lokaler Kulte und Bräuche, ein Kanon an mystischen, schamanistischen, polytheistischen und islamischen Elementen mit einer philosophisch-ethischen Basis.

Die Aleviten bilden nach den Sunniten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Türkei (etwa 40-50 Prozent der Gesamtbevölkerung). Der kleinste gemeinsame Nenner ergibt sich aus dem anatolischen Alevitentum, das sich in verschiedenen Ethnien wiederfindet. Es gibt türkische, turkmenische und arabische Aleviten.  Das Alevitentum ist außerhalb der Türkei noch in Syrien, Ägypten, Albanien, Iran, Irak und bei den aus der Türkei stammenden Immigranten in Westeuropa verbreitet. Es gibt ein uriranisches 5 Millionen-Volk, die  Zaza-Aleviten, die ein ursprünglich von Animismus, Esoterik und Glauben durchsetztes Leben führen

Die Urquelle ihres Glaubens  ist – neben christlichen Einflüssen – auch von der  der Philosophie Zarathustras (500 bis 1000 v. Chr.) geprägt. Der zarathustrisch-alevitische Glaube der Zaza-Alewiten ist im Diesseits und Jenseits verankert. Realität und Traumvorstellung sind für Zaza-Aleviten im Leben gleichwertig existent. Sie glauben an Ahnungen, an Tag- und Nachtträume und spirituelle Wahrnehmungen. Wasser, Bäume, Berge, Grabstätten sind heilige Geschöpfe für sie.

Sprachlich stehen sich Kurden und Zaza wie in einem Verhältnis von Deutschen und Schweden gegenüber, denn ihre Sprache Zaza gehört zur nordwestiranischen Sprachfamilie.

(Auszug aus meinem Beitrag  für eine Dokumentation)

Rumi

Rumi:

Weise Menschen haben gesagt:
Diese wunderschönen Töne, diese Melodie haben wir vom Himmel genommen.
Die Musikinstrumente, die das Volk spielt und die lieblichen Lieder, die es singt,
entspringen der Drehung der Himmelsphäre. Wir waren alle Teile Adams.
Wir haben diese Melodien im Paradies gehört.

 

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4 Kommentare zu “In deinen Tänzen reist dein Herz

  1. MoveFast sagt:

    Es hieß schon lange: *Tanzen befreit die Seele*
    Danke für die ausführliche Beschreibung, die diese Aussage wunderbar darstellt.
    Liebe Grüße

  2. […] In deinen Tänzen reist dein Herz […]

  3. magguieme sagt:

    „Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen“ – diesen Satz bekomme ich hier geschenkt. Gerade heute sehr passend, wie ich meine.

    Danke für den Hinweis.

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