Dennoch

espresso macchiato

Und hier sitze ich nun in einem kleinen, feinen Cafè und genieße einen Espresso Macchiato.  Der Drang hin zur „Wahrheit“ ist sehr stark.  Und sogleich höre ich meiner inneren Stimme zu, die mir zuruft: Denke nicht so viel, Martina, fühle.  Also antworte ich ihr: „Nun ja, das ist, als ob du eine  Meeresschildkröte dafür anklagst, dass sie in die Tiefe will.“

Der Mensch ist ja ein Gottesbeweis.  Ich meine die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben –, dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders kommen, das wissen wir doch alle irgendwie. Insgeheim wissen wir das, auch wenn die meisten nicht offen darüber reden mögen, oder?
(Sie können es auch ewigwirkende Intelligenz nennen. Sein. Leben. Absolute Wirklichkeit. Allah oder Brama.)

Ja, ja, ich weiß, ich muss aufpassen, dass ich nicht selbstgerecht daher rede. Sie können das auch ganz anders sehen. Und klar, verschleiertes Denken ist unvermeidlich, Gedanken sind ja nicht mal eben Schlaglöcher, die man einfach umfahren kann. Die Abweichungen zwischen Ihren Gedanken und meinen können groß sein. Vielleicht ist das Geschenk des Lebens an uns Menschen, genau der Umstand, dass wir es verzerren können, und uns so nichts anderes übrig bleibt, als unsere Beziehung – was es auch sein mag- immer wieder zu erneuern.

Hilde Domin

Hilde Domin. Kurze Zeit darauf verstarb sie. Sie wurde 96 Jahre alt. Sie lebte in Heidelberg.

„Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich“, sagte Hilde Domin. „Demzufolge sah sie im Gedicht eine Möglichkeit und Aufgabe, „Funktion für alle“ zu haben, „denn es hilft, die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.“

Sie ist meine Lieblingsdichterin. Jeden Tag stellte sie Rosen auf ihren Küchentisch. Gedichte schreiben, beschrieb sie, als die „Erregung eines Moments“. Ob sie an Gott glaube, wurde sie gefragt. Das wolle sie offen lassen, gab sie zur Antwort. »Wissen Sie«, sagte sie weiter, »ich glaube an die Gnade, die Gnade als ein Geschenk, welches einem zweckfrei und grundlos zuteil wird. Die Gnade als verpflichtendes Geschenk. Das Schreiben ist solch eine Gnade.«

Kleine Buchstaben verwendete sie, damit die „Worte leise kommen.“

Einer  Bekannten schwärmte ich von jener Dichterin vor. „Der bin ich begegnet“, meinte diese. Sie  habe  in ihrem Urlaub mit ihr zusammen am Frühstückstisch gesessen. Meine Augen wurden riesengroß. “ Wow…Du….hast….Und….was …  hast du sie gefragt? Was hat sie dir erzählt?…“
„Mmh,  ja so viel haben wir nicht miteinander gesprochen“, meinte sie. — Stille für eine Weile. “ Du sitzt mit Hilde Domin für einige Wochen am Frühstückstisch und hast keine Fragen an sie gehabt? Du hattest keine große Lust, dich mit einer der größten Dichterinnen Deutschlands zu unterhalten, mit ihr ins Gespräch zu kommen?“

So ist das mit den unterschiedlichen Lebenswelten. Für den einen spielt sich das Leben gerade „dort“ ab, nicht da, wo ich in jenem Moment war – wie schade –  für den anderen nicht.
…während jenseits davon das unverstellte Leben geduldig auf uns wartet.

Wer es könnte

Wer es könnte
die Welt
hochwerfen
dass der Wind
hindurchfährt.

(Hilde Domin)

Das Lebensmotto der Hilde Domin war das Dennoch. Der Aufruf zur täglichen Anstrengung, nicht die Hoffnung zu verlieren, etwas zu tun, damit möglich wird, „dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“ (Brecht).

Hilde Domin erkannte , dass man sich für den Mitmenschen entscheiden könne und müsse. Dem Mitmenschen zu helfen war seither zu ihrer zweiten Natur geworden. Mitschmerz zu empfinden, Solidarität zu praktizieren ist ihr nicht Pose, sondern geschieht »im Vorbeigehn / ganz absichtslos“. Denn: „Das Wunder  besteht für mich darin, nicht im Stich zu lassen. Sich nicht und andere nicht. Und nicht im Stich gelassen zu werden. Das ist die Mindest-Utopie, ohne die es sich nicht lohnt Mensch zu sein. Hilfe selbstverständlich zu geben und dankbar anzunehmen sind zwei Seiten derselben Münze: Mitmenschlichkeit.“

Der Mensch ist die Manifestation seines Glaubens.

Wenn ich an Hilde Domin denke, dann kommt mir ein Jesus-Wort in den Sinn:
„Wer mich sucht, wird mich finden in Kindern, denn dort werde ich offenbar sein.“

(Jesus hat Kinder mit Gott gleichgesetzt. Er hat sich mit den unterdrückten Kindern solidarisiert.)

„Werdet wie die Kinder!“

Das Ziel könnte darin bestehen, jung zu sterben, und zwar so spät wie möglich.
Machen wir es wie die Kinder: im Vertrauen leben, dass uns gegeben wird.

Bilden wir uns nicht ein, „fertig“ zu sein. Seien wir offen. Das vor allem können wir von Kindern lernen.

Mühelos.

Mühen sich Kinder ab, wenn sie wachsen? Achten Sie mal auf Kinder. Beobachten Sie ein zehn Monate altes Kind beim Laufen-Lernen. Es fällt ständig hin, tut sich weh und steht wieder auf, bis es läuft. Kinder lernen vermutlich  vor allem gut laufen,  weil sie es schnell lernen, noch bevor ihnen Eltern vorschreiben können, wie sie laufen sollten. Sie sind voll im Vertrauen ihres natürlichen Wachstumsprozesses. Das Vertrauen der Eltern ist der Boden der Kinder.

Wissbegierde, Offenheit, Fantasie, Experimentierlust, Spontaneität und Flexibilität: Das Kind ist das eigentliche Muster menschlicher Reife, wenn Leben Bewegung ist – und Leben ist Bewegung.

ICH BIN. Was immer wir diesen zwei Worten hinzufügen und glauben, das werden wir.
Das ist mein SEIN.
Ich kann mir sagen: Ich bin stark, einflussreich, strahlend, glücklich, inspiriert, frohen Mutes, dankbar für jeden geglückten und für jeden weniger geglückten Tag.
Ich kann mir auch sagen: Ich bin minderwertig, untauglich, schwach, wütend, verbittert. Ich bin  nicht mutig genug, ich will mich nicht blamieren. Ich bin, was andere zu  mir sagen.

Unsere Angst liegt immer in unserem eigenen Herzen, niemals in der Hand des von uns Gefürchteten.
Vertrauen heilt. Nicht Verdienst, sondern Vertrauen. Kindliches Vertrauen.  Auf das Herz hören, das ist die Essenz.

Großes Vertrauen beginnt mit Selbstvertrauen. Diese hängt wesentlich mit einer gesunden Selbstliebe zusammen.  Zu lieben heißt auch, mich in dir zu sehen.
Leben ist eine Frage des Fühlens – auch des Mitfühlens.

help

 Ich helfe nicht nur dem anderen.

Wenn ich helfe,  helfe ich dabei immer auch mir.

              Wenn ich gebe, gebe ich nicht nur dem anderen, ich schenke immer auch mir  etwas.

In diesem Sinne

meine Gedankenodyssee ist für heute beendet.

Ich höre jetzt auf meine innere Stimme und

FÜHLE.

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