Zwei Eimer rote Farbe

Zwei Eimer rote Farbe

 

Zwei Eimer roter Farbe, die Abdeckplane unterm Arm und den breiten Pinsel zwischen den Zähnen. So stand ich da.  Der Beschluss war gefallen. Brunhilde wünschte einen Anstrich. Ich mischte die Farbe und schwankte dann zur Tür. Ich wankte ein wenig bei dem Versuch, die Tür zu öffnen, aber ich wollte nichts absetzen. Ich war so stur. Ich hatte die Tür schon fast auf, als ich abrutschte, nach hinten stolperte und zu Boden fiel. Literweise ergoss sich rote Farbe über mich. Brunhildchen und ich lachten herzlich  – über mich.

farbe

„Wohin. Wohin. Ähm, dein Zimmer ist jetzt eine Baustelle.“, sagte ich kleinlaut. Ich überlegte eine esoterische Gruppenreise zu buchen und einfach abzuhauen. Ich hatte mich schon selbst vor Peinlichkeit einen Kopf kürzer gemacht. Eine Weile sahen wir dem Fluss der Farbe zu. Er schlängelte sich  kurvenreich durch alle Ritzen. Auf den roten Farbteppich legte ich nach zwei Schockminuten meine kernige Wissensfrucht. „Was glaubst du denn, Brunhildchen, bei der Geburt kommt nicht so ein unbeschriebenes Blatt auf die Welt, eine Seele so rein, wie wir uns gerne vorstellen.“ Scherbenbegrenzung! „Da ist Schuld eingegossen, die nur so nach Karma schreit, kippte ich meiner 82-jährigen Freundin schwungvoll auf ihren Pinsel, der vergeblich auf Farbe wartete. Sie lachte recht laut auf. „Die Schuld eines Menschen ruft nach Vergebung, Du Naseweis! Sprich nicht von Schuld, sprich von Verantwortung. Die kann aber erst ab einer reifen Bewusstseinsstufe eintreten“, proklamierte Brunhilde.. Sie goss sich duftenden Bohnenkaffee in ihre Tasse. “Ist es nicht erstaunlich. Wir tun es mit Liebe, mit dem, was wir als wahr empfinden, ob es um Farbeimer geht oder um Geschichten, die wir unbedingt erzählen wollen. Es ist so einfach, und doch gibt es Momente, in denen das Ego sich weigert, die Last abzulegen, damit wir die Tür öffnen können.  Immer wieder haben wir die Chance nicht gleichzeitig an allem festzuhalten. Wir sammeln und sammeln, mühsam schreiten wir damit voran. Wir müssen absetzen, was wir mit uns herumschleppen, die Tür öffnen und nur das Nötigste mit hinübernehmen.

Atme frei.  

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