Es fühlt sich wie ein Senfkorn an

Es fühlt sich wie ein Senfkorn an

Qumran- Höhlen

 

„Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude und starb als Jude. Aber das betrifft lediglich seinen Körper. Ansonsten war Jesus reiner Hindu“, war aus dem Stimmeninferno des Bonner Wochenmarktes zu vernehmen.

„Hä?“ Mir fiel die Kartoffel aus der Hand. Ich war wirklich überrascht, mit offenem Mund,  und ich glaube nicht, dass es die freudige Fassungslosigkeit war. Immerhin kein Fremder, der mir diese Worte in mein Ohr brüllte, es war Brunhilde. „Ich beugte mich vor und flüsterte ihr zu: „Ich finde das etwas entmutigend Brunhilde? Und ich will auf keinen Fall hier vom Markt fliegen, nur weil du dich mit dem Christentum nicht auskennst!“

Sie lachte mit einer Stimme, die monierte, sie könne machen, was sie wolle.

„Ja, man muss sich schon fragen, was für Augen wir haben. Wenn wir uns nicht einmal selbst erkennen können? Dem Mann ging es um unsere Innenwelt. Der wollte nicht, dass unser Verstand, sondern die Liebe zum Blühen gebracht wird! Lebendige Steine in einem geistigen Haus wollte er aufbauen. Er war gekommen, um die Schrift zu erfüllen. Hat er doch selbst immer wieder gesagt.“

„Welche Schrift?“, fragte ich.Gedanklich rief ich den Ausnahmezustand aus! Nennen Sie mir mal einen triftigen Grund, warum ich mich zwischen Kartoffelbauern, Fischverkäufern, Blumen, Obst und Gemüse-Ständen und all den 1 Euro-1-Kilo-Bananen-Schreiern mit Detailfragen eines fremden Textes beschäftigten sollte?

„Gute Frage. Genau. Welche Schrift? Das Alte Testament kann er damit nicht gemeint haben. Dem widersprach er immer wieder, beruht es auf Rache, Furcht und Schuld. Er wollte nicht mehr Moral, sondern mehr Tugend“, antwortete Brunhilde. „Die Christen unterschlugen seine Lehrzeit bewusst. Sie wollten doch nicht verbreiten, dass ihr Sohn Gottes bei anderen in die Lehre ging. Er war in Ägypten, er lernte in ägyptischen Geheimgesellschaften, danach reiste er im Alter von 14 Jahren, vielleicht war er auch 16 Jahre, nach Indien. Dort erfuhr er die Lehren Buddhas, der Veden und der Upanischaden, Sechs Jahr soll er in Indien verbracht haben. Es gibt ein tibetisches Manuskript The Life of Issa. Issa meint Jesus. Es gibt noch anderes, also schon Hinweise auf das Leben von Jesus. Man muss nur darüber reden wollen. “

computerfreiertag3Unzweifelhaft ist Aufwachen ein gefährlicher Augenblick.

„Jesus erhielt spirituelles Training. Er studierte Buddhismus? Das ist ja…“ Mein Gesicht war ganz rot vor Aufregung. Vor meinem geistigen Auge taten sich Hügel und Täler auf. Ich stand am Schnittpunkt zweier Welten, an dem das Unsichtbare das Sichtbare formt und prägt. Heute gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die zu dem Schluss kommen: Geist schafft Materie. Unsere Gedanken schaffen die Welt, die wir da draußen sehen. Wir die Mitschöpfer…Alles ist Schwingung. Mir fielen Jesu Worte ein: Hegt und pflegt das in euch, was bereits in euch ist. Ich bin. All die Jahre lehrte man uns von der Kanzel, Gott in weiter Ferne, hoch über den Wolken. Dabei führt jeder Weg in meine Mitte, in mein Herz, in mein Licht, das Ich bin.

„Hallo…Martina, bist du noch anwesend..?“
„Ähm ..ja!
„Jesus sprach:  Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das Ganze; das Ganze ist aus mir hervorgegangen, und das Ganze ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf und ihr werdet mich dort finden. In der Bibel ist diese Aussage nicht überliefert. Dieser Spruch ist reinste Vedanta.  Man muss hinter die Worte schauen, ihre Deutungen finden, erfahren!
Was damit gesagt wird, ist, wenn ein Baum zu blühen anfängt, blüht Gott auf. Wenn ein Fluss strömt, ist es Gott, der strömt. Ich bin der Mittelpunkt, das Ganze. Alles kommt aus mir, alles kehrt zu mir zurück. So wie du bist, bist du Gott. Und ihr seid gut, ich akzeptiere euch so wie ihr seid, sagte er. Denn das Göttliche hat beschlossen, auf die Art und Weise in uns zu existieren. Ich akzeptiere eure Wut, euren Hass, eure Eifersucht. Du magst zwar unwissend sein, aber du bist kein Sünder. Religion bedeutet in diesem Sinne mehr Licht zu bekommen!“, erklärte Brunhilde.

„Noch einmal zurück: Es steht doch in der Bibel geschrieben, dass Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich…also schlummert doch der Samen der Vollkommenheit in unserer Seele. Dieses ganze Suchen, dieses Sehnen irgendwo in unserem Innern ist im Grunde ein natürlicher Sog in Richtung des Göttlichen Prinzips? Das Himmelreich ist kein Ort. Es ist ein Zustand, in dem man sich zu entwickeln hat. In mir ist der „Ich bin“?  Diese sich verloren vorkommen oder glauben am falschen Ort zu sein, Rastlosigkeit, Unruhe, Ablenken, Anstaltenmachen, Ausflüchtesuchen bis zu einem gewissen Erschöpfungsgrad….so ne` Art Hospitalismus….ein ständiges Suchen, dieses sich im Wald verirren-Gefühl – weil ich abgetrennt von meiner Seele lebe, .nicht aus dem Inneren meines Herzens heraus…..auf Abwegen, dank der vielen Logik, gefolgt von der Autorität, den Erziehungsidealen, dem Ego, der Moral und Einbildung, den Verhältnissen unserer Zeit, dem Erklären von Nebensachen zur Hauptsache  – um zu erkennen, letztlich reduzieren sich alle äußere Lebenserscheinungen – das Ewigwirkende –  auf einige Worte: empfangen, geboren, gestorben und begraben – egal, ob arm oder reich.
….Das Wasser des Meeres, welches meinen Weg versperrt hat, teilte sich gerade mitten auf dem Bonner Marktplatz. Ich füllte meine Lungen mit Luft.

„Ja, ja, der Mensch sollte sich immer mehr bewusst werden, was er eigentlich darstellt in diesem Leben. Wir sind das Ergebnis der Schöpfung.  Wir sind der Ausdruck der Göttlichkeit. Atome sind das Ewigbestehende. Äther ist das Ewigbewegende, das durch Zeit und Raum nicht beschränkt werden kann. Wir sind ein Endergebnis aller Wirkungen, soweit es die Materie angeht, aber das Ewigwirkende selbst, bleibt in uns verborgen, ist unsichtbar. Gott ist der ewigwirkende Gedanke. Wenn Gott allgegenwärtig ist, dann muss er auch in uns sein, sonst wäre er ja beschränkt. Heute weiß man, das Universum dehnt sich aus und aus. Wir weit wollen wir  noch reisen, um das zu erkennen. Bis zur Sonne, da fängt doch die Unendlichkeit erst richtig an.  Ihr seid es, sagt er…. nicht Gestalten und Ideen, die man aufgestellt hat. Ihr seid Gott und Gottes. Der Mann ging weiter als Voltaire und er warf nicht nur Fragen über Arbeit und Kapital auf. Gott lässt sich nicht zwängen in Tempel, von Menschenhänden gemacht. Wisset ihr denn nicht, dass ihr seid die Tempel des heiligen Geistes Gottes….“

qumranBrunhilde lachte. Ich nicht.

„Also“, fuhr sie fort, „ Johannes der Täufer soll ein Essener gewesen sein. Essäner ausgesprochen. Das ist alles beim Vatikan unter Verschlusssache. Die Schriftrollen vom Toten Meer – in den Jahren 1947 bis 1956 entdeckt, sollen Hinweise darauf geben. Es sind noch nicht alle Qumrantexte veröffentlicht. Kompetenzstreitigkeiten. Josephus, ein jüdischer Geschichtsschreiber sowie Plinius der Ältere erwähnten sie. Und es gibt wohl auch zwei Jesu-Romane, die im 18. Jahrhundert erschienen sein sollen.  In ihnen geht es auch um das Leben Jesu.
Essener, sie waren eine kleine Gruppe von Juden, die sich ab Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in der Stadt Qumran, am Westufer des Toten Meeres, niedergelassen haben.
69 n. Chr. wurde sie von den Römern  im Jüdischen Krieg zerstört. 132-135 n. Chr. gab es den letzten Aufstand der Juden gegen die Römer. Sie lebten getrennt vom jüdischen Tempelkult. Sie sollen besonders Heilkundige gewesen sein. Die Gruppe war auch so eine Art philosophische Schule. Menschen wurden eingeteilt in Kinder des Lichts und der Finsternis. Ihnen wurde eine Lebensweise nachgesagt, die man sich für die Mehrheitsgesellschaft damals wünschte. Jesus soll bei ihnen aufgewachsen sein.  In elf Höhlen fand man später dann Handschriften. Sie werden auf das 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. festgelegt.  Dabei waren wohl  – neben Abschriften des Alten Testaments – Originalschriften der Qumrangemeinde. Sie sollen auch Hinweise über das Verhältnis Jesus zu jener Gruppe geben. .

„Warum werden sie unter Verschluss gehalten? Bewegungen, Abspaltungen innerhalb einer Gruppe gab es doch immer mal wieder. Auch das Christentum ging aus dem Judentum hervor.“, sagte ich.

„2000 Jahre Christentum. Für die Christen ist das Alte Testament die Verheißung Jesu. Man ist all diese vielen Jahre darum bemüht gewesen,  Jesus als etwas nie Dagewesenes, als Einmaliges, als Wundermann darzustellen. Mit jenen Schriftrollen wird klar, es ist alles schon von anderen genauso gesagt. Man fand die Rollen von Qumran, und stellt fest, dass sie haargenau dieselben Worte des Alten Testaments für sich beanspruchen als Verheißung auf Qumran und ihren „Lehrer der Gerechtigkeit“.  Auch Jesus bezieht sich auf diesen Jesaja Prophetentext in der Synagoge von Nazareth. Beide Gruppierungen verstehen sich als Neuen Bund. Christus sei der Mittler des Neuen Bundes. Es herrscht auffallende Übereinstimmung in der Lehre.

Ich fühlte mich wie auf hoher See. Dabei stand ich nur neben einer Pfütze auf dem Bonner Wochenmarkt.

„Tja, wir sollten uns erweitern im Gedanken, damit wir begreifen, wo wir eigentlich stehen…Wir haben ein Lungengewebe und ein Herz in uns, die beiden sich gegenüberstehenden Mächte des Lebens, wie eins sich doch die beiden immer wieder ergänzen. Das sind gute Anhaltspunkte der Unendlichkeit.  Die Natur ist leider nicht mehr das, wozu sie sich erschaffen hat. Wir, all das hier um uns herum ist die Konzentration, Kristallisation der Unendlichkeit. Innen wie außen..Quantenphysik, erinnerst du dich, Martina? Die Schöpferkraft ist in uns“

Meinen Konzentrationspunkt richtete sich auf: „Na, dann können wir ja den Pfarrer, den Priester, den Kardinal, den Bischof, als die Vertreter Gottes, boykottieren und sie nur noch zum Holz sägen kommen lassen. Naja… wenn sie nicht das tun, wozu wir sie gemacht haben,  nämlich Frieden stiften und uns daran erinnern, dass wir die Ewigwirkenden sind, zu unserem H e i l wirken, und stattdessen lieber um Meinungshoheit ringen, uns vor den Richter ziehen, sei es im Diesseits oder Jenseits und uns Angst machen, dass wir nicht in den Himmel kommen, wenn wir böse sind. Wer uns Furcht einflößt, wird boykottiert.“

Ja und Amen.  Ich darf doch wohl darauf vertrauen, dass Gott mich nicht hinters Licht führt.

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4 Kommentare zu “Es fühlt sich wie ein Senfkorn an

  1. magguieme sagt:

    Samtpfötchen hat manchmal eigene Pläne mit mir. Nach vier Stunden und eingehender Vergebung dazu, dass sie eine Woche lang praktisch Fremden ausgeliefert gewesen war, tappte sie kurz mal über die Tasten und vollbrachte – wie jedes Mal – staunenswertes. Immerhin gab es dieses Mal kein Problem damit, die Einstellung rückgängig zu machen oder Tastenfeststellungen, von denen ich noch nie gehört hatte, wieder aufzuheben.
    Dieses Mal führte sie mich in die Vergangenheit. Zu diesem Text. Ich las und weiß, warum. Auf den Stubentiger zu hören war immer schon eine gute Idee.

    • martinakunze sagt:

      Fein gemacht, lieber Stubentiger.
      Weiß zwar nicht wie, aber clever Cat ist clever Cat.
      Guter Treffer, den vergaß ich zu erwähnen.
      Danke.Danke. Kitty-Cat. Schön, dass deine Samtpfötchen dir nach vier Stunden vergeben mochte und dies catwise zum Ausdruck brachte.
      Las ihn auch gerade noch einmal.
      Ja, das war noch lustig, mit Brunhildchen.

      Gute Idee, mir davon zu erzählen. Danke.

      Du bist also wieder da.

      • magguieme sagt:

        Kurzer Abstecher zu Hause, umpacken und wieder weiter.
        Ab nächster Woche wird’s wieder etwas routinierter.

        Die Komplimente leite ich gerne weiter.

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