Ein Leben neben der Spur

buchschlaf

Ich las in meinem Buch zur Guten Nacht:

Größenklein: „ Wir bekommen bestimmt schon wieder schlechtes Wetter. Mir zieht es in den Knochen.
Größenselbst (klein von Statue):“ Oh, mit dem Wetter haben wir doch heute richtig Glück. Für mich war das heute  ein wichtiger Tag. Ich war aber auch so richtig gut drauf.
Größenklein: „Nee, du. Das ist heute wieder so ein elendiger Tag. Ich hasse meine Kollegen. Die mobben mich und ich weiß überhaupt nicht warum.
„Größenselbst:“ Echt. Also mein Kollege hat vielleicht gestaunt. Wahrscheinlich hat er das schon lange nicht mehr erlebt. Er hat endlich begriffen, dass ich der Einzige bin, der das richtig gut kann. Wir gehen jetzt feiern, ja!“
Größenklein: “Ich mag jetzt nicht ausgehen. Mir ist der Appetit vergangen. Bei mir waren alle Mühen umsonst. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen. “
Größenselbst: „Mensch komm schon, du bist doch echt ein toller Typ. Lass uns meinen Erfolg feiern. Und hinterher will ich Sex. Das willst du doch sicherlich auch hinterher! Ich werde dann bestimmt gut schlafen. Das ist gut für meinen Job morgen. Will ja keine Eintagsfliege sein. Morgen zeige ich es denen nochmal. (auch wenn die Kompetenz dafür nicht vorhanden ist)
Größenklein: „Ich? Ich bin doch kein toller Typ. Nicht mal Sex reißt mich da raus. Ich grübele und grübele.
Größenselbst: „Tja, so ist das Leben.  Man kann nur nach oben kommen, wenn man bestimmte charakterliche Eigenschaften mitbringt. Wenn ich von acht Tagen Arbeit spreche, handelt es sich selbstverständlich um Tage und Nächte.

Wie ergeht es dem Gegenüber eines Größenselbst – Narzissten?

Man fühlt sich immer klein, unbedeutend, lebt mit dem Gefühl, nichts zu sagen zu haben, obwohl man sehr wohl etwas zu sagen hätte. Der Kampf um die Dominanz klingt verführerisch, gibt man aber schnell wieder auf, die intellektuelle Argumentation eines Größenselbst-Narzissten bleibt immer überlegen, keine andere Meinung darf daneben bestehen. Anstrengend und lästig, man verliert schnell die Freude an der Kommunikation. Sie bleibt eine Einbahnstraße. Zu erwarten sind aufgesetzte Als-Ob-Stimmungen, die immer unangenehm sind. Es gibt für den Narzissten Sieg oder Niederlage, und wer sich auf das Spiel einlässt, ist selbst in der narzisstischen Abwehr gefangen. Das Großspurige löst leicht Widerwillen aus. Man fühlt sich schnell gelangweilt.
Ein Größenklein verführt zum Helfen. Seine negative Weltsicht zieht herab, man möchte beschwichtigen, trösten und Hoffnung machen. Das Falscheste, was man tun kann. Energieräuber. Wenn man ihn irgendwann verachtet, hat Größenklein wieder seinen Frieden, alle Verbesserungsvorschläge sind zunichtegemacht. Er hat sich seine Bestätigung des ungeliebten Kindes wieder abgeholt.

Gleich heute erzähle ich Brunhilde von meinem  gestrigen Lesestoff:

Wenn man sich fremd bleibt, um leben zu können…

„Ja, ja. In der griechischen Mythologie erzählt Ovid davon. Die Unterdrückung des Fühlens. Wer keinen Schmerz mehr empfindet, braucht keinen Trost, wirkt damit unabhängig und stolz, was die „Grandiosität“ des Narzissmus erklärt. Die Nymphe Echo war heftig in Narziss verliebt, doch sie war nicht imstande, ihn mit ihren eigenen Worten anzusprechen. Echo war von Hera verflucht worden, fühlte die sich von ihr betrogen. So war Echo dazu verdammt, nur das zu wiederholen, was andere zuvor gesprochen hatten. „Ist hier jemand“, rief Narziss, als er sich einmal im Wald verirrt hatte. „Jemand“, wiederholte Echo. Die Geschichte endete in einer verschmähten Liebe. So ging es vielen anderen Nymphen, bis eine Verschmähte rief: „So soll er sich selbst lieben, auf dass er niemals in der Liebe glücklich sei.“ Und prompt verliebte sich dieser Mann an einem See in sich selbst, küsste sein Spiegelbild im Wasser, umarmte es. Doch es blieb ein flüchtiger Schatten, ohne eigene Bewegungen, eine trügerische Gestalt. Wie wir wissen, endete die Geschichte tragisch. In der Liebe zu landen, ohne sie berühren zu können. Da vergießt man schon beim Lesen dieser Geschichte bittere Tränen. Narziss tat es auch. Seine fielen damals ins Wasser und zerstörten sein Spiegelbild.  Alles drin in der Geschichte. Früher Liebesmangel, Liebesentzug, hochmütige Abwehr von Liebesangeboten, illusionäre Selbstspiegelung, unstillbare – süchtige – Verliebtheit in eine Illusion, Empfindlichkeit und Kränkung schon bei minimaler Irritation des Spiegelbildes, die Gefährlichkeit der Erkenntnis, die Gefahr der Selbstbezogenheit.

turnenblog

zeichnung:kunze

„Erschreckend und tragisch zugleich. Ist das ansteckend?“, frage ich. Mein Ich, die stärkste Gewohnheit ein narzisstisches Ich? Mein spirituelles Bewusstsein hangelt sich aus meinem Herzen kommend auf meine Lippen…“ Ich tanze währenddessen meine Tai-Chi-Figuren. Der weiße Kranich hebt seine Flügel.  Sieht bei mir aus wie Die fette Taube fällt gleich um.
“ DDD – meine defined dosis per day“, stöhnte ich.  50 Liegestütze..und drei, zwei, eins…Wehe das nutzt meiner Taille nichts! Schönen Dank, bin total erledigt. Lebenslust wächst aus der Selbstverwirklichung und nicht aus erfolgreicher Nachahmung und fremdbestimmter ehrgeiziger Leistungssteigerung. Ich unterbreche mein Turnen.
Konnte mir dann doch nicht verkneifen nachzufragen: „ So`n bisschen gestört sind wir doch alle mit unserer Selbstliebe, willst du gleich alle zu pathologischen Narzissten erklären in dieser Welt des Stärkekults, des Karrierestrebens, der Profit-und Wachstumssucht ? Ich wollte  ja nur-…“

“ Der gesunde Narzisst lebt stolz seine individuelle Einmaligkeit. Das Urbedürfnis deines Selbst ist es doch, sich optimal entwickeln zu können, sich anzupassen, sich durchzusetzen, sich behaupten zu können, sich nach seinen Möglichkeiten verwirklichen zu können -dabei die Umweltfaktoren berücksichtigend“, brummt Brunhildchen.

„Und der weniger gesunde Narzisst?“, frage ich, die Mundwinkel heruntergezogen.

„Größenklein und Größenselbst? Die beiden lieben nicht. Sie wollen geliebt werden.  Sie  meinen den nächsten nicht, sie brauchen ihn, sie spüren nicht, was mit dem anderen ist, sie  nehmen nur wahr, wie der andere zu ihnen steht: brauchbar oder nutzlos.  Alle herausragenden Ich-Leistungen im Sport, in der Wissenschaft, in der Politik sind der Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen verdächtig. Das Größenselbst entwickelt sich zum Vampir. Das Größenklein hingegen zum Schmarotzer. Sie tun alles, Anstrengung, Fleiß, Perfektionismus, Leistung, Aussehen, Manipulation, Suggestionen, Geschenke, Bestechungen, Versprechungen – alles, um geliebt zu werden. Das Eigene hochloben bis zur kreischenden Verblödung, alle Gegner und Konkurrenten abwerten- das ist die Dynamik“

turnenmaedchen„S-S-S….da hast du ja was zu knacken gehabt, Sherlock Holmes…. Verdächtig?“

„Wenn ich dir schildern würde, wie sich das konkret ausnimmt im Leben würdest du staunen.“

Ich entschied mich für die direkte Variante. “Lass mich staunen!“

„Erinnere dich an deine Kindheit. Kinder sind Meister darin, herauszufinden, womit und auf welche Weise, sie Anerkennung und Zuwendung von den Eltern bekommen können. Sie tun, was erwartet wird, nicht was wirklich zu ihnen passt und individuell möglich ist. Der Mangel an Annahme motiviert zu allen möglichen Anstrengungen. Leistungssport ist  ein gutes Beispiel für die Aufblähung eines unsicheren und unbestätigten Selbst. Das ist ein lebenslang anhaltender Prozess der Entfremdung. Erfolg im falschen Leben. Ein Leben neben der Spur!“ erklärte Brunhilde. Sie setzte nach:  „Weshalb wir es hier mit einem außergewöhnlichen Wurf Kinder zu tun haben, würdige Erben jenes Volkes von Unruhestiftern – Wikinger.“

„Die Suche nach dem verlorenen Glück schafft Abenteurer, Pioniere, Entdecker und formt berühmte Persönlichkeiten.“
„Na, ist doch toll!“
„Lob, Anerkennung und Dank gleiten allerdings bei ihnen ab wie Regen an einer wetterfesten Jacke. Keine Diät, keine Kosmetik, keine Schönheits-Operation kann sie wirklich befriedigen. Der Botox-Wahn, ein mimisch lahmgelegtes Gesicht, wird als schöner empfunden als ein Gesicht, welches das Leben abbildet.  Jeder Preis verliert seine Wirkung mit dem Auslöschen des Scheinwerfers. Auf der anderen Seite das Mitläufertum, Minderwertigkeit, Verantwortung delegieren –  das zerbrechliche Rückgrat des Untertanen.“

„Na, dann wimmelte es im deutschen Nationalsozialismus wohl nur so von narzisstischen Störungen“, meinte ich.
„Genau und Ausdruck fand dieser gesellschaftliche Narzissmus in einem Weltherrschaftswahn, der alles – sogar Völkermord- rechtfertigte. Ohne die begeisterte Kriegs- und Mordlust einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung gepaart mit Untertanentum wäre so ein System nicht bis zum bitteren Ende aufrechtzuerhalten gewesen. Tod. Zerstörung.  Schmach. Schuld. Wirtschafswunder machten all das vergessen. Die Größenselbst-Position wurde nach harter Arbeit wieder eingenommen.  Deutschlandfahnen durften wieder schwenken. Exportweltmeister. Denke nur an das Sommermärchen wie die Fußballweltmeisterschaft – alles Symptome des Größenwahns.“

„Ähm, ja…“ Blindlings hätte ich Brundhilde mit ihren 82 Jahren meine kleine Abhandlung über die Rätsel des Seins überlassen, übermannt von ihrer Größe.
„Nicht anders in der DDR –  peinliche Obrigkeit und willfährige Jubler – letztlich gescheitert an der Kollision zwischen der Partei  und ihren Mitläufern..deren Suggestion an der Realität zerbrach. Da gab es doch keine eigenständige Orientierung, der Einigungsvertrag stülpte denen doch lediglich unser alt bewährtes System über. Ja, mein Mädchen, man muß am Ball bleiben und die Wahrheiten durchschauen“,
„ Wo ist die Wahrheit? Und gibt es Wahrheit überhaupt?
„Ich habe die Wahrheit“ Sie lachte. “ Systemwechsel nach narzisstischem Muster. Herrschafts-Unterwerfungs-Kollision zwischen westdeutschem Größenwahn und ostdeutschem Größenklein. Lediglich die Fahnen wurden gewechselt. Jetzt erzählt uns allen – nicht nur den Wessis -die Werbung und der Casino-Kapitalismus,  wo es langgeht. Die blühenden Landschaften suchen wir jetzt gemeinsam. Die erste Million ist hart zu verdienen, die zweite kommt schon viel leichter, für die dritte und vierte Million kann ich schon gar nichts mehr. Umgekehrt müsste es sein. Dann hätten wir kein Verteilungsproblem mehr. Deshalb ist es wichtig, dass der Mensch auch Mensch sein darf. Gier beschädigt immer.“

Ich nahm meine Kranich-Position wieder ein.  „Es bleibt nicht aus, sich zu definieren, zum Beispiel in der Liebe. Aber ich halte es nicht für klug, das holterdiepolter abzuhandeln. Ich weiß, Nähe entsteht im authentischen Kontakt zweier Menschen, sich zeigen und äußern zu können, wie sie gerade sind, und darin ohne Bestätigung bestätigt werden.  Nähe wächst nicht aus Zustimmung und natürlich nicht aus Ablehnung. Wir müssen uns entwickeln, ausprobieren, entfalten, und erfahren dürfen – und auch Nähe zu sich selbst erleben dürfen. Nicht als Objekt anderer zum Star oder Helden gemacht werden im Raum dieses schützenden Selbstirrtums, sondern aus dem Erleben individueller Einmaligkeit und Andersartigkeit.“

Ich holte meine Matte aus dem Rucksack heraus und legte mich zur Gefühlsarbeit hin.

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