Um tief zu sehen, müssen wir uns tief öffnen

Augen oeffnen

kunze

„Komm geh ein Stück mit mir.“ Sie winkte mich heran. „Ich will dir etwas zeigen.“ Oft träumte ich von solchen Orten und so folgte ich ihr. Müde und erschöpft, fragend und zweifelnd. Sie schien geheimnisvoll. Drüber hin und unten durch beschritten wir viele Wege. Einige Tage lang. Weit, weit, wo alles Vertraute in blassem Blau verschwamm. Meine Lungen zogen Luft ein und aus, wie ein Blasebalg. Zellenleben erfrischen! Ich fragte mich, was wir eigentlich alles einatmen? Ist es wirklich nur Luft? Oder fährt da noch etwas anderes durch unseren Körper, während wir fast unbewusst ein-und ausatmen, auf alle Art und Weise, allen Wegen und Windungen und Wendungen?? Da stehen sich zwei Mächte in unserem Körper gegenüber: das Herz und die Lunge. Innig verbunden miteinander – das Herz und diese Lunge. Ich durchsuchte meine Taschen nach etwas Süßem. „Wie war das doch gleich mit Jesus: Bittet, dann wird euch gegeben. Klopft, dann wird euch geöffnet.“, sagte ich. Sie blieb stumm. Mensch, Martina, dachte ich,  es geht doch nicht um Instant-Manifestierungen. Wir haben doch keinen Flaschengeist geschenkt bekommen, der uns die wildesten Wünsche erfüllt. Dazu gehört ein Stückchen mehr Arbeit, als nur zu bitten. Zum Glück fand ich dennoch etwas. Wie ich weiterhin einen Fuß vor den anderen setzte, sagte ich: „Gedanken sind etwas Vibrierendes, nicht etwas Stillstehendes. Sie teilen sich in Form von Schwingungen der Zunge, den Händen, den Augen, dem Gesicht oder auch den Füßen mit.“  Sie schwieg beharrlich weiter. „Also, wenn du stimmlos bleibst, kann ich unbewusst weiter das Ungleichgewicht ausleben, in dem ich vielleicht mit dir stecke“, meinte ich. „Lass dir aber gesagt sein, echte innere Verantwortung beruht auf unserer Bereitschaft dem Ausdruck zu verleihen, was in uns vor sich geht. Das ist sowohl für dich als auch für mich wichtig.“ Durch den sanften Schlag auf ihre Schulter forderte ich Aufmerksamkeit ein. Was aber von ihr nur mit einem ironischen Hochziehen der rechten Augenbraue beantwortet wurde. Unter dem Schutzmantel ihrer andauernden Stille hallte mein solistisches Fidel-Stakkato nach. Mir platzte gleich der Stehkragen. Nüstern blähten sich auf. Zornesadern begannen anzuschwellen. „ Sich selbst in eine Beziehung einzubringen, gibt dem anderen erst die Chance, da zu sein.  Dir ist schon klar, erst wenn wir in unseren Beziehungen präsent sind,  kann der andere seine Beschränkungen überwinden und der Liebe Ausdruck verleihen. Nur durch unsere Fähigkeit zu antworten, wird unsere Liebe in der Welt real. Bis du nicht sagst, so kann ich nicht weitermachen, habe ich nämlich keine Chance, zu sagen: Was können wir tun, um das zu ändern. Das ist dir doch klar, oder?“, gab ich zu bedenken. Ich war gespannt, wohin uns ihre stille Reise führen sollte.

baumder sorgenWir erreichten das Flussufer. Sie führte mich zu einer alten Eiche. An einem der Äste hing ein großer Sack aus reinweißem Stoff herab. Sie meinte zu mir: Dies ist der Sack der Sorgen. Ich will, dass du alles, was dich im Augenblick beunruhigt, in diesen Sack legst. Ziehe es aus deinen Gedanken, aus deinem Körper heraus und lege es in diesen Sack. Sprich einfach all deine Sorgen hinein, bis keine mehr übrig ist. Ich streite mich ganz gewiss nicht mit Brunhildchen. Außerdem klang es nach einer guten Idee. Und so pumpte ich mich völlig aus.
„Fertig?“, fragte sie. Ich nickte stumm.
Da band sie den Sack zu, drehte sich um und schleuderte den weißen Sack in den Fluss.
„Siehst du? Dies ist der Fluss der Zeit. Du kannst jederzeit wiederkommen zu dem Sack der Sorgen, der an der Eiche hängt. Ach ja, und sage es auch deinen Freunden. Sie können das auch tun. Sorgt euch nicht um euer Leben. Lasst die Zweifel ziehen.

Und dann verschwand sie und ließ mich dort allein zurück.

Eines meiner Lieblingszitate kam mir in den Sinn: …Niemand wird eine große, wertvolle Sache verbergen in einem großen Werk. Aber oft hat jemand einen Schatz in ein ganz billiges Gefäß aus Ton gelegt. Das ist eine gute Beschreibung: Das sind wir Menschen. Eine Welt von Schätzen, in dem unscheinbaren Gefäß verborgen, das wir unseren Körper nennen. Brunhildchen…

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