Lass dir dein Ich nicht stehlen

Lass dir dein Ich nicht nehmen

Eines sollten wir uns klar machen: Unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren.

Wir sind eine Spezie der Geschichtenerzähler. Und ich wette, Sie haben auch schon einmal in Ihrem Leben über Ihr Umfeld, Ihren Körper und die Zeit hinausgedacht. Das Gefühl, Zeit verschwindet. Kreative Momente, in denen man vom Tun ergriffen ist.
Gipfelerfahrungen, in denen wir einen Seinszustand erreichen. Haben Sie doch sicherlich schon einmal erlebt beim Stricken, beim Lesen, beim Autofahren, beim Klavierspielen oder an einem ruhigen Platz in der Natur?

In so einem Moment traf ich auf meine kluge Freundin. Sie behauptet: Die größte Hürde auf dem Weg in ein neues Ich seien unsere Gedanken und Gefühle. Der Kern unserer Persönlichkeit sei eben nicht angeboren, sondern immer wieder formbar. Unser Gedächtnis sei gewissermaßen flüssig und verändere sich bei jedem Erinnern.

Worauf ich meine Stirn runzele. „Also ein ewiges Wiederanfangen?“, frage ich.

„Wir haben nicht eine Vergangenheit, sondern Hunderte“, erklärt Önnemarie nonchalant.  „Ja. Wir verwalten, verdrängen, beschönigen und manipulieren unsere Erinnerungen derart, dass wir uns unseres Selbstbetruges am Ende gar nicht mehr bewusst sind.“

„Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, dann ist wohl auch nichts Verwerfliches daran. Und wieso verteidigen wir überhaupt noch, was richtig ist, oder anders, was es offensichtlich gar nicht sein kann, weil es ja sechs Milliarden menschliche Versionen Wirklichkeiten auf diesem Planeten gibt, die alle als Wahrheit angesehen werden?

maedchen1.8.

Sie schaut mich an und erklärt mir, als sei ich minderbemittelt: „Wenn du dich von dem Schreck erholt hast, dass deine Erinnerungen nicht so zuverlässig sind, wie du immer dachtest, kannst du im nächsten Schritt erkennen, dass wir frei sind und unser Leben im Jetzt gestalten. Wir brauchen uns nicht von der Sichtweise abhängig zu machen, die unsere Vergangenheit prägt. Wir können in jedem Augenblick selbst prägen. Zum Beispiel, du glaubst du bist jemand. Du hältst dich für etwas Besonderes.  Wer behaupt, wird zum Oberhaupt. Dabei weißt du ganz genau, dass es nicht stimmt, dass es so etwas nicht geben kann. Tief drinnen weißt du ganz genau: Niemand ist jemand. Niemand ist  – niemand! Dieses Jemand-sein, das Ego, ist eine falsche Größe, eine Erfindung. Aber wir klammern uns daran. Wir tun so, als ob. Wir  unterstützen diese Seifenblase mit allen Mitteln: mit Geld, mit Ansehen, mit Macht, mit Wissen, mit Selbstgeißelungen. Verzweifelt versuchen wir Bedeutsamkeit zu beweisen. Wir lassen uns beeinflussen vom Denken, Fühlen und Verhalten anderer. Wir tun so, als wären wir die großen Liebenden. Wenn man liebt, zeigt man sich unverhüllt. Dann täuscht man nichts Unwahres vor.  Hättest du schon einen Menschen rückhaltlos geliebt, dann hätte der liebe Gott sich dir vermutlich schon gezeigt. Wir erklären uns zum Nabel der Welt. Aber warum sollten ausgerechnet wir, der Nabel der Welt sein? Vor uns gab es diese Welt schon. Nach uns wird es sie geben.

„Okay, seit ich dich kenne, weiß ich, ich bin nicht Ich, ich führe ein Leben als verkörperter Jemand. Es gibt mich eigentlich nicht als Ich, nur als Jemand.  Wir sind ein Bewusstsein, dass verbunden ist mit einem Quantenfeld voller Intelligenz. Ich bin eine Quantenbeobachterin meiner Gedanken Und das mit der Liebe und mit dem Ich sagen geschieht vermutlich aus rein rhetorischen Gründen, ähm…, wenn das Leben eben mit all seinen Anforderungen dazwischen funkt“, gab ich zu Bedenken. „ICH bin nur eine Welle, Wellen kommen und gehen. Wir sind ein Hochleistungsgerät, ein Mikrochip. Alle Organismen, auch Menschen, nehmen ihre Umgebung durch Energiefelder wahr und kommunizieren durch sie. Aber wenn das alles so ist mit der Wahrnehmung und den Hunderten von Wahrheiten, wie du gerade beschreibst, wieso sollen dann bitte Erkenntnisse der Quantenphysik w a h r sein? Ich sehe das so: Wir sind ein Stück Autonomie durch unsere eigene Programmierung und wir sind ein Stück Loyalität insofern, als dass wir uns mit einer gewissen Offenheit äußeren Umständen, nenne es von mir aus auch Schwingungen, anpassen. Die Frage ist nun allerdings, reagiere ich auf ein äußeres Energiefeld oder auf meine eigene unbewusste Sichtweise? Und wie lasse ich bitteschön all die von mir erzeugte Realität hinter mir? Und woher soll ich ohne Zeit, Umwelt, Körper wissen, wer ich bin? Und wie soll ich als ein körperloser Niemand leben?“, frage ich

„Als körperloser Niemand identifizierst du dich nicht mehr mit Besitztümern, Aufgaben, Menschen oder Orten. Du lebst jenseits der linearen Zeit. Du gibst dein selbstzentriertes Ego ab. Das wahre Wissen kommt immer aus dem Herzen, wusste schon Leonardo da Vinci. Bevor dein Gedanke auftaucht, hast du schon gefühlt. Jede Form von Emotionsschulung geschieht nicht ohne Grund über die eigene Achtsamkeit. (Daniel Goleman:Emotionale Intelligenz). Anders als das Tier kann der Mensch allein mit Gedankenkraft Kampf-oder Fluchtreaktion in Gang setzen. Wie kraftvoll hört sich das für dich an? Wenn Gedanken eine so große Kraft haben, sie dich krank machen können, und das können sie durchaus, warum sollten dich Gedanken dann nicht auch gesund machen können? “, schwärmte meine kluge Freundin. Ihre Stimme klingt wie ein Trommelwirbel.

„Du willst sagen, wer das Leiden meistert, kann genauso gut die Freude meistern. Ich soll mir also neue Möglichkeiten des Seins ausdenken.  Einen emotionalen Effekt, der mir vertraut wird und eine  spezielle Geisteshaltung hervorruft.  Das neue ideale Ich. Wie wäre es, …zu sein? Wie könnte ich besser…sein? Was wäre, wenn ich diese oder jene Realität leben würde? Die Lautstärke meines Verstandes herunterdrehen?  Und wohin geht bitte all die emotionale Energie, die ich bislang in mein Ego steckte? Energie verschwindet nie, sagen uns die Quantenphysiker. Sie muss also irgendwo hingehen?

„Sie geht zum Herzbereich.  Willst du entspannt in der Gegenwart leben oder im Überlebensmodus aufgehen? Schenke dieser Frage Aufmerksamkeit, indem du einfach nur fühlst.  Fühle. Fühle dich verbunden mit etwas Größerem. Fühle Dankbarkeit. Fühle Expansion, Gesundheit, Liebe, Freude, Vertrauen. Fühlte  Nichts, Niemand, Zeitlosigkeit, Energiegewinn, Wachstum, Verbundensein. Fühle alle Möglichkeiten.“

„Tausche  Überlebensmodus gegen kreativen Zustand -dem Leben in der Gegenwart…ähm…“, sage ich.

Ich werde gnadenlos abgewürgt von Önnemarie.

„Einem entspannten Leben in der Gegenwart.  Weg mit Stress, Furcht, Wut, Traurigkeit, Energieverlust, Engstirnigkeit, Getrenntsein und Ungleichgewicht. Her mit einem neu verschalteten Gehirn.“

„Klingt schickt. Einen Versuch wäre es wert.  Unterwegs in die andere Dimension. Anders denken. Anders fühlen, um so eine neue Erfahrung zu machen. Von neuen Ereignissen zu neuen Emotionen wandern. Wann weiß ich, dass ich mich im Seinszustand befinde?“

„Wenn du dich nicht mehr an deine PIN-Nummer erinnern kannst, sie aber dennoch automatisch richtig eintippst.“

„Bitte?
“ Ja, exakt in jenem Moment. Du tust etwas, ohne wirklich darüber nachzudenken. In diesem Zustand befindest du dich im Seinszustand. Das Cerebellum, der Sitz deines Unterbewusstseins, ist aktiviert. Jede Nervenzelle deines Cerebellums kann sich mit mindestens 200.000 – und bis zu einer Million – anderen Zellen verbinden, um für Gleichgewicht, Koordination, bewusste Wahrnehmung und die Ausübung kontrollierter Bewegungen zu sorgen. Aber auch Einstellungen, Reaktionen, wiederholte Tätigkeiten, Gewohnheiten, konditionierte Verhaltensweisen und unbewusste Reflexe liegen dort abgespeichert.

„Und was, wenn ich gar nicht mein Leben lebe, sondern die Erfahrungen meiner Vorfahren? Was, wenn all ihre unbeantworteten Fragen meinen Weg lenken  in diesem relativ konstanten Schwingungsfeld?“frage ich mit einem relativ schiefen Lächeln.

„Du könntest zum Beispiel sagen: Mach`s gut. Ich stehe dir dafür nicht mehr zur Verfügung“,  antwortet sie und hält mir verführerisch ein Glas Champagner unter die Nase.  Bisher hat es immer geholfen, sich mit Önnemarie zu betrinken, damit sie wieder n o r m a l wurde.

„Wie stehen wir überhaupt zur Verfügung“,  frage ich und zwinkere ihr zu.

„Bestenfalls stehen wir anderen für ihre Lernprozesse zur Verfügung. Wir lassen uns von den Wünschen, den Zielen anderer führen.  Wir tun unser Bestes, um zu helfen. Die Menschen in unserem Leben benutzen uns auch, um sich ihres emotionalen Selbst zu erinnern. Wer ich als ‚jemand‘ meiner Meinung nach bin.  Änderungsimpulse.   Nicht nur das, was man von einem anderen Menschen bekommt, schafft Bindung, sondern ebenso manchmal um so mehr das, was man sich ersehnt hat, aber nicht bekommen hat.  Jeder Konflikt ist ein Beziehungsangebot.  Es bleibt die Frage, ob es als solches wahrgenommen werden kann. Newton hat uns alle geprägt. Ursache- Wirkung. Wir verbringen unser Leben damit, auf etwas oder jemanden von außen zu warten, der oder das unsere Gefühle steuert.  Ich kann aber auch selbst die Kontrolle übernehmen, das Gefühl vor der eigentlichen Erfahrung kreieren. Fühle es. Tritt mit deinen Gedanken und Gefühlen in die Fußstapfen dieses zukünftigen, möglichen Ich. Sei diese Person jetzt oder die erwünschte Erfahrung“, sagte sie.

„Warte mal. Wie fühlt sich denn etwas an, was ich noch nicht erlebt habe?“, frage ich.

“ Du weißt, was du magst und was nicht. Dein Körper kann alles erleben, noch bevor er es über die Sinne realisiert. Du kannst dich auf  die Schwingung von Freude, Liebe und Dankbarkeit befördern. Emotionen sind, so besagt die lateinische Wurzel des Wortes Energie in Bewegung. Lösche die Emotionen, mit denen du dich einschränkst.  Lass dich nicht erst von den Umständen niederknüppeln.  Lass dir dein Ich nicht stehlen.

Wer sich allerdings verändern will, muss wissen: Energie ist mit allem im Außen Erfahrenen verbunden.  Du wirst dich von Menschen lösen, die dich lieber in deinem gefühllosen Selbst erleben möchten, das sich anpasst und klarkommt mit ihnen. Wer will schon mit jemandem etwas zu tun haben, der mit einem neuen Ich aufwartet, und darum unberechenbar und radikal auf sie wirkt? Wer will schon mit der Wahrheit zu tun haben?“

„Prost! Auf dein und mein Ich! Ist doch kinderleicht“,  rufe ich schließlich begeistert. Demonstrativ wedele ich mit dem Champagner-Glas und ziehe ein Grimasse.

„Ja, nicht?“

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