Dazu braucht es immer zwei

rettung

Nie verspürte ich weniger Lust, mich zu bewegen, als in dieser Minute, in der man meine kluge Freundin samt Boot aus dem Rhein fischte.  In schlechter Haltung und mit  nasser Funktionskleidung.  Sie hing einen Meter über dem Boden. Etwas Deprimierenderes kann es kaum geben. Eine unbekannte Müdigkeit überfiel mich. Gedanklich schrieb ich ein ganzes Buch mit dem Titel Smile or Die.  Das gesamte Deck des blütenweißen Schiffes war binnen weniger Minuten so voll, dass nicht ein Apfel auf den  Boden fallen konnte. Nur der Bordfriseur fehlte. Also Berthold…ick …na, siehste nischt.. die sieht ja echt lächerlich aus!“ „ Hast du schon gehört?“  „Hot scho e glickliche Nadur…“ Ständig und rückhaltlos brachte jeder seine Meinung zum Ausdruck. Es gibt da ein altes Sprichwort, in dem es heißt: „Unglück liebt Gesellschaft.“, und Menschen, die in der Hölle leiden, wollen nicht alleine sein.
Mein Herz stolperte…

Klatschen hat sich zur hauptsächlichen Kommunikationsform in unserer Gesellschaft entwickelt. Wie oft ziehen wir mit unserem Wort andere negativ in unseren Bann. Klatsch ist schwarze Magie in ihrer schlimmsten Form, weil sie pures Gift ist, gleich einem Computer Virus. Klatsch und schon beginnt man, einen anderen durch die Augen des Tratschenden. Ein winziges Stück Fehlinformation du schon ist man infiziert. Ein Virus, der für alle ansteckend ist. Das Resultat ist eine Welt voller Menschen, die ihre Informationen nur durch Kreisläufe erhalten, die mit einem giftigen, ansteckenden Virus verstopft sind. Das Chaos von tausend verschiedenen Stimmen… Unter- und miteinander über andere reden, über Abwesende sprechen- das ist keine schlechte Definition von Klatsch. Ein leeres Geschwätz, nichtiges Gerede, das einen Mangel an sozialer Verantwortung offenbart. Halbwissen, Bosheiten, Verleumdungen. Durch Klatsch werden soziale Wertvorstellungen in Umlauf gebracht. Klatsch ist ein Modus der sozialen Kontrolle und dient der emotionalen Stabilität. Klatsch schafft Macht. Klatsch wird durch wertende Äußerungen eingeleitet und vorbereitet.  Lachen, Pausen,  Floskeln wie ja, ja… Klatschgeschichten handeln meist davon, wie man sich benehmen bzw. nicht benehmen soll.  Fragen der Schicklichkeit, der Moral, des Anstands und guten Sitten ebenso wie soziale und sexuelle Regelverletzungen. Karrierehilfen von Kollegen führen oftmals zu Klatschgeschichten, das chauvinistische Verhalten…
Auf der Basis der Billigung weiterer Mitmenschen wird die Faktizität moralischer Regeln hergestellt. Klatsch fördert das Gespräch, schafft Vertrauen und dient der Geselligkeit. Genuss ohne Gewissen, Erkenntnis ohne Charakter. Diese ganze Misere kann durch einen einzigen kleinen Virus verursacht werden.  Schuld wird zugewiesen, doch in Wirklichkeit ist die Klatschsucht schuld.

Wie oft haben Sie die Aufmerksamkeit anderer an sich gerissen und Gift über wen auch immer verbreitet, nur um Ihre Meinung als die richtige hinzustellen?

Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein!
Kurt Tucholsky (1890-1935)

Meine kluge Freundin knurrte leise.  Die Prinzessin der Dunkelheit  glaubte noch immer, es mit den großen Ereignissen der Weltgeschichte aufnehmen zu können oder mit dreihundertjährigen Märchen. “ Perfekt. Was soll`s“, verkündete sie.  Ein kleines Lächeln blitzte über ihr Gesicht. Ich zuckte die Achseln. In vieler Hinsicht gibt es nichts Schlimmeres als einen Erwachsenen, der nicht verlässlich, sondern löchrig, nicht beständig, sondern haltlos ist.

„Ist alles okay?“, fragte ich.
„Nein. Ja.! Sie schaute mich an.
„Der egozentrische Mensch versucht, die Unsterblichkeit zu ahnen, in dem er sich auf anstrengende körperliche Herausforderungen einlässt und sich bewusst an die Schwelle des Todes begibt, um das egoistische Gefühl von Leistung, von Sieg zu erfahren. Solche Gefühle sind falsch und nur von kurzer Dauer, denn die Herrschaft der Natur über den Menschen ist absolut. Zeus-Komplex“, zitierte ich.
Der Mensch gehört nicht in Extrembedingungen, Bedingungen, in denen er schwach ist wie ein Floh. In der Liebe, in der Arbeit findet der Mensch seinen Platz, nicht im selbstsüchtigen, heldenhaften  Rausch beim Besteigen des Mount Everests ohne Sauerstoff oder in einer Nusschale auf dem Rhein.

„Okay FREUNDIN. Okay. Verstanden.

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