Ich fühle, also verdränge ich

Ich fühle, also verdränge ich

Ich befinde mich mitten in einem beispiellosen Zustand persönlichen Wachstums.  Mein neues Mantra: Ich fühle, deshalb verdränge ich. Mein Herz bleibt in wenigen Minuten stehen. Null-Linie.

Stille streckt sich zwischen mir und meiner klugen Freundin aus. Ein Stück Kuchen wäre also eine gute Idee.

Emotionen sind ansteckend.  Vorsicht bitte!

Ich versuche einen normalen und freundlichen Gesichtsausdruck.

Wenn Sie jemals einen Grund für das Essen eines Stück Kuchens brauchen, hier ist er: eine kluge Freundin. T`ai`chi, Pilates and Yoga wären weitere Optionen. Vielleicht auf dem Boden eines friedvollen Zimmers liegen. Ich in einem goldenen Licht badend.

Emotionen sind übrigens älter als unsere Fähigkeit, sie in Worte zu fassen. Emotion entstand noch vor dem Neokortex. Das ist der Teil unseres Gehirns, der für das Denken zuständig ist.

Ich halte mich just im Moment zwischen Reiz und Reaktion auf. Dort gibt es einen Raum. In diesem Raum sollen wir in der Lage sein, die geeignete Reaktion zu wählen. Ausgerechnet dort bin ich gelandet und jetzt sitze ich hier fest. Ich sollte ihn wieder verlassen. Easy-peasy möchte man meinen.
Nicht, wenn sie sich gerade auf einem Schiff zwischen der hochromantischen Strecke zwischen Bingen und Koblenz befinden. Man will ja wissen, was auf dem Rhein und den Burgen so los war. So ziehe ich mit meinen Emotionen durch burgengespickte Landschaften. Lautsprecherberieselung. Das Durchschnittsalter an diesem Tag auf dem Schiff um die Siebzig. Wie deutsch der Rhein ist. Deutsches Hotel. Deutscher Adler. Deutscher Kaiser. Hohenzollern. Straßen die jäh enden und direkt ins Wasser führen. Vielleicht die Patentlösung, um den Verkehr auf den Straßen zu entlasten, denke ich.  Allen war sehr romantisch zumute. Mir nicht.

Was ist denn eine geeignete Reaktion?
Freundlichkeit ist mächtig. Aber was mache ich dann mit meinem Ego und der Wut?
Zynismus? Will auch nur Konformität. Ein spitzer Dolch sein? Sich über moralisch, menschliche Werte auch noch lustig machen? Andere verbal ständig abschießen? Mit dem Stachel  Menschen einen Stoß versetzen, weil sie noch Ideale haben –  andere ausbremsen, weil man selbst resigniert hat? Kommt nicht in Frage. Manche Menschen verwechseln Zynismus mit Scharfsinnigkeit und Intelligenz. Richtig, man muss hell im Kopf sein. Aber Zynikern fehlt häufig die emotionale und soziale Kompetenz. Zynismus ist eine der Möglichkeiten, sich über andere zu erheben. Nein, Zynismus ist schlecht für`s Karma.
Nein, ich nehme die archäologische Ausgrabung nicht in Angriff. Pah! Image ist alles. Emotionen sind flüchtige Erscheinungen. Es wird vorübergehen. Lenke dich ab, Martina.
Blinzel mit dem rechten Auge.
Blinzel mit dem linken Auge.
Dann mit beiden. Dreimal.
Okay, jetzt bin ich ein Meister im Blinzeln.

Denken Sie etwa die Gruppe der Meister ist ein exklusiver Club? Meister zu werden, ist keine Sache der Gene. Man braucht einfach nur Anweisungen zu folgen.
Immer schön bei der Stange bleiben. ..sich bloß nicht von seinen Emotionen überrollen lassen.

Wie wäre es mit der Furcht? Senke Furcht auf Null= Freude. Eben. Leben beginnt im Formlosen sagt doch meine kluge Freundin immer.
Furcht löst mehr als 1400 biochemische Prozesse aus, aktiviert mehr als 30 Hormone und Neurotransmitter. Und! Und es fällt schwer, sich sich in ihr auf Liebe oder Wachstum zu konzentrieren.

Ich huschte von Deckung zu Deckung im Raum zwischen Reiz und Reaktion.
Jeden Augenblick bereit zum Absprung inmitten all der Wirren ungestümer Emotionen.

Gute Gefühle: Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit, Interesse, Hoffnung, Stolz, Vergnügen, Inspiration, Ehrfurcht, Liebe, Neugier, Glaube, Emotion des Vertrauen.
Weniger gute Gefühle: Wut, Scham, Verachtung, Furcht, Stress, Peinlichkeit, Schuld, Hass, Traurigkeit, Zweifel.

Wie konnte sie nur!  In meine Überlegung platzt ein Ausruf des Captain`s: „Boot voraus! Maschinen sto–p–p!“  Ja, STOP. Jetzt is es raus. Jetzt haben sie meine kluge Freundin und ihr kleines Boot entdeckt. So musste es ja kommen.  Diese Geißel der Menschheit, die alles besser weiß. Irgendwie schafft sie es immer.  Die Vermisstenmeldung gab ich nach dem Frühstück auf. Zuletzt rudernd direkt neben dem Rheinschiff gesehen. Ungefähr um 10.30 Uhr. Was um Himmels willen willst du machen?, fragte ich sie noch vor dem Ablegen des Dampfschiffes. Vorauspaddeln will sie. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.  Äh, meinte ich, können wir darüber reden? Natürlich kann man mit einer klugen Freundin nicht darüber reden.

Wut = Furcht, das Gefühl etwas Wertvolles zu verlieren.

Vollkommenes Glück = Begeisterung minus Erwartung.

Wellen krachen gegen das Schiff. Wenn ich nicht sofort meinen Emotionen gebührende Aufmerksamkeit schenke, diese glibbrige Masse aus der Welt der Finsternis, schlagen die Emotionswogen in meinem Raum zwischen Reiz und Reaktion hohe Wellen. Ich verschränke die Arme und mache ein intelligentes Gesicht. So ist sie. Während sie an einem Ort ist, denkt sie  bereits einen anderen. Niemals zufrieden. Niemals heiter und gelassen an einem einzigen Ort ankommen wollen. Warum ausgerechnet auf dem Rhein?  Warum nicht ein Frosch auf einem Seerosenteich? Jetzt sitzt sie mit knapp sitzender Jeans, Bomberjacke, Handy und Einwegkamera in einem Holzboot und kämpft um ihre Vorlieben – eine Goldmedaille.  Sie könne anschließend über ihr ganz persönlichen Reiseerfahrungen schreiben, meinte sie vor dem Start.  Ich habe schon eine Headline für dich, antwortete ich. Die begabte Reisende. Zuckertief. Ich bin irgendwie sauer und stopfe mich mit Kuchen voll.  Benommen esse ich. Ich platze vor Wut. …Sightseeing und Önnemarie rudert in einer Nussschale voraus.  Hilfe-Hilfe- ein -neuer Tag. Bitte!
Man kann nur ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung ertragen, bevor einem schlecht wird. Ich redete mir ein, es ist der Kuchen.  Sie ist ein Irrenhaus. Meine grauen Haare standen nervös ab wie eine Pflanze.  Von allen höllischen Dingen….das ist alles ein Konzept von ihr, eine kolossale Verschwörung, ..sie will mich wütend machen,… sie wolle die spektakuläre Aussicht, die vor einem liegt, genießen sagte sie. Sie versuche etwas zu machen, was Spaß macht und Abwechslung bringt,….Riiiiesig! Können wir bitte nach Hause fahren, fragte ich leise. Zuhause…deine Koordinaten neu sortieren?… Vielleicht sollte man manchmal das Gefühl der Freude meiden, gab ich zu bedenken.

Der Klang des ölverschmierten Schiffankers war nicht zu überhören. Maschinen heulten auf. Ich setze meine Sonnenbrille auf.  Mit einem würdevollen Schweigen beobachte ich das Geschehen. Alle rannten flott zum vorderen Teil des Schiffes. Gleich klappe ich zusammen.  Ich sah auf mein letztes Stück Kuchen hinunter, meine Brille ganz vorn auf der Nasenspitze.  „Meine arme, ertrunkene kluge Freundin“, sage ich. “ In wenigen Wochen denkt kein Mensch mehr an dich. So ist das. Alle machen ein Riesentamtam. Und dann vergessen sie dich.“  Ich legte mir ein Taschentuch über Nase und Mund.  Vorwarnung: Angst. Eine Angst, die ich nicht richtig zu fassen bekam. Ich wünschte mir hundert Heliumballons herbei, mit denen ich entschweben kann. Einfach davonflattern.  Machtlos, Wut, Sorge, Angst. Ich massakriere sie. Ich metzele sie ab, wenn sie das hier überlebt. Man weiß ja nie.

Nimm dich so an, wie du heute bist, Martina. Es gibt keine wahre Freude und kein Mitgefühl ohne schwierige Emotionen – alles, was wir ohne Furcht, Wut und Traurigkeit erlangen, sind nur billige Imitationen von Freude und Mitgefühl, nähmlich Annehmlichkeit und Sentimentalität.  Emotionen lassen uns spüren, dass Dinge uns am Herzen liegen.  Sei nicht Mr. Spock. Lege deine Emotionen nicht trocken.

Wie Marcel Schönefeld schreibt: Dieses nach außen gerichtete Verhalten durch Anpassung untergräbt die eigene Entwicklung der Identität bzw. Integration und folglich entsteht eine Diskrepanz zwischen Innen- und Außenerleben der Person, welche einen inneren Konflikt mit sich bringt. Herzlichen Dank für deine Anmerkungen, lieber Marcel.

Hier der Link zum Artikel:

http://sinnbehaftetegesundheit.wordpress.com/2013/06/16/5-empathieunfahigkeit-ein-teufelskreis/

 

to be continued…

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “Ich fühle, also verdränge ich

  1. Marcel Schönefeld sagt:

    In „Der Wahnsinn der Normalität“ von Arno Gruen wird ein Versuch unternommen destruktive Verhaltensweisen aus einer psychoanalytischen Perspektive heraus zu erklären. Hier wird die These aufgestellt, dass eine Ursache destruktiver Mechanismen in der Entwicklung eines abgespaltenen Selbst von seinem inneren Kern zu finden ist. Ich selber bin mir über die Richtigkeit noch nicht zu 100% sicher, da diese Thematik sehr komplex ist.

    Laut Gruen fängt die Abspaltung schon in der frühen Kindesentwicklung an und ist oftmals eine zwangsläufige Reaktion des Kindes auf „falsche“ bzw. empathielose Liebe bzw. Erziehungsstile der Eltern. Dieser Liebesmangel bleibt dem Kind nicht verborgen und somit entsteht der Antrieb die eigenen Lebensäußerungen nach denen der Eltern auszurichten, um doch noch wahre Liebe und Anerkennung zu bekommen. Auf diesen Mechanismus möchte ich auf meinem Blog näher eingehen. Hier der Link zum Artikel:

    http://sinnbehaftetegesundheit.wordpress.com/2013/06/16/5-empathieunfahigkeit-ein-teufelskreis/

    Dieses nach außen gerichtete Verhalten durch Anpassung untergräbt die eigene Entwicklung der Identität bzw. Integration und folglich entsteht eine Diskrepanz zwischen Innen- und Außenerleben der Person, welche einen inneren Konflikt mit sich bringt. Diese Diskrepanz muss nicht zwingend für andere Personen im Umfeld erkennbar sein, doch dem eigenen Inneren bleibt dieser Konflikt nicht verborgen. Gruen sieht darin eine Ursache für die Entstehung von Selbsthass, der sich in Form von Wut, Aggression, Gewalt und Destruktivität breitmacht. Man hasst sich selbst, weil man ein falsches Leben (basierend auf der Lüge, dass man durch Anpassung Liebe und Anerkennung erhält) gewählt bzw. entwickelt hat. Deshalb werden von solchen Personen alle solidarischen und menschlichen Züge (z.B. echte Gefühle) abgewertet, gemieden und unterdrückt, da sie an den frühzeitig erfahrenen Liebesmangel erinnern. Folglich stirbt der Rest an Empathiefähigkeit ab (auf die daraus resultierenden Folgen möchte ich jetzt nicht eingehen) und die Lüge des Verrates an einem Selbst bleibt ignoriert, aber dennoch spürbar, was den Hass erneut mit Futter nährt.

    Demnach scheint für bestimmte Personen Gewalt, Hass und Destruktivität (unabhängig davon wie stark diese ausgeprägt sind) der einzig „wahre“ Ausweg aus diesem Teufelskreis zu sein. Doch dieser Ausweg ist vielmehr eine Vertiefung der Problematik.

    • martinakunze sagt:

      Lieber Marcel,
      wunderbar. Herzlichen Dank für deine überaus interessanten Anmerkungen. Arno Gruen. Lange her, das ich ihn las.Hochspannend, an Aktualität nichts verloren.
      Dein Link zum Artikel ist im Artikel gesetzt.
      LG
      Martina

  2. Liebe gibt es nur wenn man es kennt

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