Die Farben deiner Kraft entdecken

Die Farben deiner Kraft entdecken

Gepäck aus dem Kofferraum auf einen der kleinen Koffertrolley geladen. „Glaub mir, das wird der Wahnsinn“, versichere ich meiner klugen Freundin freudestrahlend. „Davon hast du doch geträumt, wenn du abends auf deinem tränennassen Kissen eingeschlafen und mit vom Heulen verquollenen Augen wieder aufgewacht bist. Das ist deine zweite Chance. Diesmal kannst du mit ihm drei Tage majestätische Anblicke der Berge bestaunen. Wie ein richtiges Pärchen, Dinge tun, die Pärchen tun.  Önnemarie reißt sich zusammen. „Toll“, sagt sie. Sie kramt schnell ihre billige Sonnenbrille heraus. „Ich kann es kaum erwarten.“
„Es wird dir bestimmt gefallen! Wandern ist nicht nur was für Omas“, witzele ich.
Meine kluge Freundin sieht aus, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. „Vergiß nicht, die Ursache für Leiden ist lediglich die Vorstellung, dass etwas geschieht, was nicht geschehen soll. Das hier jetzt soll in deinem Leben geschehen. Darin liegt noch eine tiefere Wahrheit zugrunde: Nichts, was je geschieht, ist „schlecht“ für dich, denn sonst würde es gar nicht geschehen. Intensive emotionale Erfahrungen gehören zu uns – wir wollen sie machen verbunden mit intensiven Gefühlen in unserem Körper. Wächst deine Seele an Erfahrungen, dehnt sie sich aus. Das wird ein Riesenspaß, du wirst sehen!“, sage ich und lächele.
„Und wie“, entgegnet sie knapp.
Nichts gibt mehr persönlichen Freiraum, als die tagtägliche Bestimmung des eigenen Bewusstseinzustandes. Die Farbe Rot tritt derzeitig in der Aura meiner klugen Freundin am stärksten hervor. Ellenbogenenergie. Es erinnert an Überlebenskampf. Dieser Strahl taucht sofort auf, wenn wir uns auf selbstgefällige Weise miteinander vergleichen, sei es, dass wir andere wissen lassen, wieviel gescheiter unser Kind ist, dass wir mehr Geld verdienen oder schlichtweg, dass wir bessere Menschen sind. Während das Ego sich aufbläst und anschwillt, verlieren wir den Kontakt mit uns Selbst. Wir schaffen uns dadurch viele Illusionen, verleugnen wahre Gefühle und Problembereiche, halten uns selbst zum Narren. Heimlichtuerei und Verlogenheit gehören zu diesem Strahl. Er ist bei manchen derart stark ausgeprägt, dass sie allein dadurch ein Großteil ihrer sonstigen Energie verlieren. Ein so wunderbarer Mensch wie ich darf doch keine Schwächen haben. Önnemarie`s Schutzpanzer leuchtete dazu noch Gelb. Zusammengezogene Angstenergie. Grund für diesen Strahl: Ich weiß, was gut und richtig ist, und zwar besser als jeder andere. Also brauche ich auch nichts Neues zu sehen, zu hören oder zu denken. Eingebildetsein. Dünkelhaftigkeit. Selbstgewählte Ignoranz. Besorgnis. Sie war von ihrem inneren  Zentrum abgeschnitten. Es war klar, dass ihr Ego in den kommenden Tagen bloßgelegt werden würde. Schutzpanzer können nur durch positive Energie wie Mut, Wahrheitsliebe, Einsicht gebrochen werden.

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Wäre da nur nicht unsere Sozialisation. Wäre da nur nicht der große Irrtum. Könnte es nicht so sein, dass es Mut erfordert, wenn ich sage, ich denke anders in einer Welt der Gewohnheiten. Ich spüre in meinem Herzen, dass ich anders denke. In einer Welt, in der neunzig Prozent aller Menschen sagen das ist gut, zu sagen, das ist schlecht, erfordert wahrlich Mut. Es erfordert ebenso Mut, sich in seiner ganzen Verletzlichkeit zu zeigen. Doch leider wird auch dieses von anderen zu gerne als Schwäche abgewertet oder als Unangenehm, gar als Zumutung empfunden, von der man sich schnell distanzieren mag. Also spielen wir Rollen. Die meisten Krankheiten resultieren aus diesem Verdrängen und Verstecken. Wir lernen nicht, dass es sich bei Emotionen wie Wut, Scham, Trauer, Schuld, Ohnmacht, ebenso um w e r t v o l l e Emotionen handelt. In vielen Kulturen lernen wir, dass sie nicht gut sind. Wir wurden auch nicht geliebt mit diesen Gefühlen. Wer kennt sie nicht, all die braven, lieben Töchter ihrer Eltern, besonders ihrer Väter. Ein völliger Irrsinn – wir sollen diese Gefühle fühlen.

„Du auch, meine liebe kluge Freundin“,sage ich und lächele ihr mitfühlend zu.

„Wow ich bin ja so ein Glückskind. Ich kann mich kaum noch beherrschen vor lauter Aufregung.  Siehst du schon die Kraft meines grünen schöpferischen Strahls in meiner Aura aufleuchten?  Ich suche schon ganz kreativ nach einer Ausrede, warum ich den Flieger verpasst haben könnte. Ich muss mich aus dieser Beengung befreien“ ,
„Das ist der grüne negative Energiestrahl, der dich da treibt.  Du willst dich in Kontrolle fühlen. Und der gelbe Strahl deines dritten Chakras spielt auch mit hinein. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Verletzung, Angst, andere zu verletzen, Angst vor Veränderung. Nutze sie besser im positiven Sinn. Nutze die positive Energie deiner gelben und grünen Strahlen. Nutze sie für deine Fähigkeit, Probleme zu lösen, die Offenheit, die du brauchst. Du willst doch aus der Unwissenheit raus. Also. Alles ist gut. Sei mutig- das bist du auch!  Weg mit dem inneren Aufruhr, der Unsicherheit, Verurteilung, Selbstgefälligkeit und Unbeugsamkeit. Es ist gut, deine unausgearbeiteten Gefühle zu reinigen.“
„Jeder marschiert zu seiner eigenen Musik, Martina. Selbst, wenn er nicht in Harmonie mit dir ist. Wenn ich jetzt nicht fliege …und es könnte gut sein, dass ich nicht fliege, ist das meine eigene karmische Wahl. Zahllose Menschen machen das! “, trompetet Önnemarie entschlossen.  Meine kluge Freundin steht da, eingefroren in die Landschaft eines Flughafens. Da hilft es auch nicht, dass ich hier mit Abstand die Älteste bin.

„Na, gleich verliere ich aber auch die Energie aus meinem Solarplexus. Man könnte meinen, in deiner Aura schimmert lediglich ein trübes Braun. Was hältst du denn all deine positive Energie zurück?“, sage ich.  Liebe, Menschenliebe, genaugenommen bedingungslose Liebe musste her. Lavendelfarbenes, Schwingungen im Indigoblau..

„Ich wünschte dieser Kelch würde an mir vorüberziehen“, sagt sie. Dabei starrt sie unbehaglich auf ihre Turnschuhe.

„Du, Önnemarie wirst zu einem romantischen Wochenende entführt. Noch dazu als Überraschung. Flauschige Bademäntel. Frische Beeren auf Joghurt, nierenförmige Swimmingspools, exotisch wirkende Cocktails, gemütliche Abende vor dem Kamin, samtweiche Hügellandschaften, jungenhafter Charme,  Military-Fitness-Typ, vielleicht zarte, federleichte Küsse“, sage ich ganz aufgeregt. Ich nehme ihre billige Sonnenbrille von ihrer Nase und  blicke  in ihre blassen Augen.

Eiswürfel„Aber zu welchem Preis! Ich wäre lieber mit einem Typen zusammen, der mich auf Händen trägt und nicht auf Überraschungsreise mit einem,  der mir vor zwei Monaten,  einer Woche, zwei Tagen und vier Stunden das Herz brach, nicht, weil er mir sagte, er liebe mich, aber eben nicht so nicht, lass uns Freunde sein, das sagt man so, wenn man Schluss machen will. Er brach mir das Herz, mit dem Satz, er könne sich keine Zukunft mit mir vorstellen. Das muss man mal erlebt haben. Und das habe ich zweimal. Dass er mich nicht liebt, kann ich ja noch verstehen. Ich war ja auch nicht ich. Ich dachte, ich sei nicht gut genug. Dass ich mich ändern müsste, mehr und besser….“, sagt sie. Sie kämpft mit den Tränen und setzt die billige Sonnenbrille wieder auf. Ihr Strahl der Unsicherheit zieht sich zusammen.
Zu sehr belastet, um selbstsicher zu sein.

Einen Moment sagt niemand etwas.

Leute sind meistens sehr selbstsüchtig in dertraeume1 Art, wie sie andere behandeln. Ich bin es auch gerade gewesen. Martina, nimm deine Graubereiche wahr. Versetze dich in ihre Situation hinein.  Das Universum besteht aus Energie. Alles ist Energie. Sie kann sich auf tausenderlei Weise bewegen. Einfach nur rosafarbene Menschenliebe ausstrahlen, das verbreitet hilfreiche Energie. Liebe im roten, Mitgefühl im blauen Chakra.  Die härteste Nuss: das violette Chakra. Unser Arbeits-Chakra. Nüsse wie Selbstgerechtigkeit, Verurteilung, Kommunikationsschwierigkeiten sind dort zu knacken. Noch immer stellen wir uns selbst in Frage und die größte Unsicherheit liegt ja ja bekanntlich in der Frage, ob wir geliebt werden oder nicht.

„Das Leben ist wie ein Tanz. Ein großer Spaß. Aber manchmal wird man dann müde..Das war eine ganz bescheuerte Idee. Ich könnte mir vors Schienbein treten. Er ist ein toller Mann. Aber es geht nicht um ihn. Es geht um mich. Ich bin nicht die Richtige für ihn. Mein Lieblingsfilm ist nicht Star Wars, meiner ist  Life of Pi und die Bezaubernde Welt der Amelie  und Chocolate. Ich esse gerne stinklangweilige Spagetti`s. Ich laufe nur, um die Bahn nicht zu verpassen. Ich verträume meinen Tag gerne in der Natur. Er joggt mit Kilometerzähler und rechnet mir vor, wie viele Muskelmasse er wieder aufgebaut hat. Ich will mich in jemanden verlieben, der mir das Gefühl gibt, der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt zu sein, und gemeinsam mit ihm auf die verrückte, irre Reise gehen, die sich Leben nennt. Ich will nicht sechsmal verlassen werden, weil er an einem noch losen Faden namens Freiheit zieht und unseren gesamten Strickpullover mal eben so aufribbelt und auseinanderfallen lässt. Und nochmal. Und nochmal. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als fünfzig Jahre mit jemandem gemeinsam durchs Leben zu gehen, der mich liebt, wie ich bin, mit Haut und Haaren, und für den ich genau dasselbe empfinde. “ Und dann lacht sie glockenhell auf und entblößt zwei Reihen winziger, perfekter und sehr gerader Zähne.

„Das ist ja länger als lebenslänglich. Tja, dann gehen wir wohl besser.“, sage ich. London löst sich auf der Stelle in Luft auf. Es ist als müsste das Pendel erstmal zum anderen Extrem schwingen, bevor es in der Mitte zur Ruhe kommt.

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