Die großen Erfahrungen enden nie

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„Der Kreislauf aus Problemen, die erzeugt werden, gefolgt von Versuchen, sich gegen sie zu wappnen, ist ähnlich wie das Ziehen eines Fadens, den man besser in Ruhe gelassen hätte. Je mehr wir daran ziehen, desto mehr ribbelt sich das Gewebe auf, und dann müssen wir es ganz neu vernähen. Stürzen wir uns nicht auf gleiche Weise in Berufe? Stürzen wir uns nicht so in Beziehungen?“,fragt meine kluge Freundin leise und zuppelt dabei an einem roten Faden ihres aufgeribbelten Pullovers. Ich ziehe eine Schnute und schmecke den Satz nach. Links Kuchen, rechts Schnittchen.“ Ich habe dir erst  letzte Woche gesagt, finde deine eigene Mitte. Aber du tust, was die meisten tun, wenn man ihnen so etwas sagt. Sie gucken einfach in den Spiegel. Da ist überall ganz viel Mitte, bei manchen reicht die Mitte vom Kopf bis zu den Zehen. Der weiße Tai Chi Kranich hebt seine Flügel. Da sieht man auch viel Elend. Vermutlich sind wir alle mit so vielen Spiegeln ausgestattet, damit wir die Notwendigkeit des Trainierens einsehen“, sagt sie und ribbelt energisch an ihrem Pullover. Meine Augen tanzen Foxtrott. Was soll ich sagen? So ist das mit uns, denke ich. Träume sammeln wie Pollen, bis der Schweiß und Tränen alles wegwaschen, was nicht möglich ist. Wie von Wetter beschlagene Fensterscheiben warten wir auf Hände, die uns klarreiben. Es ist unvermeidlich. Ist es eng, gibt es keine Ruhe. Die Welt scheint kleiner, gemeiner und voller Gefahren.  Sie endet nie die Entwicklung. Ich sag‘:“  Beim Nörgeln fangen die Ohren an zu vibrieren. Vergiss nicht, wir hören uns reden, damit wir wissen, was wir denken. Wenn du nörgelst, wird der andere aggressiv und läuft davon. Die Aura wird wie ein Sieb durchlöchert. Unser DNA zieht sich bei Ärger und Frust nachweislich zusammen. Unsere Schwingung senkt sich. Wir beschneiden uns selber. Gefühle und Emotionen beeinflussen die DNA. Du weißt, Entfernung spielt keine Rolle. Das gesamte Universum ist eine Welt interagierender Wellenmuster. Wir sind dieses Feld. Alles, was wir tun geht in ein kosmisches Weltbild über. Alles interagiert miteinander. Wir senden ständig, ob wir es wollen oder nicht, Impulse. Diese treffen auf die Energie anderer Menschen, wenn sie mit uns gleichschwingen. Wir sind Sender und auch Empfänger. Gesetz der Resonanz. Wir sind die Gestalter unserer Welt.  Und leider werden wir süchtig, nach dem, was wir kennen. Egal, ob negativ oder positiv.“  „Ach nee, ich tupfe mir gleich mal  ein paar Tröpfchen Super Plus (Chanel No.5) hinters Ohr. Blödes Wetter.Blöder Sommer.Blöder Regen. Hast du am Weihwasser genascht?“, wetterte meine kluge Freundin.  „Schon mal darüber nachgedacht, was passierte, wenn alle Menschen dieser Welt ihre Schwingung erhöhten?“fragte sie. “ Wir wüssten, wer wir sind. Kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus, wären wir uns unserer schöpferischen Kraft bewusst. Wir handelten aus Liebe und nicht aus Angst.  Und Frau Klug, hast du dich jemals gefragt, wie es gelingen konnte, dass wir auf so niedrigem Schwingungsniveau gehalten werden, obschon wir offensichtlich über die Fähigkeit verfügen, uns auf eine höhere Schwingung zuzubewegen? Was hält unsere Schwingung so tief? Wodurch ist das gelungen?“  Meine kluge Freundin linste an ihrem unendlich langen Pullover vorbei: „Wir brauchen diese Erfahrungen. Das sind alles Prozesse der Bereinigung. Wir bekommen im Außen gespiegelt, was noch in uns ist und gelöst werden soll.  Nur wenn alles im Chaos versinkt, kann  Neues beginnen. Das Alte macht Platz, um Neues einzulassen.  Es wird präsent. Immer präsenter. Selbst die Erdschwingungen haben sich bereits verändert. Polarität und Rhythmus. Verstehst du. Das ist wie mit dem Ein-und Ausatmen. Das eine geht nicht ohne das andere.“  Ihre Chakren bebten. “ Ich bin eine spirituell interessierte Menschin aus Bonn und mein Name ist Önnemarie und ich arbeite auf einem Ponyhof. Diesen Sommer buche ich einen Urlaub bei den Schamanenpriester auf Langeland. Ich trinke nur stilles Wasser ohne geschwätzige Kohlensäure. Pah, Martina, lass los und lebe endlich deinen Seelenplan. “

„Dafür müsste ich ihn erst einmal kennen, Ö-ö-önnemarie“, sag ich. Bis ich mich endlich durch alle Vokale gegrätscht hab, flitzt meine kluge Freundin mit ihrem überlangen roten Pullover und dem aufgeribbelten Faden schon in ihren Gemüsegarten.  „Wann bin ich in der Lage, herauszufinden, was durch mich zum Ausdruck gebracht werden will? Wann kann ich endlich den Himmel berühren? Alle möglichen Ichs, die ich hätte sein sollen – all die Ziele und Wünsche. Doch hier bin ich und das meiste ist verschwunden.  Ich könnte Tourist in Köln spielen, den Dom angucken, die Kollekte klauen und die paar Cents anschließend im Biergarten vertrinken. Was bedeutet dieses Leben des Fü-üh-l-e-ns für mich?“, rufe ich ihr hinterher.

 Der Gemüsegarten meiner klugen Freundin

Herz2

“ Manchmal birgt das echte Leben einfach mehr Realität als ein Mensch alleine ertragen kann. Das Fühlen unserer Gefühle ist der einzige klare und direkte Weg, unsere Herzen von ihrem Schmerz zu befreien. Mach dir keine Sorgen, falls du keinen Mann findest, hast du ja uns. Eigentlich siehst du ja noch ganz gut aus für dein Alter.  Und das Ohr ist nur ein Blütenblatt, das aus dem Herzen wächst, naja, ähm wachsen sollte. Wenn wir einander zuhören, wird alles zu einem Garten.“ ruft sie zurück, zerwuscheltes Haar, traumhafte Rückenmuskulatur, Rharbarber-Blätter umarmend, knietief im Beet versunken.

Meine Hörner ziehen  sich unter meiner Schädeldecke zurück.  Ich bin gerade noch älter und noch reifer geworden.

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Ein Kommentar zu “Die großen Erfahrungen enden nie

  1. […] Ausschnitt kommt von Martina Kunze, die ganz viel Spannendes, Schönes und Denkbares durch ihren Blog teilt (vermutlich noch viel mehr […]

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